THEMEN DER ZEIT

Medizinstudium: Sozial kompetente Bewerber

Dtsch Arztebl 2017; 114(31-32): A-1478 / B-1246 / C-1220

Hampe, Wolfgang; Hissbach, Johanna; Kadmon, Martina

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Für eine erfolgreiche klinische Tätigkeit werden soziale Kompetenzen benötigt. Sechs Medizinische Fakultäten entwickeln deshalb einen Situational Judgement Test (SJT), bei dem soziale Kompetenzen der Studienbewerber geprüft werden.

Beim Auswahlverfahren der Hochschule (AdH) setzen viele medizinische Fakultäten auf kognitive Kriterien, die Studienleistungen vorhersagen. Foto: lightpoet/stock.adobe.com
Beim Auswahlverfahren der Hochschule (AdH) setzen viele medizinische Fakultäten auf kognitive Kriterien, die Studienleistungen vorhersagen. Foto: lightpoet/stock.adobe.com

Der Ansturm auf das Medizinstudium ist ungebremst: Selbst die Abiturbestnote von 1,0 reicht nicht immer aus, um einen Studienplatz in der Abiturbestenquote zu erhalten. Die benötigte Semesterzahl in der Wartezeitquote ist mittlerweile auf 15 angestiegen. Bei der dritten Säule der Zulassung, der hochschuleigenen Auswahl (AdH-Quote, 60 Prozent der Studienplätze) setzen viele medizinische Fakultäten auf kognitive Kriterien, wie die Abiturnote oder Studierfähigkeitstests (TMS – Test für Medizinische Studiengänge oder HAM-Nat – Naturwissenschaftstest des Hamburger Auswahlverfahrens für Medizinische Studiengänge), die Studienleistungen vorhersagen.

Doch für eine erfolgreiche klinische Tätigkeit während des Studiums und im Beruf werden darüber hinaus soziale Kompetenzen benötigt. Auch die Politik denkt in diese Richtung: Im Masterplan Medizinstudium 2020 wird den Hochschulen vorgegeben, neben der Abiturnote mindestens zwei weitere Kriterien für die Auswahl der Studienbewerber anzuwenden und dabei die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten einzubeziehen.

Mini-Interviews korrelieren mit sozialer Kompetenz

Die Messung sozialer Kompetenzen ist allerdings nicht trivial. Neun von 35 staatlichen medizinischen Fakultäten führen derzeit Auswahlgespräche durch. Forschungsergebnisse zeigen, dass zumindest das Abschneiden in Multiplen Mini-Interviews mit der Bewertung sozialer Kompetenz durch Ärzte im klinischen Kontext korreliert. Dennoch luden die Hochschulen für die Auswahl zum Wintersemester 2016/ 2017 nicht einmal 2 000 von mehr als 40 000 Bewerbern zum Gespräch ein, da Interviewverfahren extrem aufwendig sind.

Doch wie können mit leistbarem Aufwand die sozialen Kompetenzen einer großen Bewerberzahl untersucht werden? Im Ausland werden deshalb in der Medizinstudierendenauswahl „Situational Judgement Tests“ (SJTs) eingesetzt, die bereits seit 60 Jahren für die Personalauswahl in vielen Wirtschaftsbereichen genutzt werden. In SJTs werden typische arbeits- oder studienrelevante Situationen mit einem Dilemma oder einem Problem beschrieben. Durch Anwendung von relevantem Wissen, Fertigkeiten, Fähigkeiten, Werten und Haltungen beurteilen die Testteilnehmer die Angemessenheit oder Effektivität unterschiedlicher Handlungsoptionen. SJTs können als Papier-Bleistift-Test, elektronisch computerbasiert oder videobasiert dargeboten und auf eine Vielzahl sozialer Kompetenzen zugeschnitten werden. In der Auswahl von Medizinstudierenden kann der Einsatz von SJTs eine nützliche Ergänzung zu den traditionellen Auswahlkriterien sein.

Seit einigen Jahren untersuchen auch deutsche Medizinfakultäten SJTs für die Studierendenauswahl. In Heidelberg wird ein Video-SJT mit 20 Situationen als freiwilliger Selbsteinschätzungstest sozialer Kompetenzen für alle Studienbewerber angeboten. Er zeigt keine signifikanten Zusammenhänge mit der Abiturnote oder dem TMS. Dagegen sind die Zusammenhänge mit den Skalen soziale Orientierung (r=.40), Offensivität (r=.30) und Extraversion (r=.36) des Inventars sozialer Kompetenzen signifikant. Somit scheint der SJT eher das proaktive Zugehen auf andere Menschen und weniger die allgemeinen kognitiven Fähigkeiten einer Person widerzuspiegeln. Derselbe SJT zeigte bei Oldenburger Studienbewerbern eine Tendenz zu einem positiven Zusammenhang mit einer Station des im AdH eingesetzten Multiplen Mini-Interviews, die den SJT-Situationen ähnelte.

Verschiedene SJT-Varianten sind in der Erprobung

Evaluationsergebnisse eines in Münster von Studienbewerbern freiwillig durchgeführten computerbasierten SJT. deuten darauf hin, dass für eine hohe Akzeptanz vor allem ausführliche situative Kontexte und Antwortalternativen wichtig sind. Die Ergebnisse waren unabhängig von Abiturnote, Bewerbungsschreiben, Medizinisch-Naturwissenschaftlichem Verständnistest und Multiplen Mini-Aktionen. In Hamburg wurden am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) im Rahmen der Bewerberauswahl verschiedene SJT-Varianten erprobt: Ein aus Österreich übernommener SJT zeigte nur geringe Unterschiede zwischen den Bewerbern, bei einem videobasierten Test mit Freitextantworten erforderte die Auswertung ähnlich viele Ressourcen wie die Durchführung eines Interviews. Eine selbstentwickelte videobasierte Variante erbrachte bisher die besten Testparameter, ist aber in Entwicklung und Durchführung ebenfalls sehr aufwendig.

An der Medizinischen Hochschule Brandenburg wird seit zwei Jahren ein Papier-und-Bleistift-SJT neben weiteren Formaten als Auswahltest durchgeführt. Die Ergebnisse korrelieren schwach mit einer weiteren schriftlichen Reflexionsaufgabe (r=.21), jedoch nicht mit einem Einzelinterview (r=.09) oder der Abiturnote (r=-.08).

Die sechs Medizinischen Fakultäten Göttingen, Hamburg, Heidelberg, Münster, Oldenburg und Witten/Herdecke entwickeln seit 2016 gemeinsam einen SJT zu sozialen Kompetenzen für die Medizinstudierendenauswahl*. In einer Delphi-Befragung einigten sich die Fakultäten zunächst auf Zielkriterien wie Integrität, kritisches Denken und Teamfähigkeit. Zu diesen wurden anschließend in Interviews mithilfe der „Critical Incident Technique“ erfolgskritische Ereignisse im Medizinstudium gesammelt, die als Ideengeber für die Entwicklung von Situationen genutzt wurden. Die Szenarien und Handlungsoptionen wurden von unabhängigen Experten mehrerer Fakultäten bezüglich ihrer Verständlichkeit, Relevanz, Realitätsnähe, Fairness und ihres Schwierigkeitsgrades beurteilt. Nach einer Überarbeitung wurde der Test von einer Gruppe von Ärzten, Lehrenden, Pflegekräften und Studierenden durchgeführt. Die Urteile dieser Gruppe dienten der endgültigen Fragenauswahl und als Bewertungsmaßstab für die spätere Auswertung.

Der hieraus entstandene Test wurde im vergangenen Sommer in Hamburg mit 1 076 freiwilligen Studienbewerbern im Rahmen des regulären Auswahlverfahrens pilotiert. Die Durchführung in Form eines Papier-Bleistift-Tests im Hörsaal nach dem HAM-Nat war wenig aufwendig, die Bewerber bewerteten 66 Handlungsoptionen zu zehn Situationen in weniger als einer halben Stunde. Die Teilnehmer hielten den Test für verständlich formuliert und fair in Bezug auf Geschlecht, Alter und kulturellen Hintergrund. Sie hatten nicht den Eindruck, dass medizinisches Vorwissen erforderlich war. Die SJT-Ergebnisse korrelieren nicht mit der Abiturnote (r=0,03) und dem Naturwissenschaftstest HAM-Nat (r=-.02). Dagegen bestand ein kleiner, aber signifikanter Zusammenhang mit den Ergebnissen des Hamburger Multiplen Mini-Interviews HAM-Int (r=.22). Ähnliche Zusammenhänge wurden im Ausland beschrieben und finden sich auch bei den einzelnen Stationen des Multiplen Mini-Interviews. Derselbe SJT zeigte bei einer Studie mit 180 Bewerbern in Witten/Herdecke einen Zusammenhang mit dem biografischen Interview (r=0,19), aber nicht mit dem Wittener Multiplen Mini-Interview.

SJTs werden in der Personalauswahl vielfach zur Messung sozialer Kompetenzen eingesetzt und korrelieren mit dem Berufserfolg. SJTs in der Auswahl von Medizinstudierenden werden im Ausland als reliable, valide und kosteneffiziente Verfahren angesehen, die auch von den Bewerbern gut angenommen werden. Erste Erfahrungen einzelner deutscher Fakultäten deuten in eine ähnliche Richtung.

Kooperation – eine mögliche Option für die Zukunft

Bisher setzen die meisten deutschen Medizinfakultäten keine eigenen Auswahlverfahren zu sozialen Kompetenzen ein – auch weil sie den hohen Aufwand für Auswahlgespräche scheuen. Die bisherigen Erfahrungen in dem Kooperationsprojekt zeigen, dass eine gemeinsame Entwicklung eines SJTs für die Auswahl von Medizinstudienbewerbern durch mehrere medizinische Fakultäten eine kosteneffiziente Option darstellt, um die soziale Kompetenz der Studienbewerber mit einzubeziehen. Ein SJT kann mit anderen Auswahltests zu kognitiven Kompetenzen für alle Studienbewerber angeboten werden. Gerade vor dem Hintergrund des Masterplans Medizinstudium 2020, in dem eine Erweiterung der Auswahlkriterien um soziale und kommunikative Kriterien gefordert wird, erscheint ein kooperatives Vorgehen zwischen Fakultäten sinnvoll, um vergleichbare und finanzierbare Auswahlverfahren zu entwickeln.

Prof. Dr. phil. nat. Wolfgang Hampe, Hamburg

Dr. Johanna Hissbach, Hamburg

Prof. Dr. med. Martina Kadmon, Augsburg

*Kooperation: Therese Dehl, Jessica Heidmann, Anike Hertel-Waszak, Marzellus Hofmann, Janine Kahmann, Claudia Kiessling, Mirjana Knorr, Bernhard Marschall, Tobias Raupach, Anja Schwibbe, Michaela Zupanic

Interviews fürs Medizinstudium

Derzeit führen die Medizinischen Fakultäten Brandenburg, Dresden, Göttingen, Hamburg, Münster, Oldenburg und Witten/Herdecke im Rahmen ihres Auswahlverfahrens Multiple Mini-Interviews (MMIs) durch, bei denen die Bewerber an mehreren Stationen Aufgaben lösen müssen. MMIs gelten wegen der hohen Strukturierung und der Aggregation unabhängiger Einzelbewertungen als besonders reliabel und können psychosoziale Kompetenzen im Studium vorhersagen. Die Fakultäten Duisburg-Essen, Greifswald, Hannover und Lübeck wählen Studierende mit traditionellen Interviews aus, die ähnlich aufwendig sind.

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