MEDIZINREPORT

Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Ein „völlig falsches Signal“

Dtsch Arztebl 2017; 114(31-32): A-1486 / B-1255 / C-1229

Zylka-Menhorn, Vera

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Auf Basis aktueller Studien ist es laut DDG nicht mehr zeitgemäß, bei älteren Diabetikern mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen hohe Glukosewerte zu tolerieren.

Die Annahme, dass bei älteren Patienten mit Diabetes Typ 2 und kardiovaskulären Erkrankungen nicht so strenge Blutzuckerwerte bei der Therapie eingehalten werden müssen, ist überholt, betont die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) mit Blick auf aktuelle unabhängige, internationale Studien. Demnach können diese Patienten durch die Kombination von Metformin mit dem SGLT-2-Hemmer Empagliflozin oder GLP-1-Rezeptoragonisten einen angemessenen Glukosespiegel erzielen – und das ohne erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hypoglykämien und Gewichtszunahme. Die DDG empfiehlt in ihren Leitlinien einen HbA1c-Zielwert von 6,5–7,5 %.

„Leider herrscht in der Praxis häufig noch die Annahme, eine starke Blutzuckersenkung sei bei älteren Patienten ohne Nutzen und erhöhe vielmehr das Risiko für Nebenwirkungen“, betont Prof. Dr. med. Baptist Gallwitz, Mediensprecher der DDG. Behandlungskonzepte mit hohen Glukosewerten und niedrigem therapeutischen Aufwand seien angesichts der aktuellen Studienlage nicht mehr vertretbar.

Weniger Hospitalisierungen

Die Fachgesellschaft stützt ihre Aussage unter anderem auf die Ergebnisse des CANVAS-Studienprogramms mit Canagliflozin aus der Gruppe der Gliflozine (auch SGLT-2-Hemmer genannt): Bei Patienten mit Diabetes Typ 2 und bestehendem Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall zeigte es gegenüber der herkömmlichen Behandlung eine deutliche Verringerung von kardiovaskulären Erkrankungen sowie einem Gewichtsverlust (siehe auch folgenden Artikel).

Parallel wurde eine große internationale Registerstudie mit amerikanischen und europäischen Daten veröffentlicht (CVD-REAL), wonach die Therapie mit einem SGLT-2-Inhibitor (Canagliflozin, Dapagliflozin oder Empagliflozin), verglichen mit anderen Antidiabetika, das Risiko für Hospitalisierung aufgrund von Herzinsuffizienz bei Patienten mit Typ-2-Diabetes um 39 % reduziert. Zudem wurde das Gesamtmortalitätsrisiko um mehr als die Hälfte gegenüber der Vergleichsgruppe verringert (1).

Damit wurden die Ergebnisse der EMPA-REG-Outcome-Studie zu Empagliflozin bestätigt, die von Diabetologen und Kardiologen als „Meilenstein“-Studie beurteilt wird. Auch der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) hat dem Wirkstoff in der jüngsten Neuauflage des Disease-Management-Programms (DMP) für bestimmte Patientengruppen mit Diabetes Typ 2 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen einen „beträchtlichen Zusatznutzen“ bescheinigt. Die Studie mit 7 000 Diabetespatienten und kardiovaskulären Vorerkrankungen hatte ergeben, dass Empagliflozin das Auftreten des plötzlichen Herztods sowie die Entwicklung und Verschlechterung der Herzinsuffizienz drastisch senkt (2).

Auch für die Medikamentenklasse der GLP-1-Rezeptoragonisten, die als tägliche oder wöchentliche Injektion bei Diabetes Typ 2 gegeben werden, belegen Studienergebnisse eine Reduzierung des Herzinfarktrisikos: LEADER für Liraglutid (3) und SUSTAIN-6 für Semaglutid (4).

Nebenwirkungen der Gliflozine wie Pilzinfektionen im Genitalbereich, die zu Beginn der Behandlung auftreten können, sowie eine Laktatazidose sind nach Angabe der DDG in der Regel gut zu therapieren. Das gelte auch für Übelkeit und Völlegefühl – eine Nebenwirkung der GLP-1-Rezeptoragonisten.

Lebensgewinn im hohen Alter

Im Vergleich zu früheren Medikamenten mit einem hohen kardiovaskulären Risiko und den Gefahren von Hypoglykämien und Gewichtszunahme überwiegen nach Einschätzung der DDG hier eindeutig die Vorteile. Immerhin sei der größte Kostenfaktor bei der Behandlung des Diabetes nicht die Erkrankung selbst, sondern die hohe Gesamtsumme durch die typischen Folgekomplikationen. Normgerechte Blutzuckerwerte lassen sich im Rahmen eines individuell auf den Patienten abgestimmten Therapiekonzeptes demzufolge auch bei älteren Menschen mit Diabetes Typ 2 ohne Nebenwirkungen erzielen, so die DDG. Für die betroffenen Patienten ist das auch im höheren Lebensalter ein großer Lebensgewinn.

„In Deutschland werden bei der Behandlung älterer Patienten mit Diabetes Typ 2 leider noch zu häufig auf Grundlage längst überholter Erkenntnisse Therapieziele mit Blutzuckerwerten propagiert, die nicht akzeptabel und für die Patienten ein völlig falsches Signal sind“, so Gallwitz. Angesichts der aktuellen Studienlage sei es sehr zu begrüßen, dass die internationale Diskussion über eine entsprechende Überarbeitung der Behandlungsleitlinien nun begonnen habe.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

1.
Zylka-Menhorn V: Dtsch Arztebl 2017; 114 (15): A-748/ B-634/ C-620 VOLLTEXT
2.
Zinman B, Wanner C, Lachin JM, et al.:
N Engl J Med 2015; 373 (22): 2117–28 CrossRef MEDLINE
3.
Marso SP, Daniels GH, Brown-Frandsen K, et al.: N Engl J Med 2016; 375: 311–22 CrossRef CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Marso SP, Bain SC, Consoli A, et al.: N Engl J Med 2016; 375: 1834–44 CrossRef CrossRef PubMed Central
1.Zylka-Menhorn V: Dtsch Arztebl 2017; 114 (15): A-748/ B-634/ C-620 VOLLTEXT
2.Zinman B, Wanner C, Lachin JM, et al.:
N Engl J Med 2015; 373 (22): 2117–28 CrossRef MEDLINE
3.Marso SP, Daniels GH, Brown-Frandsen K, et al.: N Engl J Med 2016; 375: 311–22 CrossRef CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.Marso SP, Bain SC, Consoli A, et al.: N Engl J Med 2016; 375: 1834–44 CrossRef CrossRef PubMed Central

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