THEMEN DER ZEIT

Schwerkranke: Letzte Herzenswünsche

Dtsch Arztebl 2017; 114(37): A-1640 / B-1390 / C-1360

Schmitt-Sausen, Nora

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Schwerkranken eine Freude machen – der Arbeiter-Samariter-Bund macht es möglich. Er bringt Menschen kurz vor Ende ihres Lebens an Orte von persönlicher Bedeutung.

Foto: Arbeiter-Samariter-Bund
Foto: Arbeiter-Samariter-Bund

Helikopterflug, Großwildjagd, Bungee-Jumping. Verrückte Wünsche wie diese entstammen mehr der Feder von Drehbuchautoren als der Realität von Menschen, deren Lebenserwartung nicht mehr hoch ist. In der Wirklichkeit sieht die Wunschliste von Todkranken so aus: Einmal noch die eigene Wohnung betreten. Einmal noch das Meer sehen. Einmal noch die Katzen streicheln. Einmal noch die Schwester treffen. Einmal noch die Lieblingsband hören. Einmal noch in den Tierpark gehen. Der letzte Wunsch von Sterbenden, er sei meist ziemlich banal, weiß Steffen Kühn, Leiter Rettungsdienst beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Berlin. „Den wenigsten Schwerkranken ist nach Fallschirmsprüngen oder Extravaganzen.“ Kühn weiß, wovon er spricht. Er leitet beim ASB Berlin das Projekt Wünschewagen, das die Organisation im Sommer 2016 gestartet hat. Es ermöglicht Menschen, kurz vor ihrem Tod noch einmal ihren Sehnsuchtsort zu besuchen.

Berlin-Lichtenberg: Der Wünschewagen steht auf dem Parkplatz vor dem Sana Klinikum. Nur auf den ersten Blick sieht das Fahrzeug aus wie ein normaler Rettungswagen. Auf den zweiten Blick gibt es Auffälligkeiten. Nicht nur die Aufschrift „Der Wünschewagen. Letzte Wünsche wagen“ verrät: Dieses Fahrzeug ist besonders.

Auf der Lackierung sind Sterne angebracht. Das Sternbild des großen Wagens. Als Lichtspiel findet sich dieser auch in weißen und blauen LED-Lampen an der Decke des Fahrzeuges wieder. Der Wünschewagen ist rundum verglast, hat Panoramafenster. Die Liege im Innenraum ist höhenverstellbar, damit auch liegende Fahrgäste während der Fahrt nach draußen blicken können. Auf ihr liegt Bettwäsche mit Sternenbezug. Es gibt Getränkehalter und USB-Ladebuchsen für den Komfort des Fahrgastes. Neben der Liege ist ein bequemer Sitz montiert – für einen Begleiter: die Ehefrau, die Mutter oder den Sohn. Erst am Kopf des Wagens ist Platz für einen Helfer vom ASB. Medizinische Geräte sucht das Auge vergebens. Defibrillator, Sauerstoff, Medikamente, alles ist griffbereit an Bord, doch es verschwindet aus dem Blickfeld der Reisenden. Im Wünschewagen soll – so weit es geht – eine Wohlfühlatmosphäre herrschen.

Mindestens zwei erfahrene Ehrenämtler des ASB sind mit dabei, wenn der Wünschewagen losrollt, darunter ist stets ein Rettungsassistent. An Bord sind dann schwerkranke Menschen jeden Alters – auch Kinder. Die Reisen von Berlin aus gehen in das gesamte Bundesgebiet, in Einzelfällen sogar in das nahe Ausland, nach Dänemark, Holland oder Polen. Richtwert: Das Wunschziel muss in einer Tagesfahrt erreichbar sein. Das Team um Kühn hat das hehre Ziel, jeden Wunsch erfüllbar zu machen, wenn es der Gesundheitszustand des Wünschenden zulässt.

Schon das Vorfahren des Wünschewagens vor Wohnhäusern oder Hospizen sei ein emotionaler Moment für alle Beteiligten, sagt Rettungsassistent Till Meißner, der seit 2015 beim ASB im Einsatz ist und das Projekt Wünschewagen vom ersten Moment an begleitet hat. „Oft stehen ganze Familien, Nachbarn und Freunde zusammen und erwarten uns.“ Der letzte Ausflug wird zu einem Happening.

Während der Fahrten durch die Stadt, über Autobahnen oder Landstraßen werden alltägliche Dinge zu Besonderheiten. „Ein Patient mit Bauchspeicheldrüsenkrebs, der kaum mehr gegessen hat, hat auf der Fahrt an die Ostsee eine Birne gegessen. Seine Frau konnte das gar nicht fassen“, erinnert sich Meißner an seine erste Fahrt zurück. Der Wünschewagen brachte den krebskranken Mann und seine Frau damals nach Heringsdorf auf die Ostseeinsel Usedom. Es ist der Ort, an dem sie einst ihre Hochzeitsreise verbracht hatten.

„Am Ziel angekommen war sichtbar, wie viel Kraft der Kranke durch die Reise geschöpft hat“, sagt Meißner. Zu Hause waren die wenigen Meter vom Haus zum Auto für ihn kaum mehr zu bewältigen, an der Ostsee bot sich dieses Bild: Der Patient verlässt den Rollstuhl. Er läuft mit seiner Frau Hand in Hand durch den Sand. Sitzt gemeinsam mit ihr im Strandkorb. Verweilt Stunden am Meer ohne Pause.

Dieses Phänomen erleben die Teams des ASB immer und immer wieder: Die Schwerkranken mobilisieren noch einmal alle Reserven, um die Reise bewältigen und genießen zu können. Eine Dame, die kaum mehr lange sitzen kann, bleibt auf der Hochzeit ihrer Tochter in Nauen bis in den späten Abend. Ein schwerkranker Krebspatient erkundet mit seiner Frau und seiner Schwester einen Tag lang die Lutherstadt Wittenberg anlässlich des 500. Jubiläums – ganz so, als gebe es die Krankheit nicht.

Die Atmosphäre bei den Fahrten sei in vielerlei Hinsicht speziell. Man hänge nicht am Rockzipfel, helfe, wo Hilfe gefragt sei und ziehe sich zurück, um Zweisamkeit möglich zu machen, erläutert Meißner. Oft entstehe schnell „eine vertraute Atmosphäre“, es werde sich geduzt, statt gesiezt. Im Verlauf der Reise erfahre man viel über die Menschen, höre die Lebensgeschichten der Insassen, bekomme Familienbilder gezeigt.

Und: Nicht selten passiert es, dass das Team vom ASB zum Seelsorger für die Angehörigen wird – und diese sich ihr Leid der vergangenen Monate und Jahre von der Seele reden. Ein Effekt, der durchaus erwünscht ist, sagt Kühn. „Auf diesen Fahrten können die Angehörigen für einige Zeit auch mal etwas von der Verantwortung abgeben. Denn wir sind da, kümmern uns, wenn gewünscht – und hören zu.“

Auch Meißner hat das auf seinen Fahrten schon erlebt: „Auf der Reise an die Ostsee rief die Ehefrau des Kranken auf dem Handy an, als wir am Strand waren. Ihr Mann schlief und sie fragte, ob sie zu uns kommen kann. Wir haben uns dann in den Sand gesetzt und sie hat geweint. Wenn er dabei war, musste sie immer stark sein, alleine bei uns nicht mehr.“

Dies macht deutlich: Nicht nur für die Reisenden und ihre Angehörigen sind die Fahrten mit dem Wünschewagen etwas Besonders. Auch für die begleitenden Teams vom ASB. Denn: Die Arbeit mit den Sterbenden unterscheidet sich von dem, was die ehrenamtlichen Helfer sonst bei Einsätzen erleben. Wer die Wünschefahrer über Stunden, manchmal gar über mehrere Tage begleitet, kann Emotionen, bei aller Professionalität, nicht ausblenden. „Die Erlebnisse während der Fahrten können sehr intensiv sein“, sagt Kühn. „Es gibt immer Momente, wo alle mitheulen.“ Und dies sei auch gut so. Die Teams dürfen – und sollen – ihre Emotionen zeigen. Denn: Das Team des ASB werde bei den Fahrten mit dem Wünschewagen „Teil eines Ganzen“, sagt Projektleiter Kühn.

Die zwischenmenschliche Nähe zu den Schwerkranken ist für Christian Kießling gar eine zentrale Motivation, das Projekt als Ehrenämtler zu begleiten. Der 32-Jährige war Rettungsassistent im Sanitätsdienst bei der Bundeswehr, studiert nun im 2. Semester Medizin in Berlin. „Im Rettungsdienst funktioniert man, um den Patienten zu helfen, lässt das Erlebte aber nicht nah an sich ran. Hier läuft man nicht unter einer Einsatznummer, verbringt Zeit mit den Menschen, erfährt viel über sie. Das empfinde ich als sehr positiv.“ Es sei eine sehr erfüllende Aufgabe, Menschen dabei zu helfen, ihren letzten Wunsch zu erfüllen.

Die Bindung, die sich aufbaut, kann sogar so eng sein, dass die Mitarbeiter des ASB auch nach den Fahrten noch Kontakte zu den Fahrgästen haben. Und zur Beerdigung eingeladen werden, wenn die Krankheit gesiegt hat. Es ist eher die Regel als die Ausnahme, dass ein Fahrgast nur wenige Tage oder Wochen nach der Fahrt verstirbt.

Die Resonanz auf den neuen Wünschewagen ist groß: Mehr als 50 Anfragen haben den ASB im ersten Jahr nach Projektstart bereits erreicht. 14 Fahrten hat das ASB-Team bereits umgesetzt. Wenn die Finanzierung gesichert werden kann, sollen viele weitere folgen.

Im Team für die Patienten: Till Meißner, Steffen Kühn, Christian Kießling (von links nach rechts). Foto: Jörg Carstensen/picture alliance für Deutsches Ärzteblatt
Im Team für die Patienten: Till Meißner, Steffen Kühn, Christian Kießling (von links nach rechts). Foto: Jörg Carstensen/picture alliance für Deutsches Ärzteblatt

Priorität haben Anfragen, die zeitkritisch sind, etwa weil sie termingebunden sind, wie bei Hochzeitstagen, Feiern, Konzerten oder Sportereignissen, oder weil der Gesundheitszustand des Wünschenden eine schnelle Realisierung notwendig macht. Es sind meist enge Verwandte, die sich beim ASB melden, Freunde, aber auch zunehmend engagierte Ärzte und Pflegepersonal aus Krankenhäusern und Hospizen.

So wie hier: Die Pflegeleiterin eines Berliner Hospizes hat über die Wünschewagen-Webseite Kontakt gesucht. Einer ihrer Bewohner, krebskrank, möchte gerne noch einmal nach Cuxhaven reisen, schreibt sie. Über das Formular erhält das Team des ASB erste Angaben zu dem Schwerkranken: Welche Medikamente nimmt der Patient? Welche pflegerischen Maßnahmen sind nötig? Welche Hilfsmittel müssen mit an Bord? Dazu weitere Angaben, etwa zu Alter, Gewicht, Krankengeschichte und Wohnumfeld – all dies wird schon beim ersten Kontakt abgefragt.

Kühn kann sich so ein erstes Bild machen: „Der Fahrgast scheint auf den ersten Blick für eine Fahrt infrage zu kommen. Der Wunsch ist erfüllbar, der Gesundheitszustand scheint stabil, die Rahmenbedingungen wie Anfahrtsmöglichkeiten für den Wünschewagen gegeben.“

Innerhalb weniger Tage wird Kühn Kontakt aufnehmen, um in weiteren Gesprächen zu erörtern, ob sich der Wünschewagen nach Cuxhaven aufmachen kann. In der Regel folgt vorab auch ein persönlicher Kontakt, um die Situation und den Fahrgast besser einschätzen zu können. „Wir bauen durch das persönliche Gespräch Vertrauen auf, nehmen Ängste und klären auch, ob wir eine Fahrt für das ehrenamtliche Team verantworten können“, sagt Kühn.

Denn: Medizinisch risikoreich sind die Fahrten mit dem Wün-schewagen, schließlich werden Schwerstkranke transportiert. Neben der möglichst intensiven medizinischen Einordnung der Gesundheitslage des Fahrgastes sind deshalb sowohl eine ärztliche Bescheinigung über die Transportfähigkeit als auch eine rechtssichere Patientenverfügung Pflicht. Menschen, die eine Intensivpflege benötigen, können nicht an Bord des Wünschewagen gehen.

Es ist nicht verwunderlich: Für die Reisenden und ihre Angehörigen ist die Reise etwas Besonderes. Auch weil für viele, die seit Wochen, Monaten, manchmal bereits seit Jahren leiden, nicht vorstellbar schien, dass sie noch einmal ihr Traumziel oder ihren Sehnsuchtsort erleben können. „Viele denken, dass so eine Reise für sie nicht mehr möglich ist, haben vorher Angst, dass es nicht klappen wird“, erzählt Kühn. „Und sind dann sehr berührt zu sehen, was doch noch geht.“

Entsprechend groß sei die „ehrliche Dankbarkeit“, die das Team des Wünschewagens von den Fahrgästen erlebe. „Viele sagen uns, dass sie lange nicht mehr so schöne Stunden verbracht haben.“

Auch bei den Teammitgliedern wirken die Fahrten mit dem Wünschewagen nach. Man erlebe, trotz der ausweglosen Situation, sehr viel Positives, sagt Kießling. „Man ist mit glücklichen Menschen zusammen. Das ist immer wieder schön zu sehen. Und es zeigt sich, dass man trotz aller schwierigen Rahmenbedingungen noch Freude haben kann.“

Nora Schmitt-Sausen

Wünschewagen in Deutschland

Foto: Jörg Carstensen/picture alliance für Deutsches Ärzteblatt
Foto: Jörg Carstensen/picture alliance für Deutsches Ärzteblatt

Gestartet ist das Projekt Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) im Jahr 2014 in Nordrhein-Westfalen. Es hat sich schnell bundesweit entwickelt: Inzwischen gibt es Wünschewagen in zehn Bundesländern, jüngst kam im Sommer 2017 Mecklenburg-Vorpommern dazu. Knapp 500 Fahrten konnten nach Angaben der Organisation bereits ermöglicht werden. 560 Ehrenämtler sind bundesweit im Einsatz, um Schwerkranken einen letzten Wunsch zu erfüllen. Bis zum Jahresende möchte der ASB in allen 16 Bundesländern Fahrten mit Wünschewagen anbieten können. Die Idee des Wünschewagens stammt ursprünglich aus den Niederlanden.

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