ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2017Kuba: Die Währung der Würde

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Kuba: Die Währung der Würde

Kattermann, Vera

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Das kubanische Gesundheitssystem ist international sehr anerkannt – Versorgung für alle wird garantiert. Doch das gut ausgebildete Personal kann von den staatlichen Stellen nicht leben. Eindrücke aus einem Land der großen Widersprüche.

Foto: niyazz/stock.adobe.com
Foto: niyazz/stock.adobe.com

Angel lacht. Dem Psychologen im „Centro de Salud Mental“, dem Zentrum für seelische Gesundheit in einer Stadt im Süden Kubas, sieht man an, wie gerne er mit seinen Patienten arbeitet. „Klar liebe ich meinen Beruf! Und erst recht mit so wunderbaren Kolleginnen.“ Das Team aus einer Ärztin, zwei Psychologen, einer Ergotherapeutin und einer Sozialarbeiterin ist für 40 000 Einwohner zuständig. Jeder, vom Säugling bis zum Senioren, kann die Dienste der psychologisch-psychiatrischen Ambulanz in Anspruch nehmen, das macht die Arbeit für das Team sehr vielfältig. Es werden Einzel- und Familiengespräche angeboten, Gruppentherapie für Suchtkranke, ergotherapeutische Gruppen für Schizophreniekranke, vor allem aber auch eine diagnostische Einschätzung und Beratung. Die Zusammenarbeit mit den in Ambulanzen tätigen Hausärzten und mit Kliniken und Tageskliniken ist eng, sodass bei psychischen Krisen schnell reagiert und im Bedarfsfall an entsprechende Strukturen weiterverwiesen werden kann.

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Das kubanische Gesundheitssystem wird international sehr anerkannt – nicht zuletzt auch in Bezug auf den Ausbildungsstand des Personals. Es wird ausschließlich staatlich organisiert und finanziert, freies Unternehmertum ist den Heilberuflern verboten. Eine Einschränkung der Freiheit?

Soziale Gerechtigkeit

Für die Bürger bedeutet die kostenlose Gesundheitsversorgung ein Bekenntnis der sozialistischen Regierung zur sozialen Gerechtigkeit. Medizinische Versorgung als Grundvoraussetzung für ein würdevolles Leben: Che Guevara, der als ausgebildeter Arzt in den politischen Untergrund ging, kämpfte auch dafür. In Zeiten des erklärten Willens zur Abschaffung rudimentärer Gesundheitsversorgung durch Donald Trump heutzutage keinesfalls selbstverständlich.

Krankheiten stellen in vielen Ländern bis heute ein hohes Armutsrisiko dar. Der Autor Martin Kämpchen weist auf die häufig zu reduzierte Auffassung von Armut hin. Denn Armut ist mehr als Mangel. Armut ist, so Kämpchen, vielmehr ein mentaler Zustand, der aus Mangel hervorgeht und ihn zugleich reproduziert. Selbst wenn es eine arme Familie schafft, im Alltag über die Runden zu kommen, kann eine plötzliche Erkrankung durch Wegfall von Einkommen und durch hohe Kosten für Krankentransporte und Behandlung Familien in sehr konkrete und dann auch chronische Not stürzen. So entwickele sich aus der materiellen Armut ein Milieu und ein Psychogramm der Armut: „Die Armen sind in der Lage, ein volles, oft sogar erfülltes Leben zu führen, solange sich keine Katastrophen ereignen. Ihr Leben ist in einem instabilen Gleichgewicht, das von heute auf morgen umschlagen kann. Die Substanz der Armut besteht darin, dass die Armen dieses empfindliche Gleichgewicht nicht bleibend stabilisieren können“, so Kämpchen.

Kubas Gesundheitssystem schützt vor dem Eintreten solcher Katastrophen. Anders als etwa in vielen postsozialistischen Ländern des ehemaligen Ostblocks sind zudem keine hohen Schmiergeldzahlungen für eine Behandlung die inoffizielle Voraussetzung, auch wenn es üblich ist, sich mit einem Geschenk, zumeist in Form von Lebensmitteln, erkenntlich zu zeigen. Probleme entstehen auf Kuba primär in Bezug auf Medikamente: Dem Staat fehlen Devisen, viele Medikamente sind Mangelware und können letztlich nur über private Mittel und Beziehungen aus dem Ausland organisiert werden. Für die betroffenen Kranken ist dies bisweilen sehr belastend. Trotzdem, der Anspruch besteht: ein Leben in Würde – für alle. Der kubanische Sozialismus beschwört bis heute den Traum einer gerechten Gesellschaft, in der menschliches Leiden nicht als selbstverschuldet verstanden wird.

Bildung schafft Armut ab

Auch der kubanische Sozialismus schrieb sich auf die Fahnen, einen „neuen Menschen“ hervorzubringen. Der Ausgang der weltweiten Versuche derartiger sozialistischer Umerziehung ist bekannt; die Kosten, die in Form von staatlicher Doktrin und auch Repressionen dafür zu zahlen waren und in Kuba bis heute bezahlt werden, sind enorm. Und doch: Könnte in Zeiten eines vielfach beklagten Wertevakuums, in Zeiten scheinbar aussterbender Ideale und Utopien Kubas fast starrsinniges Beharren auf humanistischen Idealen nicht auch zum kritischen Nachdenken auffordern?

Wenn Armut tatsächlich vor allem ein mentaler Zustand ist, dann gehört zu ihrer Abschaffung ganz wesentlich Bildung. Bildung erlaubt nicht nur Einsicht in die Notwendigkeit von Gesundheitsverhalten (wie etwa Beachtung von Hygieneregeln), sondern sie schult auch ein zukunftsweisendes Denken, das mit Risikoszenarien umgehen kann. Bildung heißt Denkenlernen – und das beginnt mit der Fähigkeit zu lesen und schreiben. Die Begeisterung der Revolutionäre für ihre Ideen war ansteckend: Es gelang ihnen, nach der Ausrufung des sozialistischen Staates am 1. Januar 1959 innerhalb eines Jahres die Analphabetenquote von 95 Prozent auf fünf Prozent zu senken. Eine enorme Leistung, die bis heute überall spürbar ist: Theater, Bibliotheken und Kulturzentren sind auch in kleinen Städten selbstverständlicher Teil der Infrastruktur. Dass sie aufgrund von baulichen Mängeln oder Renovierungsarbeiten dann bisweilen geschlossen sind, bebildert einen der vielen Widersprüche der kubanischen Ökonomie. Anders als etwa in der DDR stand im kubanischen Sozialismus nicht die Befreiung vom Faschismus im Vordergrund, sondern die Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung durch Kolonialismus und Sklaverei. Das bedeutete neben der starken Betonung der Alphabetisierung auch die staatliche Bekämpfung von Rassismus. Bis heute findet sich wohl kein Land, dem es in so kurzer Zeit gelungen ist, rassistische Alltagsphänomene weitgehend zum Verschwinden zu bringen. Die überwiegende Mehrheit der Regierungsfunktionäre ist allerdings weiterhin weißer Hautfarbe. Ein weiterer Widerspruch, der vielleicht auch bebildert, in welchen Zeiträumen zu denken ist, wenn die Abschaffung von Rassismus politisches Ziel ist. Die Revolutionäre wollten nicht weniger als die ideale Gesellschaft schaffen, doch die Hürden, Hindernisse und Paradoxien eines solchen Versuchs zeigen sich auf Kuba vielleicht deutlicher denn anderswo.

In Kuba sind Krankheiten kein Armutsrisiko. Foto: laif
In Kuba sind Krankheiten kein Armutsrisiko. Foto: laif

Angel runzelt die Stirn. Er steht vor einem enormen Dilemma. Er liebt seinen Job, aber er kann von ihm nicht leben. Als Psychologe verdient er etwa 35 Euro im Monat. In einem Land, das mit zwei Währungen lebt, ist dieser Lohn eigentlich Hohn. In der nationalen Währung würde er etwa reichen, um sich knapp einen Monat lang Brot zu kaufen, Bus zu fahren und die vom Staat rationierten und zugeteilten Lebensmittel rudimentär zu ergänzen. Mehr sicher nicht. In der Parallelwährung, dem CUC, der harten Devise, reicht der Lohn in etwa für einen Tag – denn in CUC wird fast alles gezahlt, was über Grundnahrungsmittel und Transport hinausgeht. Zum Vergleich: Eine Stunde Internetzugang etwa kostet auf Kuba 1,50 Euro. Das führt zu der absurden Situation, dass man auf Kuba meist einen offiziellen, staatlichen Job innehat und nebenbei durch Handel oder Schwarzarbeit das eigentlich zum Überleben Notwendige erwirtschaften muss. Im Falle von Angel, der seinen Job liebt und kaum weitere zeitliche Kapazitäten hat, seinen eigentlichen Lebensunterhalt zu verdienen, ein Paradox. Erst vor wenigen Jahren hat sich Kubas Regierung entschieden, Privatpersonen eigene Geschäfte zu erlauben – und die Geschäftsgründungen sind seitdem explodiert. Als Psychologe aber kann sich Angel nicht selbstständig machen. Von einer staatlichen Prämienzahlung für einen Auslandseinsatz konnte er sich allerdings vor einigen Jahren eine Wohnung kaufen und die will er – auch dies ist erst seit einigen Jahren zulässig – jetzt verkaufen. Um sich dann mit einem Geschäft selbstständig zu machen. Womit er handeln will? „Ist mir völlig egal, mal sehen“, sagt Angel.

So wird das gut ausgebildete Gesundheitssystem von innen ausgehöhlt – dem Staat wandern seine Mitarbeiter ab, die Ausgaben für den hohen Standard in Bildung und Gesundheit schmälern das Budget für ihre Löhne. Und noch ein Paradox: Für den Staat rächt sich jetzt quasi der hohe Bildungsstand auf Kuba – denn viele Menschen haben nicht nur zündende Geschäftsideen, sondern können diese eben auch umsetzen. Auch wenn es heute auf Kuba weit mehr zu kaufen gibt, als noch vor zehn oder 15 Jahren – die Sehnsucht nach unbeschränkten Konsummöglichkeiten scheint zu wuchern.

Land der Widersprüche

Kuba ist ein Land, in dem die Widersprüche frontaler aufeinander knallen als irgendwo sonst. Das US-Handelsembargo schränkt die Wirtschaftsleistung des Landes seit Jahrzehnten ein. Und seit dem Wegfall privilegierter sozialistischer Handelsbeziehungen mit Russland steht das Land vor massiven wirtschaftlichen Problemen, die der forcierte Ausbau des Tourismus kompensieren soll. Und doch: Wenn Würde eine Währung wäre, wäre Kuba noch immer ein sehr reiches Land.

Vera Kattermann

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