POLITIK

Notfallversorgung: Experten empfehlen einheitliche Triage

Dtsch Arztebl 2017; 114(37): A-1629 / B-1379 / C-1349

Korzilius, Heike

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Der Sachverständigenrat regt an, die Notfallversorgung zu zentralisieren. Künftig soll es nur noch eine Notrufnummer geben und integrierte Notfallzentren sollen als zentrale Anlaufstellen für die Patienten dienen. Ziel ist, dass die Patienten dort behandelt werden, wo es für sie angemessen ist.

Lange Wartezeiten: Die Hälfte der Patienten in den Notfallambulanzen stufen ihre Behandlung als nicht dringlich ein. Foto: picture alliance
Lange Wartezeiten: Die Hälfte der Patienten in den Notfallambulanzen stufen ihre Behandlung als nicht dringlich ein. Foto: picture alliance

Überfüllte Notfallambulanzen an den Krankenhäusern, lange Wartezeiten, genervte Patienten, überfordertes Personal: Es liegt einiges im Argen bei der Notfallversorgung der Bevölkerung in Deutschland. Denn viele Patienten, die die Notaufnahmen aufsuchen, sind keine echten Notfälle. Ihnen könnte ebenso gut ein niedergelassener Arzt helfen. Das Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf hat das am 5. September mit Zahlen belegt. 50 Prozent der Patienten, die die Wissenschaftler in fünf norddeutschen Krankenhausambulanzen befragten, stuften ihre Behandlung als nicht dringlich ein. 70 Prozent kannten die kassenärztlichen Notfallpraxen und den fahrenden Bereitschaftsdienst nicht. Die PiNo-Nord-Studie („Patienten in der Notaufnahme von norddeutschen Kliniken“), die von den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) Hamburg und Schleswig-Holstein sowie dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung finanziert wurde, sollte herausfinden, warum Patienten eine Notfallambulanz aufsuchen. Ausführlich wird die Studie in Heft 39 des Deutschen Ärzteblatts vorgestellt, das am 29. September erscheint.

Nicht alle sind Notfälle

Zu ähnlichen Ergebnissen wie in Norddeutschland gelangte Ende August die Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (siehe folgender Artikel). „Wenn fast die Hälfte der Befragten zu sprechstundenfreien Zeiten automatisch in die Krankenhausambulanzen strömen und knapp 70 Prozent die bundesweite Bereitschaftsdienstnummer 116117 nicht kennen, weist das auf ein strukturelles Problem hin“, kommentierte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen das Umfrageergebnis. Die KBV arbeitet zurzeit mit dem Marburger Bund an einem Konzept, wie sich dieses Problem lösen lässt. Auch in den KVen vor Ort werden Modelle erprobt: Informationskampagnen zur 116117, gemeinsame Empfangsbereiche für Notfallambulanz und Bereitschaftsdienstpraxis oder Hausarztpraxen in den Krankenhäusern.

Patienten besser steuern

Am 7. September hat sich jetzt auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen in die Debatte um die Defizite in der Notfallversorgung eingeschaltet. Erstmals in seiner 30-jährigen Geschichte berichtete der Rat aus einem laufenden Gutachtenverfahren zur bedarfsgerechten Steuerung des Angebots und der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen, das er im 2. Quartal 2018 dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium vorlegen will. Das Thema Notfallversorgung werde derzeit sehr intensiv diskutiert und das entsprechende Gutachtenkapitel sei bereits so weit gediehen, dass man es in der Fachöffentlichkeit beraten könne, begründete der Ratsvorsitzende Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach den Vorstoß. Dass er mit dieser Einschätzung richtig lag, belegte die Zahl der gut 200 Teilnehmer an der als Werkstattgespräch konzipierten Veranstaltung in Berlin.

Mit seinen Empfehlungen zur Neustrukturierung der Notfallversorgung will der Sachverständigenrat Gerlach zufolge eine bürgernähere, bedarfsgerechtere, qualitativ bessere und zugleich auch kosteneffektivere Notfallversorgung erreichen. Denn vielen Patienten, die die Notaufnahmen der Krankenhäuser aufsuchten oder den Rettungsdienst alarmierten, könne beispielsweise durch einen niedergelassenen Arzt, einen Hausbesuch oder ein Palliativteam besser geholfen werden.

Um die Patienten sinnvoller durchs System steuern zu können, schlägt der Sachverständigenrat die Einrichtung regionaler Leitstellen vor, die über eine bundeseinheitliche Rufnummer erreichbar sind. Das Nebeneinander des Notrufs 112 und der 116117 für den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst entfalle damit. Vorgesehen ist, dass in den Leitstellen geschultes medizinisches Personal oder Ärzte die Anrufer beraten und je nach Bedarf einen Termin beim niedergelassenen Arzt oder in einem integrierten Notfallzentrum (INZ) vermitteln. Auch Hausbesuche des Bereitschaftsdienstes und Rettungseinsätze sollen in den Leitstellen koordiniert werden. Erfahrungen aus anderen Ländern legten nahe, dass sich mithilfe der telefonischen Beratung bereits 30 Prozent der Patientenprobleme lösen ließen, erklärte Gerlach.

Nach dem Konzept des Sachverständigenrats befinden sich die Bereitschaftsdienstpraxis und die Notaufnahme künftig unter einem Dach am Krankenhaus. Sie sind über einen gemeinsamen Empfangstresen im integrierten Notfallzentrum erreichbar. Im INZ beurteilt ein dort angestellter, erfahrener Arzt, ob Patienten an den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst oder in die Notaufnahme überwiesen werden. Träger der INZ, die nach den Vorstellungen des Rates als selbstständige wirtschaftliche Einheiten geführt werden, sind die KVen und die Krankenhäuser, betrieben werden sollen sie jedoch allein von den KVen. Damit wolle man Interessenkonflikten vorbeugen, erklärte Ratsmitglied Prof. Dr. rer. oec. Jonas Schreyögg. Denn den Krankenhäusern wird häufig vorgeworfen, sie nutzten die Notaufnahmen, um Patienten stationär aufzunehmen. Das ist für die Kliniken finanziell lukrativer als die Abrechnung ambulanter Notfälle. Die Zahl und die Standorte der INZ sollen die Bundesländer festlegen und so „die Balance zwischen notwendiger Zentralisierung und Flächendeckung gewährleisten“, wie Gerlach es formulierte. Dabei sei klar, dass nicht an allen 2 000 deutschen Krankenhäusern ein INZ eingerichtet werden könne. „Es wird dann nicht mehr 40 Anlaufstellen in einer Stadt geben, sondern nur noch zehn“, sagte Gerlach.

Finanziert werden sollen die Leistungen der INZ dem Konzept zufolge ohne Mengenbegrenzung über einen separaten Finanztopf, der sich aus den bisherigen ambulanten und stationären Notfallbudgets speist. Die Vergütung sieht eine dreistufige Grundpauschale vor, die je nach Kapazität und Ausstattung der INZ die Vorhaltekosten abdeckt. Dazu kommt eine Pauschale pro behandeltem Fall, unabhängig von dessen Schwere oder dem Ort der Leistungserbringung. Zuschläge soll es nur dann geben, wenn Patienten über Nacht zur Beobachtung bleiben müssen. Auch bei der Vergütung des Rettungsdienstes sollen nach dem Willen des Sachverständigenrats Fehlanreize beseitigt werden. Der Rettungsdienst soll künftig nicht mehr für den Transport von Patienten ins Krankenhaus, sondern für seinen medizinischen Einsatz bezahlt werden. Das verhindere, dass Patienten in die Kliniken eingeliefert würden, die dort nicht hingehörten, nur um die Fahrt abrechnen zu können. Zur Entlastung der Notfalleinrichtungen schlägt der Rat zudem vor, die Sprechzeiten der niedergelassenen Ärzte abends und an Samstagen auszuweiten. Dazu müssten entsprechende Anreize geschaffen werden. Außerdem müsse die Bevölkerung multimedial über die Angebote der Notfallversorgung und deren Nutzung aufgeklärt werden.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) konnte dem Konzept des Sachverständigenrates einiges abgewinnen. „Der Grundausrichtung gilt große Sympathie meinerseits“, erklärte der Minister bei dem Werkstattgespräch. In dem Zusammenhang lobte er die Einrichtung von inzwischen rund 500 Portalpraxen an deutschen Kliniken, wie sie das Krankenhausstrukturgesetz vorsehe. Das sei ein Schritt in die richtige Richtung zu mehr Kooperation zwischen den Sektoren. Skeptischer zeigte sich Gröhe mit Blick auf die Vorschläge zur Zentralisierung. Man müsse sich fragen, wo eine Zentralisierung der Qualitätssteigerung diene und ab wann sie von der Bevölkerung als Abbau von Leistungen wahrgenommen werde. Zusätzliche Impulse für die Weiterentwicklung der Notfallversorgung verspricht sich der Minister von Projekten, die über den Innovationsfonds gefördert werden.

Auch der KBV-Vorstandsvorsitzende Gassen lobte das Konzept des Sachverständigenrates. „Wir finden hier vieles wieder, was wir uns selbst überlegt haben“, sagte er. So könne zum Beispiel die Steuerung der Patienten über einen zentralen Tresen viel Wildwuchs bei der Inanspruchnahme von Leistungen verhindern. Der KBV-Chef sprach sich zugleich für eine deutliche Reduktion der Zahl der Notfallambulanzen und eine einheitliche Triage der Patienten aus.

Kritik kam dagegen vonseiten der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem GKV-Spitzenverband. Beide begrüßten zwar das Konzept des „einen Tresens“, bemängelten aber, dass mit der eigenständigen wirtschaftlichen Organisation der INZ ein dritter Sektor geschaffen werde, der möglicherweise zu weiteren Schnittstellenproblemen führe. Das Notfallkonzept des Sachverständigenrates sei ein Pilotprojekt für die sektorübergreifende Versorgung, entgegnete darauf dessen Vorsitzender Gerlach: „Wie soll sie gelingen, wenn wir bei den angestammten Sektoren bleiben?“ Ansonsten gab sich Gerlach optimistisch, dass Teile des Konzepts nach der Bundestagswahl Eingang in den Koalitionsvertrag finden.

Heike Korzilius

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    klausenwächter
    am Dienstag, 10. Oktober 2017, 19:55

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    Nichts wird lieber zitiert als ein gefälliges Ergebnis.

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