ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2017Assistenzärzte: Ein Trauerspiel
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Bis dato, das heißt mitten im 3. Weiterbildungsjahr, hat meine Bekannte als angehende Viszeralchirurgin sage und schreibe acht Appendektomien machen „dürfen“! Sie wird vornehmlich eingesetzt in der Ambulanz, hält Sprechstunde, Notdienste, erledigt 1. und 2. Dienste. Operieren lernt sie nicht; einer ihrer Oberärzte fragte sie doch tatsächlich während ihres 2. Weiterbildungsjahres, ob sie schon die Hautnaht machen könne …

Mittagessen ist ein Fremdwort. Umgeben ist diese Assistenzärztin von schlecht Deutsch sprechenden Ärzten, die ihre Ausbildung im arabischen Ausland absolvierten und – paradoxe Welt – aufgrund ihrer mangelhaften Sprachkompetenzen vom zuständigen Oberarzt, der Operationen einteilt, lieber im OP eingesetzt werden als im Patientenkontakt. Dafür „darf“ meine Bekannte die Klinik wuppen mit Gesprächen mit Angehörigen, Patienten, Schreiben von Arztbriefen, Legen von Viggos etc. ...

Warum lässt man solche skandalösen Zustände in Kliniken zu? „Systematische Ausbildung“, „Heranführen an jeweils anspruchsvollere Operationen“, „Logbuch“: Das ist nur blanker Hohn. ... Es ist ein Skandal, wie mit jungen Assistenzärzten umgesprungen wird.

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Stellt jemand die Frage, warum die sich das bieten lassen? Weil die jungen Assistenten hoch motiviert sind, lernbegierig und engagiert. Sie sehen, dass infolge der desolaten Stellenbesetzung Patienten viel zu lange auf ihre Behandlung warten müssen und packen einfach lieber an als herumzulamentieren.

Ihr Engagement wird aber nicht wertgeschätzt, sondern schamlos ausgenutzt! Warum besteht kein Interesse, diese zum Himmel schreienden Missstände abzustellen? Müssen die Assistenten „da einfach durch“? Werden diese später als Oberarzt oder Chefarzt anders handeln als ihre aktuellen Vorgesetzten? Haben Patienten es verdient, von völlig ausgenutzten, übermüdeten und abgeschafften Ärzten behandelt zu werden? Wo ist die Lobby für die heutigen Assistenzärzte, vor allem in der Chirurgie? Wo bleiben menschenwürdige Arbeitszeiten (niemand verlangt auch nur den Hauch einer 38,5-Stunden-Woche!), wertschätzende und sorgfältige Ausbildung?

In wie vielen Leserbriefen haben wir Ärzte den tagtäglichen Wahnsinn beschrieben und nichts erreicht? Es kann und darf so nicht weitergehen! Dafür ist übrigens nicht „die Politik“ zuständig, sondern die Ärzteschaft vor Ort; allen voran die Chefärzte und deren Oberärzte. Warum kapieren wir nicht, dass eine Klinik ohne Ärzte definitiv nicht funktioniert? Eine Klinik wäre sofort ein schlichtes Hotel!

Wir Ärzte haben sehr wohl die Möglichkeit, notwendige Strukturen, vor allem gut ausgebildetes ärztliches Personal, von den Klinikbetreibern zu fordern. Es muss ein Ruck durch die Kliniken gehen, um die höchst bedauerliche Arbeitssituation, wie sie sich tausendfach tagtäglich an deutschen Krankenhäuser abspielt, zu verbessern. Ein Trauerspiel!

Absender ist der Redaktion bekannt.

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