ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2017Multiresistente Erreger: Alter Kampf mit neuen Mitteln

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Multiresistente Erreger: Alter Kampf mit neuen Mitteln

König, Romy

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Seit März ist der antibakterielle Wirkstoff Ceftazidim-Avibaktam auf dem Markt. Die Kombination wirkt spezifisch gegen Infektionen, die durch multiresistente gramnegative Bakterien ausgelöst werden.

Wissenschaft und Kliniken befinden sich weiter im Kampf gegen multiresistente Erreger: „Nachdem mehr als 20 Jahre lang die Methicillin-resistenten Staphylococcus-aureaus-Stämme (MRSA) unser Problemerreger Nummer 1 waren, bereitet uns nun die rasche Verbreitung resistenter gramnegativer Erreger große Sorge“, sagte Béatrice Grabein, leitende Mikrobiologin am Klinikum der Universität München, bei einem Pressegespräch in Frankfurt. Die sogenannten MRGN verursachten auf deutschen Intensivstationen bereits heute mehr Infektionen als MRSA und Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) zusammen.

Versuchte die Medizin bisher, den gegenüber Betalaktam-Antibiotika unempfindlich gewordenen MRGN-Erregern mit Carbapenemen beizukommen, stößt sie nun auch hier an ihre Grenzen: „Der vermehrte Einsatz von Carbapenemen hat wiederum zu einer Verbreitung Carbapenem-resistenter Erreger (CRO) geführt“, so Grabein. Ein Teufelskreis aus Bakterienevolution und Selektionsdruck, der typisch sei für die Epidemiologie – und der gravierende Folgen habe: Die Inzidenzdichte von CRO-Infektionen auf deutschen Intensivstationen liegt heute bereits bei einer Rate von 0,15 pro 1 000 Patiententagen – und damit, so Grabein, in der gleichen Größenordnung wie die Zahl der MRSA-Fälle.

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„Bei Carbapenemasen vom Typ KPC (Klebsiella-pneumoniae-Carbapenemase) oder OXA-48 kann man Carbapeneme schon nicht mehr anwenden“, bestätigte Markus Weigand, Ärztlicher Direktor der Klinik für Anästhesiologie der Uniklinik Heidelberg. Er gehört zu den ersten Ärzten, die den neuen Wirkstoff Ceftazidim-Avibaktam einsetzen, ein Antibiotikum, das gezielt die Behandlung von bakteriellen Infektionen aufgrund multiresistenter gramnegativer Erreger adressiert. Das Besondere: Es wirkt auch bei Erregern, die resistent sind gegen Carbapeneme.

Ceftazidim-Avibaktam (ZaviceftaTM) ist eine Kombination aus dem Breitspektrum-Cephalosporin Ceftazidim, das gegen Enterobakterien und Pseudomonas aeruginosa wirkt, und dem β-Laktamase-Inhibitor Avibaktam. Letzterer ist laut Pfizer vor allem deshalb relevant, weil er – im Gegensatz zu herkömmlichen β-Laktamase-Inhibitoren wie etwa Tazobaktam – ein breites Spektrum von β-Laktamasen der Ambler-Klassen A und C sowie einige der Klasse D hemmen könne, darunter ESBL, KPC, OXA-48-Carbapenemasen und AmpC-Enzyme.

Umfangreiche Studien belegen Wirksamkeit

Ein groß aufgelegtes Programm aus 6 prospektiven, internationalen, multizentrischen und randomisierten Phase-III-Studien habe die Wirkung nachgewiesen, erläuterte Florian Wagenlehner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie, Kinderurologie und Andrologie am Universitätsklinikum Gießen: „Die Wirksamkeit wurde belegt für die Indikationen komplizierte intraabdominele Infektionen (cIAI) und komplizierte Harnwegsinfektionen (cUTI) einschließlich Pyelonephritis sowie bei nosokomialen Pneumonien (HAP) einschließlich beatmungsassoziierter Pneumonien“, so Wagenlehner. Auch die Behandlung von Infektionen mit aeroben gramnegativen Erregern bei erwachsenen Patienten mit „begrenzten Behandlungsoptionen“, bei Menschen also, für die wegen einer Panresistenz keine anderen Antibiotika zur Verfügung stehen, wurde als Indikation aufgenommen.

Wie hilfreich ein solches Medikament in der Intensivmedizin sein kann, erläuterte Weigand. Er verabreichte das neue Präparat unter anderem einem 77-jährigen Mann, der nach einer radikalen Prostatektomie eine Sepsis sowie eine Beatmungs-pneumonie entwickelte. Zuvor erhielt der Patient, in dessen Blutkultur der 3-MRGN-Erreger Klebsiella pneumoniae nachgewiesen werden konnte, eine Initial-Antibiotikatherapie mit dem Carbapenem Imipenem/Cilastin – später auch zusätzlich Vancomycin –, nach einem Weaningversagen schließlich Meropenem.

Als ein weiteres Antibiogramm eine Carbapenem-Resistenz zeigte, griffen die Ärzte zu Ceftazidim/Avibaktam – der Patient stabilisierte sich daraufhin, die Infektwerte gingen zurück. Doch Weigand machte auch klar, dass er nicht vorneweg den breiten Einsatz eines neuen Präparats favorisiert: „Wir dürfen uns neue Antibiotika nicht gleich wieder in ihren Resistenzlagen kaputt machen.“ Der Teufelskreis aus neuen Medikamenten und daraufhin entwickelten Resistenzen müsse unterbrochen werden. „Und das geht nur, wenn wir in der Behandlung mit Antibiotika eine gute Balance finden.“

Romy König

Quelle: Pfizer-Pressegespräch „Neue Option in der Antibiotika-Therapie: ZaviceftaTM bei Infektionen mit multiresistenten gramnegativen Erregern“ am 19. Juni 2017 in Frankfurt/Main.

1.
Maechler F, et al.: Infection 2015; 43 (2): 163–8 CrossRef CrossRef
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Carmeli Y, et al.: Lancet Infect Dis 2016; 16 (6): 661–73 CrossRef
3.
Torres A, et al.: ECCMID 2017, ESCMID
eLibrary, OSO603.
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