ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2017Drogenprävention: Keine Weltmeister
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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Deutschland mangelt es nicht an Weltmeistertiteln. Ob Export, Frisieren, Teleshopping, Umtausch oder Rettungsschwimmen – ganz zu schweigen vom Fußball: Die Germanen rangieren im internationalen Vergleich mehrfach ganz oben. Das ist in vielen Bereichen einfach Spitze.

Politische Maßnahmen und öffentliche Aufklärung in der Drogenprävention scheinen nicht ganz so gut zu greifen. Beim Alkohol ist es ein schlechter Platz 23 von insgesamt 29 Vergleichsländern, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) uns in Sachen Vorbeugung zumisst. Laut WHO wird in Deutschland zu wenig gegen den Pro-Kopf-Konsum von 11,4 Litern reinem Alkohol im Jahr getan. Resultat: Weltweit reicht es nur für einen sehr unrühmlichen Platz unter den WHO-Mitgliedsländern. Dass Belgier, Briten, Polen und Franzosen noch mehr konsumieren, macht den Zustand auch nicht besser.

Zugegebener Lichtblick: Zumindest der Alkoholkonsum der deutschen Jugendlichen geht zurück – sicherlich ein Erfolg der offensiv geführten öffentlichen Debatte gegen das exzessive Komatrinken. Dennoch: 17,8 Prozent der Frauen und 26,4 Prozent aller Männer Deutschlands über 65 Jahre neigen zu übermäßigem Alkoholkonsum, oft noch in der unglücklichen Kombination mit hohem Medikamentengebrauch.

Das alles kommt aber nicht von ungefähr: Eine Gesellschaft, in der in „gemütlicher Runde“ nach wie vor die Frage nach dem „Warum“ akuter Abstinenz gestellt, jeder Nicht-Mit-Trinker sogar als „Spaßbremse“ etikettiert wird, hat ein Alkoholproblem. Auch wenn die Zeiten mit der obligatorischen Flasche Schnaps auf dem Tisch längst vorbei sind und nur noch als Erinnerung an die Aufbaujahre nach dem letzten Weltkrieg dienen.

So geartete Latenz ist aber nur ein – wenn auch nicht unerheblicher – Teil vieler Facetten des gesellschaftlichen Fehlverhaltens: Deutschland ist das letzte Land in Europa (Tabellenende!), das nach wie vor Werbung für Alkohol und Zigaretten erlaubt. Die Politik handelt alles andere als weltmeisterlich, wenn sie den Schaden durch Drogen beklagt, aber die Steuereinnahmen begrüßt. Eine eigentlich schizophrene Grundhaltung gegenüber den jährlichen 184 000 tabak- und alkoholbedingten Toten in dieser Republik.

Doch was tun? Verbote oder Kriminalisierungen – also Reaktionen, die schon bei illegalen Drogen nicht hinreichend funktionieren und laut Statistik auch wenig bringen, die zudem gerade bei den etablierten Drogen eher Kopfschütteln zur Folge hätten, sind sicherlich kein Weg.

Der wäre eher in einer gradlinigen und konsequenten Politik der Aufklärung zu suchen. Zum Beispiel wäre ein durchzuhaltender restriktiverer Zugang zu weichen Drogen angesagt. Aber 330 000 Zigarettenautomaten im Bundesgebiet oder jederzeit mögliche Nachtverkäufe von Alkohol signalisieren eher das Gegenteil.

Aussichtsreich ist eine bessere aufklärende Vorsorge für die, die nicht abhängig sind – auch durch den Arzt. Dazu gehört ebenso ein vernünftiges und enges Fürsorgenetz für die, die bereits abhängig sind.

Das wären wirkliche Herausforderungen, denen sich der mehrfache Weltmeister Deutschland stellen könnte. An Vorbildern, wie ein vernünftiger Umgang gelebt werden kann, mangelt es nicht. Es müssen ja nicht unbedingt die Safttrinker sein, die für die deutsche Nation letztausgewiesen im Jahr 2014 Weltmeister waren.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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