ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2017PI-Diagnostik: Inakzeptable Argumentation
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Bereits die Wortwahl der Überschrift „Schritte auf dem Weg zur Eugenik“ des Beitrages will der Ärzteschaft offensichtlich suggerieren, dass vor allem die Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland eugenische Ziele verfolgt. Autoren aus dem Fachgebiet Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin wählen den Begriff Eugenik natürlich in genauer Kenntnis seiner Wirkung.

Die Autoren sehen in der Formulierung einer Publikation der PID-Zentren Lübeck und Hamburg, die PID biete „Paaren mit erblicher Vorbelastung eine weitere Möglichkeit, ihren Kinderwunsch zu erfüllen – trotz a priori hohem Risiko für eine genetisch bedingte Entwicklungsstörung beim Kind“, einen Beleg dafür, dass es sich bei der PID um eine „Hightech-Variante der klassischen eugenischen Selektion“ handle. ... Die Autoren behaupten, dass nicht in allen Fällen der ursächliche Gendefekt bekannt sei, „sodass es mittels einer genetischen Testung nicht immer möglich sei, ein Auftreten der Erkrankung beim Nachkommen auszuschließen“. Diese Aussage ist völlig unverständlich, da bei unbekannter genetischer Ursache eine PID nicht möglich ist.

Es werden Krankheiten genannt, die mit einer normalen Lebenserwartung vereinbar sein sollen (Incontinentia pigmenti, Neurofibromatose Typ I) oder sich durch eine rechtzeitige Behandlung positiv beeinflussen lassen (Mukoviszidose, Morbus Hurler). Es wird unter der Überschrift „Unterschiedlich schwere Fälle“ erwähnt, dass neben Diagnosen mit zwingend schwerem Erscheinungsbild wie Meckel-Gruber-Syndrom, AADC-Mangel, Morbus Hurler, Joubert-Syndrom, andere Krankheiten jedoch in unterschiedlichen Schweregraden auftreten können (Mukoviszidose, Neurofibromatose Typ I, Muskeldystrophie Duchenne, Incontinentia pigmenti).

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Die Autoren leiten Willkür offensichtlich auch daraus ab, dass einmal eine Erkrankung, „die mit einer langen Lebenserwartung durchaus kompatibel ist“, als Grund für eine PID akzeptiert werde (Zystennieren), in einem anderen Fall eine Erkrankung (Morbus Huntington), die „mindestens so schwerwiegend ist“, wegen ihres späten Auftretens als Grund für eine PID jedoch abgelehnt wurde. Andere Erkrankungen, die als Grund für eine PID akzeptiert wurden, seien inzwischen einer Therapie zugänglich (Morbus Gaucher).

Sollen diese Aufzählungen etwa ein Beleg dafür sein, dass die genannten Krankheiten nicht „schwerwiegend“ sind, wie dies das Gesetz als Voraussetzung für eine zustimmende Bewertung eines Antrages an die PID-Ethikkommission fordert? Verstoßen die Einzelbewertungen der Ethikkommissionen damit gegen die gesetzlichen Vorgaben und stellen deshalb „Schritte auf dem Weg zur Eugenik“ dar?

Sehr viel gravierender ist jedoch, dass die Autoren in ihrem Beitrag die Perspektive der Eltern leider vollständig ignorieren. Es sei deshalb hier an die Begründung des Gesetzesentwurfes, der eine deutliche parlamentarische Mehrheit erhalten und damit den Weg für eine PID in Deutschland eröffnet hat, erinnert. Darin heißt es: „Der Staat trägt eine besondere Verantwortung für den Schutz des geborenen und ungeborenen Lebens. Dies schließt den Schutz von Frauen vor schweren körperlichen und seelischen Belastungen im Hinblick auf die Schwangerschaft sowie die Vermeidung von Spätabbrüchen, die einen oftmals bereits selbstständig lebensfähigen Embryo betreffen, mit ein. Viele Paare mit einer genetischen Vorbelastung befinden sich in einem Konflikt. Sie haben den Wunsch, einem gesunden Kind das Leben zu schenken, wissen aber um das Risiko einer Schwangerschaft und die möglichen Lebensrisiken für ihr Kind, dem eventuell eine schwere Krankheit mitgegeben wird. Es sind vor allem solche Paare, die bereits ein schwer krankes, vielleicht schon verstorbenes Kind haben oder die nach einer Pränataldiagnostik und einer ärztlichen Beratung eine Abtreibung haben vornehmen lassen.“ ...

Der Wunsch betroffener Eltern, die oftmals schwere Schicksalsschläge erlebt haben, nach Inanspruchnahme einer PID, in die sie oftmals sehr große Hoffnungen legen, auch nur in die gedankliche Nähe zur Eugenik zu stellen, ist nicht akzeptabel und unethisch.

Prof. Dr. med. Klaus Zerres, 52074 Aachen

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