ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2017E-Health: Erste Apps zertifiziert

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E-Health: Erste Apps zertifiziert

Dtsch Arztebl 2017; 114(35-36): A-1606 / B-1359 / C-1329

Gießelmann, Kathrin

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Eine Gruppe von Behandlern und Patienten hat erstmals ein Qualitätssiegel für Gesundheits-Apps vergeben, die die Diabetes-Therapie betreffen. Weitere Fachgesellschaften kündigen ähnliche Initiativen an.

Das Qualitätssiegel geht an: Omnitest Diabetes Tagebuch, SiDiary, MyTherapy und BE Rechner Pro. Diese Apps unterstützen den Nutzer bei der Dokumentation des Diabetes, der medikamentösen Behandlung und der Ernährung. Foto: arrow/stock.adobe.com [m]

Die Arbeitsgemeinschaft „DiaDigital“ hat die ersten vier diabetesbezogenen Apps zertifiziert. Mehr als 50 Betroffene und Behandler haben die Apps dafür vier Wochen getestet. Ob Technik- und Datenschutzstandards gewährt sind, prüfte dabei das Bochumer Zentrum für Telematik und Telemedizin (ZTG). Ein Zertifikat erhielten zwei Diabetes-Tagebücher und zwei Apps zur Therapieunterstützung (www.diadigital.de). Fünf weitere Apps werden in Kürze getestet.

Bisher gibt es keine offizielle Stelle in Deutschland, die unabhängig Apps bewertet. Deshalb haben Diabetesverbände unter der Federführung der Arbeitsgemeinschaft Diabetes & Technologie (AGDT) der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) die DiaDigital-App-Gruppe gegründet. „Unsere Bemühungen stellen den ersten Ansatz in Deutschland dar, Diabetes-Apps von Betroffenen und Behandlern gemeinsam zu beurteilen und diese damit zu verbessern“, erklärt Dr. med. Matthias Kaltheuner, leitendes Mitglied der DiaDigital-App-Gruppe. Eine Behörde könnte den Nutzen für die Betroffenen nicht so gut beurteilen wie diese selber.

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Zunächst erstellte eine kleine Gruppe einen Kriterienkatalog, sagt Diana Droßel, stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Diabetes-Hilfe dem Deutschen Ärzteblatt. Zu den wichtigsten drei Bewertungskriterien zählt Droßel, ob die App intuitiv bedienbar ist, ob sie das medizinische Ziel erfüllt und barrierefrei ist. Eine CE-Zertifizierung ist Voraussetzung für Medizinprodukte, die Therapieempfehlungen etwa zur Insulindosis geben.

Für ein DiaDigital-Zertifikat könnten sich alle App-Hersteller bewerben, die im Entferntesten mit Diabetes zu tun haben, erklärt Droßel. „Wir bewerten nicht nur Diabetes-Tagebuch-Apps oder Bolus-Rechner, sondern auch Ernährungs- oder Fitness-Apps.“ Auf dem dreiseitigen Bewerbungsbogen, der später zusammen mit der technischen ZTG-Bewertung online veröffentlicht wird, gibt der Hersteller unter anderem Auskunft zu den Kosten, dem letzten Update sowie dem ISO-Zertifikat. Ebenfalls abgefragt wird, ob Studien zur App vorliegen, ob die Cloud-Speicherung verschlüsselt ist und wie benutzerbezogene Daten bearbeitet werden. Nach der vierwöchigen Testphase wird in einer Telefonkonferenz beraten, ob die App alle Qualitätskriterien erfüllt. „Es gab auch schon Apps, die kein Zertifikat erhalten haben. Negative Bewertungen veröffentlichen wir aber nicht“, sagt Droßel. Bei positivem Ergebnis erhält die App das Qualitätssiegel.

Weitere Zertifikate in Planung

Zwar geht das Angebot diabetesbezogener Apps weltweit in die Zehntausende. Um das gesamte Angebot der mehr als 100 000 Gesundheits-Apps zu erfassen, bedarf es jedoch weiterer Qualitätskontrollen. Diesen Bedarf haben auch die Deutsche Hochdruckliga (DHL) sowie die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) erkannt und Zertifikate angekündigt. Die DHL hat bereits Bewertungskriterien erarbeitet. Sie plant eine Zertifizierung von Apps und Portalen mit Einfluss auf den Blutdruck. Das beinhaltet nicht nur Mess-Apps, sondern auch Informations-, Bewegungs-, Ernährungs-, Entspannungs-Apps und gegebenenfalls Apps zur Tabakentwöhnung und Alkoholsuchtentwöhnung. Bis zum Jahreskongress der DHL im November 2017 sollen die ersten fünf digitalen Gesundheitshelfer zertifiziert sein, teilt der DHL-Geschäftsführer Mark Grabfelder dem mit.

Einen anderen App-Bereich will hingegen die DGIM abdecken. Sie hat Anfang des Jahres 2017 eine Taskforce „Mobile Health“ gegründet. Ihr Vorsitzender Prof. Dr. med. Gerd Hasenfuß erklärt: „Wir schätzen, dass es zwischen 1 000 und 3 000 Apps gibt, die für die Kommunikation von Arzt und Patient sowie Diagnose und Therapie entscheidend sind. Mit diesen Anwendungen wollen wir uns in erster Linie beschäftigen.“ Die Task- Force steht noch am Anfang und will in Kürze einen Kriterienkatalog zusammenstellen. Initiativen von Medizinern zur Bewertung von Apps hält Hasenfuß für wichtig: „Derzeit ist das Feld der Mo-bile Health komplett von der Industrie eingenommen.“ Für die inhaltliche Kontrolle und bedarfsgerechte Entwicklungen würden jedoch Mediziner im Hintergrund gebraucht.

Kathrin Gießelmann

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