SEITE EINS

Methadon in der Krebstherapie: Bedenkliches Ausmaß

Dtsch Arztebl 2017; 114(33-34): A-1505 / B-1273 / C-1247

Gießelmann, Kathrin

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Kathrin Gießelmann, Politische Redaktion
Kathrin Gießelmann, Politische Redaktion

Für gewöhnlich interessieren sich die Publikumsmedien nicht für Grundlagenforschung. Dem günstigen Schmerzmittel Methadon ist es dennoch gelungen. Mithilfe sehr überzeugender und emotionaler Patientengeschichten wurde für Aufruhr gesorgt: Alles fing an mit einem Bericht beim ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus. Unter dem Titel „Methadon als Krebsmittel“ stellte die ARD eine Patientin mit einem Glioblastom vor, die dank Methadon noch am Leben sein soll. Bis heute folgen fast wöchentlich Medienberichte über das Opioid und seine potenzielle Funktion als Wirkverstärker in der Chemotherapie, unter anderem auch von SternTV. Die Grenzen zwischen Evidenz und Vermutung bleiben meist verschwommen. Der Fakt, dass ein Großteil (90 Prozent) aller neuen Medikamente in klinischen Studien scheitern, beeindruckte den SternTV-Moderator kaum. Er fragte sich stattdessen, ob der Entdeckerin Dr. rer. nat. Claudia Friesen von der Universität Ulm ein Medizinnobelpreis zustehen würde.

Auch wenn einige Medien, wie etwa Süddeutsche, Deutschlandfunk und Bild inzwischen mit ausgewogenen Beiträgen nachgezogen sind, kommen diese Fakten zu spät. Viele Patienten haben sich ihre Meinung längst gebildet: Betroffene – egal mit welcher Art von Tumor – hätten ein Anrecht auf die Therapie mit Methadon. Wer es nicht verschreiben will, ist höchstwahrscheinlich von der Pharmaindustrie „gekauft“ – so auch die Autoren diverser Stellungnahmen, die die Erwartungen der Patienten dämpfen wollten.

Die Hoffnungen, die die Medien bei verzweifelten Krebspatienten geweckt haben, sind absolut nachvollziehbar. Wer mit dem Tod konfrontiert ist und Nebenwirkungen einer Chemotherapie durchlebt hat, lässt sich auf jede neue Alternative ein. Das Ausmaß der Reaktionen scheint dennoch bisweilen gefährlich: Die Telefonzentrale des Uniklinikums Ulm war zeitweise aufgrund der Anfragen lahmgelegt, was die Patientenversorgung gefährdete. Entsprechend voll waren die Mailpostfächer von Onkologen. Inzwischen wappnen sich Ärzte mit Infomaterial, um ihren Patienten zu erklären, warum die Off-Label-Therapie mit Methadon im Rahmen von Studien stattfinden soll. Einige Patienten fordern das Opioid trotzdem von ihren Ärzten ein, selbst wenn die bisherige Therapie eine gute Wirkung zeigt. Auf Facebook haben sich mehrere Tausend Betroffene organisiert. Sie tauschen Adressen von Ärzten aus, die Methadon verschreiben, posten Fotos ihrer Methadonfläschchen und geben sich Tipps zur Dosierung.

Spätestens hier wird klar: Die Berichterstattung könnte irreparable Schäden zur Folge haben. Höchste Zeit, dass die durchweg positiven Patientenbeispiele aus den Medien relativiert werden. Professor Dr. med. Jutta Hübner vom Universitätsklinikum Jena berichtet in dieser Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes (Seite 1269) über drei Fälle, in denen Krebspatienten ohne Wissen ihres Onkologen Methadon einnahmen. Alle erlitten lebensgefährliche Nebenwirkungen. Eine Patientin verstarb kurz darauf. Das soll die potenzielle Wirkung von Methadon nicht grundsätzlich infrage stellen. Ob die Funktion des Opioids als Wirkverstärker bestätigt wird, bleibt abzuwarten. Einen Antrag für eine klinische Studie haben drei Ärzte aus Heidelberg, Mannheim und Frankfurt bei der Deutschen Krebshilfe eingereicht. Er wurde noch nicht bewilligt. Auch die Chemikerin Friesen hat ihre Unterstützung zugesagt. Zukünftig wäre es jedoch wünschenswert, dass nicht die Medien, sondern präklinische Daten Antragsteller von einer klinischen Studie überzeugen.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige