ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2017Isidor Sadger: Erinnerungen an Sigmund Freud

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Isidor Sadger: Erinnerungen an Sigmund Freud

PP 16, Ausgabe September 2017, Seite 450

Goddemeier, Christof

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Vor 150 Jahren wurde der Arzt und Psychoanalytiker Isidor Sadger geboren. Er ließ unter anderem 1930 ein Buch über Freud drucken, das dessen Tod antizipierte. Dafür wurde er scharf kritisiert.

Der Psychoanalytische Kongress 1911 in Weimar: Isidor Sadger steht in der 2. Reihe, 4. von links. Foto: Library of Congress

Eine kleine Sensation in der Geschichte der Psychoanalyse sind Isidor Sadgers „Erinnerungen“ an Sigmund Freud. Denn Sadger hat das Buch zu Lebzeiten Freuds geschrieben, es sollte aber erst nach dessen Tod erscheinen. Die Geheimhaltung funktionierte nicht, und Sadger wurde scharf kritisiert. Den Psychoanalytikern seiner Zeit stieß besonders auf, dass Sadger zum Teil so formulierte, als ob Freud schon gestorben sei. Man kann darüber spekulieren, warum er dies tat – vermutlich wollte er der Erste sein, der seine Erinnerungen an Freud nach dessen Tod veröffentlichte.

1867 wird Isaak Sadger in Neusandez (Nowy Sacz) geboren. Die Stadt liegt damals in Kleinpolen und gehört zum österreichischen Galizien. In seiner Jugendzeit zieht Sadger nach Wien um. Dem Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde Wien zufolge spricht nichts dafür, dass seine Eltern mitgekommen sind. Sadger schließt die Schule in Wien ab, nimmt den Vornamen Isidor an und studiert bis 1891 Medizin. Zwei Jahre später lässt er sich in Wien als Nervenarzt nieder. Eine Schwester Sadgers heiratet den Börsenmakler Rubin Wittels. So entstehen verwandtschaftliche Bande mit dessen Sohn, dem Arzt, Schriftsteller und Psychoanalytiker Fritz Wittels. Soweit bekannt ist, war Sadger nicht verheiratet und hatte keine Kinder.

Typischer Nervenarzt der Jahrhundertwende

Ulrike May nennt Sadger einen „typische[n] Nervenarzt der Jahrhundertwende“. Zunächst spezialisiert er sich auf Neuropathologie. Ab 1891 arbeitet er nach eigenem Bekunden mit Hypnose und Suggestion und veröffentlicht drei Jahre später eine Arbeit über Suggestionstherapie bei „funktionellen Nervenkrankheiten“. Hypnose erscheint ihm jedoch nicht zuverlässig; unter dem Einfluss des Wiener Hydrotherapeuten Wilhelm von Winternitz wendet Sadger sich der Hydrotherapie zu. Bis 1909 praktiziert er regelmäßig im schlesischen Wasserkurort Gräfenberg und publiziert dazu zahlreiche Aufsätze, etwa zur „Hydriatik des Typhus abdominalis“. Im „Medizinischen Handlexikon für praktische Ärzte“ schreibt er über „Balneotherapie“ und „Hydrotherapie“.

Sein Freund Max Kahane, einer der ersten Schüler Freuds, regt Sadger an, Freuds Vorlesungen zu besuchen. 1895 spricht dieser über die „großen Neurosen“, in den folgenden Jahren über Hysterie und Psychotherapie. Sadger ist begeistert dabei. 1897 schickt er Freud einen Aufsatz, Freud träumt darauf vom „norekdalen Stil“ und nimmt den Traum in seine „Traumdeutung“ auf. Hier gliedert er das unverständliche Wort in „Nora“ und „Ekdal“ auf, zwei Schauspiele von Henrik Ibsen – Freud hatte zuvor einen Aufsatz Sadgers über den norwegischen Dramatiker gelesen. Womöglich ist Sadger der erste praktizierende Psychoanalytiker nach Freud gewesen, wie May annimmt. Ob Sadger bei Freud in Supervision war, ist nicht bekannt, einer eigenen Analyse hat er sich offenbar nicht unterzogen.

1906 wird Sadger auf Empfehlung Freuds Mitglied der „Mittwochsgesellschaft“. „Ist das Asthma bronchiale eine Sexualneurose?“, fragt er in einem Vortrag vor der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Eine provozierende Frage, denn die damalige Schulmedizin lehnt eine Psychogenese des Asthma bronchiale ab, und die Analytiker der Mittwochsgesellschaft sind großenteils somatisch orientierte Ärzte, die das Für und Wider einer Psychogenese und Psychodynamik körperlicher Symptome kontrovers diskutieren. Eine Zeitlang steht die Asthma-Erkrankung im Fokus des Interesses, vielleicht weil Freud in seiner Beschreibung der Angstneurose die Atemnot als Ausdruck der Angst betont hatte. Mit seiner Kasuistik ist Sadger einer der Pioniere einer ganzheitlichen, psychosomatisch ausgerichteten Medizin.

Neben der praktischen Tätigkeit sieht Sadger einen Schwerpunkt in psychiatrischen Phänomenen wie Degeneration und Epilepsie und betont vor allem Aspekte der Sexualität, etwa Homosexualität, Autoerotik und Perversion. Zudem nähert er sich mit psychoanalytischem Blick verschiedenen Dichtern. Er publiziert viel, sein Werk umfasst Beiträge für Lehrbücher, wissenschaftliche Aufsätze sowie Rezensionen und Feuilletons.

Narzissmus als sexuelle Lust am Körper

1908 führt Sadger anhand eines Fallbeispiels den Begriff des Narzissmus in die psychoanalytische Diskussion ein („Psychiatrisch-Neurologisches in psychoanalytischer Beleuchtung“). Allerdings versteht er Narzissmus, wie in der Sexualwissenschaft um die Jahrhundertwende üblich, als sexuelle Lust an Teilen des eigenen Körpers bis hin zum Orgasmus. In seiner Studie über Heinrich von Kleist (1910) sieht Sadger, ganz im Ton der Nervenärzte seiner Zeit, Masturbation als „Verirrung der Jugend“ und „Unzucht“, die bei manchen „heftige Selbstvorwürfe, nicht selten jedoch weit schwerere, ob auch nur nervöse Symptome“ zur Folge hätten. 1919 gründet Otto Fenichel das „Seminar für Sexuologie“, in dem etwa zwanzig Studierende in privater Initiative versuchen, Defizite des medizinischen Lehrplans auszugleichen. Sadger hält hier eine Vorlesung über „die Lehre von den Geschlechtsverirrungen“, die er später in einem Buch zusammenfasst. Bereits 1912 hat er seine verurteilende Haltung gegenüber der Onanie aufgegeben, in seinem Buch vertritt er eine tolerantere, wissenschaftlichere Einstellung: „Nicht die Onanie macht die Menschen krank, (. . .) vielmehr sind es wesentlich die dahinter steckenden Phantasien, (. . .) welche (. . .) Neurosen erzeugen.“ Gefühle von Depression und Schuld im Zusammenhang mit Onanie erklärt Sadger mit dem inzestuösen Charakter der Masturbationsfantasien und damit verbundener Aggression gegenüber dem andersgeschlechtlichen Elternteil.

Für seine Erinnerungen an Freud nimmt Sadger in Anspruch, „den ganzen Freud zu zeigen, in all seiner mächtigen Genialität wie in seinen Fehlern“. Vermutlich beginnt er mit der Niederschrift 1924/25, beendet hat er sie 1927/28. Sadger veranlasst eine Übersetzung ins Englische und den Druck in einem deutschen und einem US-amerikanischen Verlag. Die Geheimhaltung misslingt, doch das Buch ist nirgendwo im Handel erhältlich. 75 Jahre ist es verschollen, erst Anfang der 2000er-Jahre entdeckt ein Kulturanthropologe ein Exemplar in einer japanischen Bibliothek. 2005 erscheint eine englische Ausgabe. Dass Freud das Buch gelesen hat, ist wenig wahrscheinlich. Sadgers Buch lehnt er ebenso ab wie die Werke anderer, nicht autorisierter Biografen. Zweifellos hat Sadger Freud verehrt und bewundert. Davon legen die Erinnerungen beredtes Zeugnis ab, etwa wenn er von Freuds Ausstrahlung, der Kraft seiner Rede, seinem Schreibstil, seiner Auffassungsgabe und seinem didaktischen Talent spricht. An Freuds Sprache berührt ihn „wohltuend“: „Es fehlte (. . .) jedes psychiatrische Kauderwelsch, jedes Haschen nach neuen Kunstausdrücken, welche bloß die Eingeweihtesten verstehen (. . .) Wenn ein Wissenschaftler die mangelnde Klarheit seines Denkens verschleiern will (. . .), wird er sich zunächst mit Hilfe eines lateinischen und griechischen Wörterbuches irgendeinen neuen, möglichst unerhörten Kunstausdruck bilden. Wer sich hingegen (. . .) rein deutscher Worte bedient, zwingt sich dadurch allein schon zu möglichster Klarheit und Erkenntnis. (. . .) Und gerade in der Wahl von treffenden, durchsichtigen, sofort verständlichen Fachausdrücken ist Freud von jeher ein Meister gewesen.“

Freud würdigt Sadgers frühe Arbeiten zu Narzissmus und Homosexualität, doch dessen Verehrung erwidert er nicht. „Belastung“ und „Heredität“, zwei zentrale Begriffe Sadgers, findet Freud mehrfach zu einseitig und reduktionistisch. Spöttisch bezeichnet er Sadger als „Fanatiker“ und „hereditär mit Orthodoxie Belasteten, der zufällig an die Psychoanalyse glaubt, anstatt an das von Gott auf dem Sinai-Horeb gegebene Gesetz“. Sadgers „Erinnerungen“ zeigen eine ähnliche Ambivalenz dem Beschriebenen gegenüber wie seine „Pathografien“, etwa über Friedrich Hebbel und Heinrich von Kleist. Hier wie dort klingen zum einen große Verehrung und Bewunderung, zum anderen Be- und Verurteilung an. Zuweilen ähneln die „Erinnerungen“ im Ton der Pathografie: „Gleich den Schwerbelasteten ertrug er [Freud] auf die Dauer keine Dauerverknüpfung des eigenen Ich, es sei denn mit Leuten, die recht ferne wohnten und sich in allem willig unterwarfen.“

Ungeschicktes und selbstschädigendes Handeln

Huppke und Schröter sehen in Sadger ein „frühes Opfer jener Überempfindlichkeit der Freud-Schule gegenüber Freud-kritischen Äußerungen“. Doch auch Sadger habe „ungeschickt und selbstschädigend“ gehandelt, „indem er 1930 ein Buch drucken ließ, das Freuds Tod antizipierte, das also mit jedem Jahr, das Freud überlebte, an Aktualität verlor und das 1939, als Freud wirklich starb, heillos überholt gewesen wäre“.

1932 verlässt Sadger die Wiener Vereinigung. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten bleibt er in Österreich. 1942 wird er nach Theresienstadt deportiert, wo er drei Monate später stirbt.

Christof Goddemeier

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1.
Bölle M: Psychoanalytische Behandlung eines Asthma-Kranken durch Isidor Sadger im Jahre 1911. In: Pioniere der Psychosomatik. Heidelberg: Roland Asanger Verlag 1994.
2.
May U: Ein Traum (1897) und ein Brief (1902). Zur frühen Beziehung zwischen Freud und Isidor Sadger. Tübingen: edition diskord 1999.
3.
Sadger I: Heinrich von Kleist. Eine pathographisch-psychologische Studie. Wiesbaden: Verlag J.F. Bergmann 1910.
4.
Sadger I: Friedrich Hebbel. Ein psychoanalytischer Versuch. Nendeln: Kraus Reprint 1970.
5.
Sadger I: Sigmund Freud – Persönliche Erinnerungen. Herausgegeben von Andrea Huppke und Michael Schröter. Tübingen: edition diskord 2006.
1. Bölle M: Psychoanalytische Behandlung eines Asthma-Kranken durch Isidor Sadger im Jahre 1911. In: Pioniere der Psychosomatik. Heidelberg: Roland Asanger Verlag 1994.
2. May U: Ein Traum (1897) und ein Brief (1902). Zur frühen Beziehung zwischen Freud und Isidor Sadger. Tübingen: edition diskord 1999.
3. Sadger I: Heinrich von Kleist. Eine pathographisch-psychologische Studie. Wiesbaden: Verlag J.F. Bergmann 1910.
4. Sadger I: Friedrich Hebbel. Ein psychoanalytischer Versuch. Nendeln: Kraus Reprint 1970.
5. Sadger I: Sigmund Freud – Persönliche Erinnerungen. Herausgegeben von Andrea Huppke und Michael Schröter. Tübingen: edition diskord 2006.

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