ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2017Von schräg unten: Sommerurlaub

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Sommerurlaub

Böhmeke, Thomas

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Endlich Urlaub! Gelobt sei diese Zeit der Rekonvaleszenz, gepriesen das Nichtstun! Ich habe mir fest vorgenommen, diese knappe Spanne meines Lebens völlig spannungslos zu verbringen, jegliche Aktivitäten tunlichst zu vermeiden und es mir nur gut gehen zu lassen. Vor allem lasse ich alles medizinisch Kontaminierte zu Hause, übe den ärztlichen AV-Block, die kathartische Absence. Eradiziert soll mein medizinisches Dasein sein, um mich der vollkommenen Entspannung hinzugeben. Vier Sterne soll das Hotel mindestens haben, die Sonne soll scheinen und die einzige intellektuelle Herausforderung soll das Studium der Menükarte sein!

Gesagt, geplant, geflogen, und so finde ich mich mit meiner Liebsten im sonnigen Süden wieder; in einer Herberge, die sich als idealer Tatort für hemmungslosen Hedonismus empfiehlt. An der Rezeption herrscht lautes Gedränge. Nicht allen Menschen ist klar, so erkläre ich meinem Herzblatt, dass beim Reden ständig Tröpfchen versprüht werden gleich einem mikrobenverseuchten Rasensprenger! Und diese, durch die Brille eines brütenden Mikrobiologen betrachtet, schillern in der bunten Reihe in den schönsten Farben! Sattes Gelb, verführerisches Rot und funkelnde Grüntöne im Wettstreit mit der ausladenden Blütenpracht dieses wunderschönen Sommers! Oh, ich bin schon wieder rückfällig geworden, aber meine Beste geht mit einem Lächeln darüber hinweg.

Nachdem wir unsere sieben Sachen im Zimmer verstaut haben, wollen wir die Nachmittagssonne am Pool genießen, dessen bläulich schimmernde Oberfläche von den Schwimmversuchen zahlreicher Gäste durchbrochen wird. Sofort meldet sich mein medizinischer Sachverstand, es sprudelt gleich dem Strahl eines gespaltenen Abszesses aus mir heraus: In jedem Schwimmbecken können erhöhte Werte von Acesulfam-K nachgewiesen werden, dies als belastbarer Parameter für den Gehalt an freiwillig oder unfreiwillig freigelassenen Urins! Bei durchschnittlichem Nutzungsgrad können auf diese Weise in einem Pool von 400 000 Litern bis zu 40 Liter Urin nachgewiesen werden! Das entspricht der maximalen funktionellen Harnblasenkapazität von immerhin 80 Erwachsenen! Ups, jetzt hat der Arzt in mir mich wieder überrannt, aber die Beste aller Ehefrauen strahlt mich immer noch an. Nochmal Glück gehabt.

Abends finden wir uns im Speisesaal wieder, aber kaum einen Platz, dafür rundum versorgt mit kakophonen Klingeltönen handysierender Mitesser. Die Diskussion um Gehirnkrebs bei überdosiertem Gebrauch von Mobiltelefonen ist nicht völlig verstummt! So muss ich es meiner Liebsten laut und vernehmlich kundtun. Erst kürzlich hat ein italienisches Gericht einem Reporter zugestanden, dass sein gutartiger Hirntumor durch den beruflich bedingten vielstündigen Gebrauch seines Mobiltelefons hervorgerufen wurde! Er bekommt jetzt Geld von der Unfallversicherung, aber das ist doch nur ein schaler Trost. Denk doch mal an all die armen Menschen, die sich dieser unsichtbaren Gefahr unwissentlich aussetzen! Ist das nicht kaum zu ertragen?!

Ich ertappe mich selbst angesichts dieser Schwurfraktur. Du bist mir doch nicht böse, so frage ich ängstlich meine Allerliebste. „Alles ist gut. Du hast wunderbar dafür gesorgt, dass wir an der Rezeption schneller drankommen, dass wir auch was vom Pool haben, und sogar hier unsere Ruhe haben.“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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