THEMEN DER ZEIT

Drogen- und Suchtbericht 2017: Bilanz einer Amtszeit

Dtsch Arztebl 2017; 114(35-36): A-1582 / B-1343 / C-1313

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
„Es muss Schluss sein mit der Life-Style-getriebenen Cannabis-Debatte“, betonte Marlene Mortler. Foto: Jürgen Heinrich/SZ Photo
„Es muss Schluss sein mit der Life-Style-getriebenen Cannabis-Debatte“, betonte Marlene Mortler. Foto: Jürgen Heinrich/SZ Photo

Bundesdrogenbeauftragte werden in jeder Legislaturperiode kritisiert: zu wenig Reglementierungen hier, zu viele dort. Marlene Mortler musste wegen ihrer restriktiven Cannabis-Politik einiges aushalten. Bei anderen Themen hat sie wichtige Akzente gesetzt.

Es sind gute Jahre gewesen, die Arbeit hat sich gelohnt“, betonte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, als sie Mitte August in Berlin den Drogen- und Suchtbericht 2017 vorlegte – den letzten unter ihrer Verantwortung in dieser Legislaturperiode. Die 61-jährige CSU-Politikerin aus dem Nürnberger Land ließ dabei ihre Arbeit der letzten vier Jahre Revue passieren.

Mit Ausnahme des Tabakwerbeverbots habe sie alle selbst gesteckten Ziele erreicht. Dazu zählt die Drogenbeauftragte, dass heute nur noch halb so viele Jugendliche wie vor 15 Jahren regelmäßig Alkohol konsumieren. Auch der Anteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die noch nie geraucht haben, sei seit 2001 um fast das doppelte gestiegen. „Wir haben eine Trendwende geschaffen“, folgerte Mortler. Nichtsdestotrotz richteten die legalen Drogen Alkohol und Tabak nach wie vor den größten Schaden an: 74 000 Tote jährlich aufgrund von alkoholbedingten Erkrankungen sowie 121 000 Tote jährlich durch Tabakkonsum. Zwar sei der Alkoholkonsum rückläufig, dennoch gehöre Deutschland im weltweiten Vergleich zu den Hochkonsumländern. „Daran müssen wir etwas ändern und dazu brauchen wir eine breite gesellschaftliche Diskussion“, sagte Mortler.

Bildwarnhinweise und Jugendschutz

Zu den gesundheitspolitischen Errungenschaften hinsichtlich einer Reduzierung des Tabakkonsums zählt die Drogenbeauftragte das im Mai 2016 in Kraft getretene Tabakerzeugnisgesetz: Es schreibt Bildwarnhinweise auf Zigaretten und Tabakpackungen vor und schränkt gesundheitsschädigende Inhaltsstoffe ein. Positiv zu bewerten sei auch das seit April 2016 geltende Verkaufsverbot für E-Zigaretten und E-Shishas an unter 18-Jährige, das durch Änderungen im Jugendschutzgesetz erreicht wurde.

Der sucht- und drogenpolitische Sprecher der Grünen, Harald Terpe, bezeichnete die Bilanz der Drogenbeauftragten indes als „mager“. „Bei den legalen Drogen Alkohol und Tabak herrscht Stillstand. Gut gemeinte Appelle und das Vertrauen in Selbstverpflichtungen der Industrie reichen nicht aus, um riskantes Konsumverhalten zu reduzieren.“ Werbebeschränkungen für Tabak und Alkohol müssten endlich eingeführt und umgesetzt werden, fordert der Grüne.

Bei der Bekämpfung des Konsums von illegalen Drogen sieht Mortler noch großen Handlungsbedarf. „Der Markt ist inzwischen vollständig globalisiert und wir müssen auf die immer größer werdende Bandbreite von Amphetaminen und Cannabis über Crystal Meth und Kokain bis hin zu psychoaktiven Substanzen reagieren.“ Den größten Zuwachs an Konsumenten gebe es bei Amphetaminen und vor allem bei Cannabis. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen seien die Zahlen wieder so hoch wie 2004 und sie stiegen weiter an. Keine andere Substanz führe Betroffene so häufig in ärztliche Behandlung, auch weil der THC-Gehalt inzwischen viermal so hoch sei wie vor 30 Jahren. „Es muss Schluss sein mit der Life-Style-getriebenen Cannabis-Debatte“, verteidigte die Drogenbeauftragte ihre ablehnende Haltung gegenüber einer Freigabe der Droge zum Freizeitkonsum, für die sie von anderen Parteien und Aktivisten beständig kritisiert wurde. Inzwischen sei „die Cannabis-Lobby, und damit meine ich auch Hedgefonds, stärker als die Tabaklobby“, sagte Mortler.

Grüne und Linke fordern Paradigmenwechsel

Der drogenpolitische Sprecher der Fraktion Die Linke, Frank Tempel, bewertet die Bilanz der Drogenbeauftragten als „enttäuschend“. Seit ihrem Amtsantritt sei die Zahl der Toten durch illegale Drogen um 30 Prozent gestiegen, insbesondere in ihrem Heimatland Bayern. Es sei Zeit für einen Paradigmenwechsel in der Drogenpolitik: Hilfe statt Strafe für Drogenkonsumenten. Auch der Grünenpolitiker Terpe ist der Ansicht, dass „die bestehende Prohibition nicht wirkt“. Gerade weil viele Substanzen nicht harmlos seien, brauche es eine effektive Regulierung mit Verbraucher- und Jugendschutz.

Einen besonderen Schwerpunkt setzt der Drogen- und Suchtbericht auf die rund drei Millionen Kinder in Deutschland, die bei suchtkranken, vor allem alkoholabhängigen Eltern aufwachsen (siehe „Sucht ist eine Familienerkrankung“, DÄ, Heft 26). „Das Thema hat mich am meisten berührt“, sagte Mortler. Aus dem Schatten geholt hat sie mit ihren Jahresschwerpunkten aber auch die Themen Fetale Alkoholspektrumstörung, Crystal Meth und Onlinesucht.

Petra Bühring

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige