ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2017Binge-Eating-Störung: Onlinetherapie wirkt ebenso wie Verhaltenstherapie

Referiert

Binge-Eating-Störung: Onlinetherapie wirkt ebenso wie Verhaltenstherapie

Gießelmann, Kathrin

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Eine Binge-Eating-Störung wird meist mit kognitiver Verhaltenstherapie behandelt. Aber auch ein onlinebasiertes verhaltenstherapeutisches Selbsthilfeprogramm erzielt nach 18 Monaten ähnlich gute Resultate. Zu diesem Ergebnis kommen Martina de Zwaan, Medizinische Hochschule Hannover (MHH), und Anja Hilbert, Universität Leipzig, in einer prospektiven Multizenterstudie, die in JAMA Psychiatry publiziert wurde.

Therapieplätze sind rar. Deshalb wollten die Wissenschaftlerinnen herausfinden, ob auch ein Onlineselbsthilfeprogramm hilft, das ebenfalls auf der kognitiven Verhaltenstherapie beruht. An der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützten Studie nahmen sieben deutsche Zentren mit insgesamt rund 180 Patienten teil. Beide Behandlungsansätze umfassten wöchentliche Kontakte zu Therapeuten über vier Monate. Die Hälfte der Teilnehmenden hatte 20 verhaltenstherapeutische Einzelsitzungen mit Therapeuten (VT-Gruppe), die andere Hälfte im Selbsthilfeprogramm nutzte den wöchentlichen Kontakt per E-Mail und führte elf Onlinemodule durch (OSH-Gruppe).

Das Ergebnis: Bei allen Teilnehmern verringerten sich die Essanfälle deutlich. Zu Beginn der Studie kam es in der VT-Gruppe in den letzten 28 Tagen an 13,5 Tagen zu Binge-Eating-Episoden (BEE), in der OSH-Gruppe an 14,1 Tagen. Nach 1,5 Jahren waren es noch 4,2 (VT) und 5,1 Tage (OSH) bei 116 Probanden, die weiterhin an der Studie teilnahmen. Auch Schwierigkeiten wie depressive Verstimmungen, Ängstlichkeit und die Sorge um das Gewicht nahmen ab. Zwar wirkte die persönliche Therapie schneller. Direkt nach der Behandlung hatten diese Patienten mit zwei BEE-Tagen in den letzten 28 Tagen deutlich weniger Essanfälle als die Teilnehmer der Onlinetherapie mit fast vier BEE-Tagen. Auch nach sechs Monaten war der Unterschied noch deutlich (2,8 versus 5,3 BEE-Tage). Doch nach 18 Monaten hatten sich die Effekte in beiden Gruppen angeglichen.

Anzeige

Die Internettherapie mithilfe des Salut-Internetprogramms beinhaltet ein erstes persönliches Gespräch sowie regelmäßige E-Mail-Kontakte mit dem Therapeuten. „Es ist für die Patienten einfach, ein solches Programm zu beginnen und in ihrem eigenen Rhythmus durchzuarbeiten“, betont Hilbert. Für ein gutes Ergebnis müssten sich die Betroffenen selbst motivieren, auch dabei zu bleiben. „Diese nicht anonyme internetbasierte Therapie eignet sich besonders für Menschen, die in unmittelbarer Nähe keinen Psychotherapeuten haben, die lange auf einen Therapieplatz warten müssen oder auch Angst haben, einen Therapeuten direkt aufzusuchen“, sagt Hilbert. Allerdings müsse beachtet werden, dass Suizidalität und andere schwere psychische Störungen, die auch bei Personen mit dieser Essstörung vorkommen, in persönlichen Gesprächen besser behandelt werden können.

Das Salutprogramm für Bulimia Nervosa wird von einigen Einrichtungen in Deutschland für die persönliche Nutzung angeboten. Das entsprechend modifizierte Programm für die Binge-Eating-Störung sei bislang nicht in Deutschland erhältlich, berichtet Hilbert auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes. Eine wesentliche Schwierigkeit bestünde darin, dass Krankenkassen die Nutzung solcher Internetprogramme nicht erstatten. „Auf Grundlage unserer Studiendaten könnte sich dies zukünftig für die Binge-Eating-Störung ändern“, hofft die Psychologin. gie

De Zwaan M, Herpertz S, Zipfel, S: Effect of Internet-Based Guided Self-help vs Individual Face-to-Face Treatment on Full or Subsyndromal Binge Eating Disorder in Overweight or Obese Patients. The INTERBED Randomized Clinical Trial: JAMA Psychiatry; 2. August 2017, doi:10.1001/jamapsychiatry.2017.2150.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema