THEMEN DER ZEIT

Medizingeschichte: Der Nürnberger Ärzteprozess

Dtsch Arztebl 2017; 114(33-34): A-1524 / B-1292 / C-1264

Eckart, Wolfgang U.

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23 Ärzte und Gesundheitsbeamte waren im Nürnberger Ärzteprozess angeklagt.
23 Ärzte und Gesundheitsbeamte waren im Nürnberger Ärzteprozess angeklagt.

Der Prozess, der vom 9. Dezember 1946 bis zum 20. August 1947 stattfand, sollte mit führenden Vertretern der nationalsozialistischen Ärzteschaft abrechnen.

Die Anklageschrift, die am 25. Oktober 1946 im sogenannten „Ärzteprozess“ vor dem ersten amerikanischen Militärtribunal in Nürnberg vorgelegt wurde, umfasste vier Hauptanklagepunkte: „Verschwörung zur Begehung von Kriegsverbrechen (insbesondere medizinische Menschenversuche), Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Mitgliedschaft in verbrecherischen Organisationen.“ Hinter diesen Vorwürfen standen konkrete Personen. Angeklagt waren eine Ärztin, 19 Ärzte, ein Jurist und zwei Verwaltungsspezialisten. Ihre Vergehen: Hunderttausendfacher „Euthanasie“- Mord, brutale und tödliche Menschenexperimente, sadistische medizinische Quälereien bislang unbekannter Art. Das Gerichtsverfahren selbst dauerte vom 9. Dezember 1946 bis zum 20. Juli 1947. Am 20. August 1947 wurden die nicht revisionsfähigen Urteilssprüche verkündet. Für sieben der Angeklagten lautete der Urteilsspruch auf „Tod durch den Strang“ (siehe Kasten). Viktor Brack und Prof. Dr. med. Karl Brandt hatten sich als Schreibtischtäter für ihre akribische Planung und organisatorische Leitung des als „Euthanasie“ verbrämten Mordens an psychisch Kranken zu verantworten, Rudolf Brandt, Gebhardt, Hoven, Mrugowsky und Sievers wegen ihrer führenden Rollen bei der Planung und Umsetzung tödlicher Menschenversuche in Konzentrationslagern.

Zu lebenslangen Haftstrafen verurteilte das Tribunal bedeutende SS- und Wehrmachtsärzte, die sich in den Dienst menschenverachtender Humanexperimente gestellt hatten wie zum Beispiel Dr. med. Karl Genzken, SS-Gruppenführer und Chef des Sanitätswesens der Waffen-SS, Generaloberstabsarzt Prof. Dr. med. Siegfried Handloser, Chef des Wehrmachtssanitätswesens und Heeressanitätsinspekteur, sowie die grausame Ärztin des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück, Dr. med. Herta Oberheuser. Kaum einer der zu lebenslangen Strafen Verurteilten starb in Haft. Es kam zu vorzeitigen Entlassungen und beschämenden Rehabilitationsversuchen. Helfer und Helfershelfer blieben weitgehend unbehelligt. Freigesprochen wurden Kurt Blome, Adolf Pokorny, Hans W. Romberg, Paul Rostock, Siegfried Ruff, Konrad Schäfer und Georg A. Weltz.

Fast alle Angeklagten nutzten als Schutzargumentationen den Befehlsnotstand oder sie relativierten ihre Verantwortlichkeiten; anders Karl Brandt, der auf die Frage, ob er sich grausame und tödliche Menschenexperimente wie die in Dachau oder Buchenwald an einem beliebig anderen Ort des Reichsgebietes vorstellen könnte, sehr nachdenklich antwortete: „Ich glaube nicht, dass der Arzt als solcher von seiner ärztlichen Ethik oder seinem moralischen Empfinden aus einen solchen Versuch durchführen könnte oder würde.“ Brandt aber meinte nicht den „Arzt als solchen“, sondern den Arzt in der völkisch-diktatorischen Gemeinschaft: „In dem Augenblick, in dem die Person des Einzelmenschen aufgeht in dem Begriff des Kollektiven, […] wird dieser einzelne Mensch völlig benutzt im Interesse dieser Gemeinschaft […]. Im Grunde bedeutet das Einzelwesen nichts mehr.“ Für Brandt war der Arzt ausschließlich „Führerarzt“ im Dienste des Volksganzen, Wächter über Gesundheit und Rasse, Gutachter über Wert oder Unwert des Individuums für das Volk, ausmerzender Richter über Krankheit und Schwäche. Unter dieser Perspektive folgte Karl Brandt, persönlich überzeugt, den Vorgaben des „Führers“: „Hitler gab mir seinerzeit den Auftrag, mich dieser Sache anzunehmen“, gab Brandt als Angeklagter im Nürnberger Prozess zu Protokoll. Brandt nahm sich der „Sache“ an, und organisierte die Umsetzung der Tötungslegitimation Hitlers unter den Bedingungen des Krieges minutiös und buchhalterisch genau. Als besonders belastend hat Brandt seine Schreibtischmorde nicht empfunden. Auf die Frage seines Rechtsanwalts, ob er sich „irgendwie belastet“ fühle „durch die Ausübung der Euthanasie“, hatte er noch während des Prozesses geantwortet: „Nein. Ich fühle mich dadurch nicht belastet. Ich habe die Vorstellung und Überzeugung, dass ich das, was ich in diesem Zusammenhang getan habe, vor mir selbst verantworten kann.“

In der Urteilsbegründung ist besonders stark gewichtet worden, dass die von Anfang an geplante und in der zweiten Phase auch vollzogene Ausdehnung der sogenannten „Euthanasie“-Aktion auf „Mischlinge (Halbjuden)“, Juden, „unerwünschtes Volkstum“ und KZ-Häftlinge auch „machtlose Menschenwesen anderer Nationalität“ dem Morden ausgesetzt und Brandt sich mithin „der Ausrottung fremder Staatsangehöriger schuldig gemacht“ habe. Dabei sei es unerheblich gewesen, ob Brandt unmittelbar an der „Euthanasie“ beteiligt gewesen sei oder nicht. Ähnlich lautete die Begründung auch hinsichtlich der in Konzentrationslagern durchgeführten Humanexperimente: „Im Gesundheitswesen hatte der Angeklagte eine höchste Stellung direkt unter Hitler inne. In Bezug auf ärztliche Angelegenheiten war er in der Lage, als Autorität einzugreifen; es scheint sogar, dass dies seine bestimmte Pflicht war. Man hat nicht den Eindruck, dass er irgendwelche Schritte unternahm, um ärztlichen Versuchen am Menschen Einhalt zu gebieten.“ Hätte Brandt seine Aufsichtspflicht wahrgenommen, so das Gericht, „wäre eine große Anzahl von Nichtdeutschen vor der Ermordung bewahrt geblieben“. Am 2. Juni 1948 wurde das Todesurteil in Landsberg vollstreckt.

Wesentlich mehr Täter als die in Nürnberg vor Gericht gestellten und auch mehr als die nach dem Ärzteprozess von den westdeutschen Ärztekammern gemutmaßten 350 ärztlichen und nichtärztlichen Medizinverbrecher hätten zur Verantwortung
gezogen werden müssen und auch können, wenn sich nicht viele von
ihnen durch Flucht, Tarnung oder Selbsttötung der Verantwortung entzogen hätten und wenn konsequenter gefahndet worden wäre.

Andere Täter, die sich in den Nachkriegswirren zunächst erfolgreich getarnt hatten, konnten in den folgenden Jahrzehnten ermittelt und in ebenso aufsehenerregenden wie unbefriedigenden Prozessen vor Gericht gestellt werden, so etwa der „Euthanasiegutachter“ und Leiter der „T4-Aktion“, Dr. med. Werner Heyde (inhaftiert 1959). Dem für Mitte Februar 1964 angesetzten Prozess entzog sich Heyde durch Suizid (13. Februar 1964).

Die Berichtererstattung über den Ärzteprozess in der deutschen Tages- und Wochenpresse war insgesamt kümmerlich. Der Spiegel widmete dem Prozessverlauf in seiner Ausgabe vom 15. März 1947 einen knappen, exemplarischen Beitrag unter dem Titel „Menschenversuch aufs Exempel“. Aber nur Karl Gebhardts Verhalten vor Gericht wurde thematisiert. Im Neuen Deutschland (ND) konnten sich die ostdeutschen Leser am 11. April 1947 unter der Schlagzeile „Himmler sammelte Schädel“ über „Verbrechen der ‚Ahnenerbe‘-Gesellschaft im Nürnberger Ärzteprozess“ informieren. Ähnlich knapp wie in Tageszeitungen Westdeutschlands berichtete auch das ND Ende August 1947 über die Urteilssprüche.

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3317
oder über QR-Code.

Zum Tode verurteilt

SS-Oberführer Viktor Brack, NSDAP-Oberdienstleiter in der Kanzlei des Führers, SS-Gruppenführer Prof. Dr. med. Karl Brandt, Reichskommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen, SS-Standartenführer Dr. jur. Rudolf Brandt, persönlicher Referent Himmlers, SS-Gruppenführer Prof. Dr. med. Karl Gebhardt, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes und Leibarzt Himmlers, SS-Hauptsturmführer Dr. med. Waldemar Hoven, Lagerarzt im Konzentrationslager Buchenwald, SS-Oberführer Prof. Dr. med. Joachim Mrugowsky, oberster Hygieniker der SS, und SS-Standartenführer Wolfram Sievers, Generalsekretär der Gesellschaft „Ahnenerbe“.

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1.
Eckart W U: Medizin in der NS-Diktatur – Ideologie, Praxis, Folgen. Köln/Wien: Böhlau 2012: 395–413 CrossRef
2.
Eckart W U: Der Nürnberger Ärzteprozess, in: Gerd R. Ueberschär (Hg.), Der Nationalsozialismus vor Gericht. Frankfurt 1999: 73–85.
3.
Kröll F: Der Prozess gegen Erhard Milch, in: Ueberschär G R (Hg.), Der Nationalsozialismus vor Gericht. Frankfurt 1999: 86–98.
4.
Oppitz U-D: Medizinverbrechen vor Gericht – Das Urteil im Nürnberger Ärzteprozess gegen Karl Brandt und andere sowie aus dem Prozess gegen Generalfeldmarschall Milch. Erlangen 1999.
5.
Peter J: Der Nürnberger Ärzteprozess im Spiegel seiner Aufarbeitung anhand der drei Dokumentensammlungen von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke. Münster/Hamburg 1994.
6.
Mitscherlich A, Mielke F (Hg.): Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses, Neuausgabe, Frankfurt/Main 1978.
1.Eckart W U: Medizin in der NS-Diktatur – Ideologie, Praxis, Folgen. Köln/Wien: Böhlau 2012: 395–413 CrossRef
2.Eckart W U: Der Nürnberger Ärzteprozess, in: Gerd R. Ueberschär (Hg.), Der Nationalsozialismus vor Gericht. Frankfurt 1999: 73–85.
3.Kröll F: Der Prozess gegen Erhard Milch, in: Ueberschär G R (Hg.), Der Nationalsozialismus vor Gericht. Frankfurt 1999: 86–98.
4.Oppitz U-D: Medizinverbrechen vor Gericht – Das Urteil im Nürnberger Ärzteprozess gegen Karl Brandt und andere sowie aus dem Prozess gegen Generalfeldmarschall Milch. Erlangen 1999.
5.Peter J: Der Nürnberger Ärzteprozess im Spiegel seiner Aufarbeitung anhand der drei Dokumentensammlungen von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke. Münster/Hamburg 1994.
6.Mitscherlich A, Mielke F (Hg.): Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses, Neuausgabe, Frankfurt/Main 1978.

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    dr.med.thomas.g.schaetzler
    am Montag, 4. September 2017, 22:21

    Mehr als peinlich, Kollege Nabilabdulkadirdeeb!

    Ihr einziger Kommentar zu den Nürnberger Ärzteprozessen ist eine wörtliche, plan- und ziellose Wiederholung eines Teils des 1. Absatzes nach dem Intro des Medizin-Historikers Prof. Dr. med. Wolfgang U. Eckart?

    Haben Sie denn keine eigene Meinung, die Sie kommentierend zum Besten geben könnten? Haben Sie auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, wie verheerend peinlich und überflüssig Ihr Kommentar in der Öffentlichkeit wirken muss? Mehr Dilettantismus geht gar nicht!

    Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund ( z.Zt. Ramatuelle/F)
    nabilabdulkadirdeeb.germany&
    am Freitag, 25. August 2017, 12:23

    nabilabdulkadirdeeb-germany-Syndrome- vor und nach dem zweiten Weltkrieg : Wir muessen ueber die Menschenrechte und Rechtsstaat vor und nach dem zweiten Weltkrieg nachdenken !!! :



    Nabil Abdul Kadir DEEB
    53140 Bonn / GERMANY



    nabilabdulkadirdeeb-germany-Syndrome- vor und nach dem zweiten Weltkrieg : Wir muessen ueber die Menschenrechte und Rechtsstaat vor und nach dem zweiten Weltkrieg nachdenken !!! :


    Die Anklageschrift, die am 25. Oktober 1946 im sogenannten „Ärzteprozess“ vor dem ersten amerikanischen Militärtribunal in Nürnberg vorgelegt wurde, umfasste vier Hauptanklagepunkte: „Ver schwörung zur Begehung von Kriegsverbrechen (insbesondere medizinische Menschenversuche), Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Mitgliedschaft in verbrecherischen Organisationen.“ Hinter diesen Vorwürfen standen konkrete Personen. Angeklagt waren eine Ärztin, 19 Ärzte, ein Jurist und zwei Verwaltungsspezialisten. Ihre Vergehen: Hunderttausendfacher „Euthanasie“- Mord, brutale und tödliche Menschenexperimente, sadistische medizinische Quälereien bislang unbekannter Art. Das Gerichtsverfahren selbst dauerte vom 9. Dezember 1946 bis zum 20. Juli 1947. Am 20. August 1947 wurden die nicht revisionsfähigen Urteilssprüche verkündet.


    Literatur :


    THEMEN DER ZEIT

    Medizingeschichte: Der Nürnberger Ärzteprozess

    Dtsch Arztebl 2017; 114(33-34): A-1524 / B-1292 / C-1264

    Eckart, Wolfgang

    https://www.aerzteblatt.de/archiv/192979/Medizingeschichte-Der-Nuernberger-Aerzteprozess


    Mit freundlichen kollegialen Gruessen


    Ihr


    Nabil Abdul Kadir DEEB
    Arzt – Physician – Doctor
    PMI-Registered Doctors'Association
    53140 Bonn / GERMANY


    nabilabdulkadirdeeb.germany@gmail.com

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