ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2017Das Gespräch mit Oberstarzt Priv.-Doz. Dr. med. Peter Zimmermann, Psychotraumazentrum am Bundeswehrkrankenhaus Berlin: „Wir arbeiten gern Hand in Hand mit zivilen Ärzten und Therapeuten“

POLITIK: Das Gespräch

Das Gespräch mit Oberstarzt Priv.-Doz. Dr. med. Peter Zimmermann, Psychotraumazentrum am Bundeswehrkrankenhaus Berlin: „Wir arbeiten gern Hand in Hand mit zivilen Ärzten und Therapeuten“

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Posttraumata bei Soldaten sind leicht rückläufig, dafür steigen Depressionen und Sucht. Um sie bestmöglich zu behandeln, sollten sich Niedergelassene mit dem militärischen Kontext vertraut machen oder mit dem Sanitätsdienst kooperieren.

Oberstarzt Peter Zimmermann ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und besitzt Zusatzqualifikationen für die Psychotraumatologie und die Gruppenanalyse. Foto: IMZ Bw/S.Wilke
Oberstarzt Peter Zimmermann ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und besitzt Zusatzqualifikationen für die Psychotraumatologie und die Gruppenanalyse. Foto: IMZ Bw/S.Wilke

Mali und Afghanistan sind zurzeit die Hauptregionen, aus denen Soldaten mit einsatzbedingten posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) zurück nach Deutschland kommen. Aber auch die Mittelmeereinsätze der Bundeswehr, um Flüchtlinge aus Seenot zu retten (EUNAVFOR MED Operation Sophia) sind extrem belastend, denn „wer einmal ein totes Kind aus dem Wasser gezogen hat, vergisst das nie mehr“, berichtet Oberstarzt Priv.-Doz. Dr. med. Peter Zimmermann, Psychotraumazentrum des Bundeswehrkrankenhauses Berlin, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Schließlich gibt es auch die Soldaten und Ehemalige, bei denen einsatzbedingte psychische Störungen beispielsweise noch auf die Kosovo-Einsätze aus den Jahren 2000 und 2001 zurückgehen. „Das Phänomen verspäteter Beginn einer Erkrankung ist bei Soldaten sehr hoch“, erklärt der Psychiater. Zum einen, weil das soziale System Bundeswehr über viele Jahr hinweg stabilisierend wirken kann. Zum anderen begeben sich viele Soldaten oftmals sehr spät in Therapie: „Die Gründe sind Stigmatisierungsängste, ein bestimmtes Männerbild und die Furcht vor Karrierenachteilen.“

Anzeige

Komplexe Erkrankungen

Oberstarzt Zimmermann nennt die Zahl von rund 200 Soldaten, die pro Jahr neu mit einsatzbedingten psychischen Erkrankungen in Bundeswehr-eigenen Einrichtungen behandelt werden. Die Fälle mit PTBS sind dabei leicht rückläufig, zugenommen haben indes Depressionen, Anpassungsstörungen und Suchterkrankungen. „Die Kampfhandlungen in den Auslandseinsätzen werden weniger, dafür schieben sich andere Belastungen in den Vordergrund: die Trennung von zu Hause mit resultierenden Beziehungsschwierigkeiten, und auch das Erleben von Leid und Elend vor Ort“, erklärt er. Generell steigt die Inanspruchnahme des Bundeswehr-eigenen Versorgungssystems durch Fälle, weil die psychiatrischen Erkrankungen komplexer werden.

Die Bundeswehr versorgt psychisch kranke Rückkehrer im Psychotraumazentrum des Bundeswehrkrankenhauses Berlin, wo Ambulanz, Klinik und Forschung integriert sind, sowie in den anderen Bundeswehrkrankenhäusern bundesweit (Hamburg, Koblenz, Ulm, Westerstede), die alle auch Psychotraumatologische Abteilungen haben. Dort wird den Soldaten „ein militärspezifisches Angebot“ gemacht, also Techniken „aus dem zivilen Bereich“ nach den Leitlinien Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) und kognitiv-behavioraler Verhaltenstherapie (KVT), adaptiert auf das militärische Umfeld. „Soldaten wünschen sich zudem, dass der Arzt oder Psychotherapeut über systemkulturelles Wissen verfügt und auch die Begrifflichkeiten kennt“, sagt Zimmermann.

Wichtig ist den Soldaten meist auch, dass ihr Gegenüber mit den kulturellen Bedingungen und Problemen in Ländern wie Afghanistan oder Mali vertraut ist. „Die meisten Oberärzte an Bundeswehrkrankenhäusern wissen, wie es dort aussieht“, sagt der Oberstarzt. Manche Bundeswehrangehörige machen dort Erfahrungen, „die das eigene moralische Wertesystem schwer erschüttern und die sich in den peritraumatischen Kontext einbetten können“. Wertesysteme können sich verschieben, was zu Schuldgefühlen und Scham führen kann. Zimmermann nennt Beispiele: Wenn man in Afghanistan durch die Wüste fährt, hat eine Flasche Wasser einen ganz anderen Stellenwert als hier. Oftmals bleibt diese Erfahrung erhalten. Der zurückgekehrte Soldat wird wütend, wenn jemand achtlos Wasser wegschüttet, oft noch nach Jahren. Oder: Ein Soldat schenkt einem Kind vor Ort einen Kugelschreiber. Das Kind läuft damit zu den Eltern, die es verprügeln, weil es ein Geschenk vom Feind angenommen hat. Der Soldat entwickelt Wut auf die gewalttätigen Eltern, aber auch auf sich selbst über seinen Leichtsinn. Auch die Steinigung einer Frau mit ansehen zu müssen, kann das eigene Moralgefüge schwer erschüttern. „Die Amerikaner nennen dieses Phänomen ‚moral injury‘, diese moralischen Verletzungen sind keine PTBS im eigentlichen Sinne, können aber ebenso in der chronifizierten Form zu sozialem Rückzug, Aggressivität, Sucht, Depression und Suizidalität führen“, erläutert der Arzt.

Niedergelassene Psychiater und Psychotherapeuten müssen solche Phänomene kennen, um Soldatenpatienten erfolgreich behandeln zu können, denn EMDR oder KVT allein reichen nach Ansicht Zimmermanns nicht aus. Deshalb bietet das Psychotraumazentrum (PTZ) „zivilen Kollegen“ an, solche Fälle in Kooperation zu behandeln. Zimmermann und sein Team haben ein Gruppenprogramm konzipiert, das gute Erfolge zeigt. Bei therapeutischen Seminaren in entspannter Umgebung außerhalb der Klinik wird mit den Betroffenen über Moral und Wertorientierungen diskutiert. „Wir haben das Gruppenprogramm evaluiert: Die Aggressivität nimmt ab, weil sich der Druck, vor allem durch Schamgefühle vermindert.“

Darüber hinaus kann jeder Arzt oder Psychotherapeut aus ganz Deutschland, der sich in der Behandlung von psychisch kranken Soldatenpatienten nicht sicher fühlt, in der Traumaambulanz am PTZ anrufen und einen Termin für den Patienten bekommen (Kasten Informationen). In einem 60-minütigen Gespräch erfolgt die Diagnostik und der Betroffene wird über die möglichen weiteren therapeutischen Schritte beraten. Er kann sich dann in einem Bundeswehrkrankenhaus behandeln lassen oder auch im ambulanten Bereich. Möglich ist es auch, beispielsweise eine PTBS in Intervallen vollstationär am PTZ behandeln zu lassen und für die Vor- und Nachbetreuung einen niedergelassenen Arzt oder Psychotherapeuten am Heimatort aufzusuchen. „Wir arbeiten dabei gern Hand in Hand mit zivilen Ärzten und Therapeuten“, betont Zimmermann. Seines Erachtens erfolgt eine Zusammenarbeit immer noch viel zu selten. Dabei gibt es „erhebliche Defizite“ in der Expertise und in der Sicherheit Niedergelassener in Bezug auf die Behandlung von Soldatenpatienten. Das sind erste Ergebnisse einer qualitativen Studie zu Schwierigkeiten und Versorgungshemmnissen, die von Siegel et al. Charité Universitätsmedizin Berlin Campus Mitte, in Kooperation mit dem PTZ durchgeführt wird. „Es fehlt ein Leitfaden für Niedergelassene“, sagt Zimmermann. Der soll nun auf Basis dieser Studie erarbeitet werden.

Um Niedergelassenen zumindest basale Kenntnisse über die Besonderheiten von psychischen Erkrankungen bei Soldaten zu vermitteln, bietet der psychologische Dienst in Kooperation mit den Landespsychotherapeutenkammern eintägige kostenfreie Fortbildungsseminare an. Rund 1 000 Psychotherapeuten haben bisher auf diese Weise Kenntnisse erworben. „Wir streben auch eine Kooperation mit der Bundes­ärzte­kammer an“, betont Oberstarzt Zimmermann. Nichtsdestotrotz können auch ärztliche Psychotherapeuten an den Seminaren teilnehmen.

Petra Bühring

Informationen der Bundeswehr

Psychotraumazentrum am
Bundeswehrkrankenhaus Berlin,
Scharnhorststraße 13,
10115 Berlin,

Telefon: 030 28 41 16 21

https://berlin.bwkrankenhaus.de

Die Internetseiten www.ptbs-hilfe.de und

www.angriff-auf-die-seele.de bieten Infos zum Thema PTBS allgemein und im militärischen Kontext. Oberstarzt Zimmermann und sein Team stehen hier für alle Fragen zur Verfügung.

Die 24 Stunden erreichbare Trauma-Hotline ist ein zusätzliches Beratungsangebot für Soldaten und Angehörige: 0800 58 87 957.

Die App CoachPTBS bietet kostenfrei erste Hilfe bei psychischen Problemen für Soldaten und deren Angehörige. Sie wurde vom Institut für Technische Informatik, dem Forschungszentrums Cyber Defence der Bundeswehruniversität München, dem Psychotraumazentrum und dem Universitätsklinikums der Technischen Universität Dresden entwickelt. Die App ist für Android und IOS verfügbar.

Bundeswehr sucht Therapieplätze

Die Bundeswehr sucht für Soldaten dringend ambulante Therapieplätze, vor allem auf dem Land. Die Wartezeiten auf einen Platz sind ebenso lang wie für jeden anderen Hilfesuchenden, doch für Soldaten kommen oftmals noch Vorbehalte gegen die Institution Bundeswehr an sich hinzu. Die Bundeswehr versucht deshalb, die Psychotherapie von Soldaten so attraktiv wie möglich zu machen. Die Beantragung und Genehmigung erfolgt nach den Maßgaben der Kassenärztlichen Vereinigungen. Eine Vereinbarung zwischen dem Bundesministerium für Verteidigung und der Bundes­psycho­therapeuten­kammer sorgt zudem dafür, dass die Kosten für Therapien von approbierten Psychotherapeuten ohne Kassenzulassung übernommen werden, wenn in strukturschwachen Gebieten kein niedergelassener Psychotherapeut zu finden ist. Honoriert wird dann zum 2,2-fachen Satz nach GOÄ oder GOP. Abgerechnet werden kann direkt mit der Bundeswehr-eigenen Abrechnungsstelle in Strausberg.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema