ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2017Chronische Herzinsuffizienz bei HIV-Infizierten: Risiko ist erhöht und mit dem Immunstatus assoziiert

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Chronische Herzinsuffizienz bei HIV-Infizierten: Risiko ist erhöht und mit dem Immunstatus assoziiert

Siegmund-Schultze, Nicola

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In Deutschland leben zurzeit circa 84 700 Menschen mit HIV-Infektion. Seit Anfang der 1990er-Jahre hat sich die Zahl der über 40-jährigen HIV-Infizierten fast verfünffacht (1). Mit zunehmendem Alter erhöht sich unter anderem das Risiko für eine Herzinsuffizienz. In einer großen Kohortenstudie aus den USA ist nun das Risiko für unterschiedliche Formen der Herzerkrankung quantifiziert worden (2).

Ausgewertet wurden die Daten von 98 015 Personen aus der Veterans Aging Cohort Study (VACS). Die Teilnehmer waren zu Beginn der Studie durchschnittlich 48,3 Jahre alt und hatten keine kardiovaskuläre Erkrankung. 32,2 % der Kohorte (n = 31 523) war HIV-infiziert. Nach einer durchschnittlichen Beobachtungszeit von 7,1 Jahren waren in der Gesamtgruppe 2 636 kardiale Ereignisse aufgetreten. Mithilfe der Echokardiographie wurde zwischen Herzerkrankungen mit verminderter Ejektionsfraktion (EF; < 40 %) und mit erhaltener EF (> 50 %) unterschieden.

HIV-infizierte Veteranen hatten ein um den Faktor 1,21 erhöhtes Risiko für Herzinsuffizienz mit erhaltener EF im Vergleich zu nicht Infizierten (Hazard Ratio [HR]: 1,21; 95-%-Konfidenzintervall [95-%- KI] [1,03; 1,41]). Für eine Herzerkrankung mit grenzwertiger linksventrikulärer Funktion (EF 40–49 %) war das Risiko um den Faktor 1,37 erhöht (HR: 1,37; [1,09; 1,72]) und für eine Herzinsuffizienz mit verminderter EF um den Faktor 1,61 (HR: 1,61; [1,40; 1,86]).

Konstant niedrige CD4-Zellzahlen (< 200/μL) korrelierten mit einer größeren Wahrscheinlichkeit für eine Herzerkrankung (HR: 2,03 bei verminderter EF; HR: 1,38 für Erkrankung mit erhaltener EF), und eine Virämie (> 500 Kopien/mL) mit einer größeren Wahrscheinlichkeit für Herzinsuffizienz mit verminderter EF (HR: 1,63).

Fazit: Bei HIV-Infizierten ist das Risiko für eine Herzinsuffizienz deutlich erhöht. Eine Erkrankung mit reduzierter Ejektionsfraktion manifestiert sich durchschnittlich früher als bei nicht HIV-Infizierten, nämlich vor oder in der 5.–6. Lebensdekade. „Angesichts einer älter werdenden HIV-Population erwarten wir auch in Deutschland eine Zunahme der Herzinsuffizienz bei HIV-Infizierten“, kommentiert der HIV-Experte Dr. med. Hans Jäger vom Medizinischen Versorgungszentrum Karlsplatz in München. „Aufgrund der Risikoerhöhung bei HIV-Infektion besteht ein medizinischer Bedarf an intensivierten Präventionsstrategien. Neben anderen Maßnahmen ist die frühe und suffiziente Behandlung der HIV-Infektion ein zentraler Baustein in der Prävention von Komorbiditäten, die gehäuft bei gleichzeitiger HIV-Infektion auftreten. Wie die Studie zeigt, scheint dies auch für die Herzinsuffizienz der Fall zu sein.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Schätzung der Zahl der HIV-Neuinfektionen und der Gesamtzahl von Menschen mit HIV in Deutschland. Epi Bull 2016; 45; DOI 10.17886/EpiBull-2016–066.2
  2. Freiberg MS, Chang CCH, Skanderson M,
    et al.: Association between HIV infection and the risk of heart failure with reduced ejection fraction and preserved ejection fraction in the antiretroviral therapy era.
    JAMA Cardiol 2017; 2: 536–46.

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