ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2017E-Health: Interoperabilität als Muss

SEITE EINS

E-Health: Interoperabilität als Muss

Dtsch Arztebl 2017; 114(35-36): A-1559 / B-1327 / C-1297

Schmedt, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Sommer in Deutschland – Politiker urlauben, die Berichterstattung kocht auf Sparflamme. Die Schlagzeilen sind dementsprechend: Jens Spahn (CDU) kritisiert Englisch sprechende Hipster und Martin Schulz (SPD) möchte lieber für Golf-Fahrer als für Golf-Spieler da sein. Auch die Gesundheitspolitik ist kaum ein Thema. Nicht einmal das klassische Wahlkampfthema „Bürgerversicherung“, an dem sich die Opposition bei den vergangenen Wahlen immer wieder abgearbeitet hatte, schafft es in die Medien. Die Gesundheit belegt bei Umfragen nur Rang vier bei den drängenden Themen für die Bundestagswahl. Anders ausgedrückt: Es läuft in der Gesundheitspolitik, die Bürger sind zufrieden. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) hat in der vergangenen Legislaturperiode Punkt für Punkt des reichhaltigen Arbeitsprogramms aus dem Koalitionsvertrag abgearbeitet, immer mit Blick auf den Patienten. Da hatte selbst die Opposition kaum etwas zu meckern.

Eine Aufregermeldung in der Gesundheitspolitik gab es Anfang August dann doch. Die Bundesregierung habe Pläne, die elektronische Gesundheitskarte (eGK) nach der Bundestagswahl für gescheitert erklären zu lassen, schrieb die Süddeutsche Zeitung. Dass es bei der Einführung der eGK alles andere als rund läuft, ist unbestritten. Aber die Karte selbst kann wenig dafür. Als Datenträger ist sie wegen ihres begrenzten Speichervolumens ohnehin nicht geeignet. So sieht auch KBV-Vorstandsmitglied und Vorsitzender der Betriebsgesellschaft gematik, Dr. rer. soc. Thomas Kriedel, die eGK eher als ein Legitimationsinstrument wie den Personalausweis. Sie ermögliche den sicheren Zugriff auf die Patientendaten. Das mag wenig sein, aber schaut man in sein eigenes Portemonnaie, so können Kredit- oder Scheckkarte auch nicht mehr. Dennoch stellt man sie nicht infrage, denn man vertraut der Legitimation. Ja, Apps sind moderner und Smartphones können viele Daten speichern. Aber sie können auch gehackt werden oder schlicht einen leeren Akku haben. Die eGK als Signaturkarte hat ihre Berechtigung.

Anzeige

Viel wichtiger ist der Zugang zur Tele­ma­tik­infra­struk­tur mit der eGK über den sogenannten Konnektor. Hier hakt es immer noch gewaltig. Weiterhin gibt es nur einen Konnektor, der die Zulassung der gematik bekommen und das entsprechende Sicherheitszertifikat hat. Der Preis ist bislang ein Monopolpreis. Hier ist die Industrie in der Pflicht. Und in noch einem Vergleich mit der Scheckkarte muss sich die eGK messen lassen. Das Bezahlen an der Supermarktkasse geht in der Regel in Sekundenschnelle. Das muss auch mit der eGK in der Arztpraxis möglich sein. Zu lange Einlesezeiten belasten Arzt, Patient und Praxispersonal.

Die Anwendung aber, die künftig das Arzt-Patienten-Verhältnis bestimmen wird, ist die elektronische Gesundheitsakte (ePA). Die KBV fordert zu Recht, dass es hier einheitliche Standards geben müsse. Schon jetzt existieren vielfältige Entwicklungen. Krankenkassen nutzen die ePA als Marketinginstrument, um ihre Patienten von ihrer digitalen Kompetenz zu überzeugen. Aber was ist, wenn die ePA unterschiedliche Strukturen haben, wenn die Patienten die Kasse wechseln und der Zugriff über existierende Praxisgeräte nicht mehr möglich ist? All das würde zu einer unzumutbaren Belastung des Arzt-Patienten-Verhältnisses führen. Daher gilt: Die Interoperabilität muss die Basis der digitalen Entwicklungen sein. Das muss sich der nächste Ge­sund­heits­mi­nis­ter auf seine Agenda schreiben.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #110206
kairoprax
am Montag, 9. Oktober 2017, 16:20

"Interoperabilität als Muß?"

Sehr geehrter Herr Schmedt,

Ihr Seite-Eins schreit geradezu nach einem Leserbrief.
Zu allererst ist es nicht wirklich sinnvoll oder notwendig, die american phrase of an interoperability einzudeutschen.
Eine Interoperabilität gibt es im Deutschen nicht.
Die Eindeutschung kann nur falsch werden, weil interoperability zwei Bedeutungen hat.

Zum einen geht es um die Kompabilität, die Verträglichkeit zweier Systeme - also zum Beispiel, ob und wie sich Windows-Dateien unter Apple oder Linux nutzen lassen.
Zum andern geht es um die Interfunktion, die Nutzbarkeit verschiedener Systeme - also zum Beispiel, daß ich die SEPA-Adresse meiner Bankkarte auf allen Geldautomaten anwenden kann.
Sie schreiben dann, "die Anwendung, die künftig das Arzt-Patient-Verhältnis bestimmen [.. würde, sei ..] die elektronische Gesundheitsakte".
Die elektronische Gesundheitsakte und die elektronische Gesundheitskarte (egk), wenn sie auf der fußen soll, ist weder kompatibel noch nutzbar in den bisher bestehenden Systemen.
Die eGK widerspricht damit - anders als alle derzeit existenten Systeme, die sich an Industriestandards orientieren - beiden Forderungen einer Interoperability.

Universell nutzbar wären im Gegensatz zur eGK-Lösung derzeit bereits viele Lösungen.
Und diese KLösungen sind kompatibel und universell nutzbar.
Wenn es um den Speicherplatz geht, den die eGK nicht in genügendem Maß hat, bieten sich Clouds, DVD oder Sticks an, um nur die gängigsten interoperabilen Medien zu nennen.
Wenn es um den Datenschutz geht, bieten sich Verschlüsslungen an, wie KV-Ident plus oder OpenVPN, GNU Privacy-Guard (GPG) oder TrueCrypt - außer KV-Ident allesamt Freeware (kostenlos erhältlich) und quasi Goldstandard bezüglich der Verschlüsselung.

Soll man tatsächlich die bestehenden Standards einer Technologie wie der eGK opfern, die seit rund 20 Jahren bereits veraltet ist?

Grundsätzlich anders sieht die Sache aus, wenn es um den Kassenwechsel geht.
Hier sollte und darf es keinen Automatismus in der Nutzbarkeit oder Verfügbarkeit von Patientendaten geben.
Eine solche Generalisierung des Zugriffs von einer Krankenkasse A auf Daten einer Krankenklasse B ist das exakte Gegenteil von Datenschutz.
Keine Kasse darf Zugang zu einer Gesundheitsakte bekommen, weder elektronisch noch auf Papier!
Einer Kasse seine Daten zu übergeben ist und bleibt hoffentlich die freie Entscheidung jedes Einzelnen - und nicht einer anonymen Interoperabilität.
Übrigens sind das Forderungen, die im sog.E-Health-Gesetz verankert sind.

Deswegen war die Nachricht, nach dem 24. September 2017 könnte die eGK gestorben sein keine "Aufregermeldung", sondern eine Zusammenfassung all dessen, was man bisher von der eGK gehört und gesehen hat.
Ein "Muß" sieht anders als als der "Murks", den uns die Gematik bisher anzudienen versucht.
Im Prinzip gebe ich Ihnen Recht, weil ein vermehrter Bliock auf Kompatibilität und Datenfluß notwendig ist.
Aus derselben Überlegung heraus muß jeder, der Datenschutz und Informatik in der Medizin auf den Stand der Zeit bringen will , froh sein, wenn die Süddeutsche Zeitung im Recht bleiben wird - woran ich keinen Zweifel habe, nicht weil ich die Karte nicht mag, sondern weil die Karte sich nachhaltig als Irrweg erwiesen hat

Ihr
Karlheinz Bayer
Themen:

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige