ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2017Notfallversorgung: Gemeinsames Vorgehen in Sicht

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Notfallversorgung: Gemeinsames Vorgehen in Sicht

Dtsch Arztebl 2017; 114(37): A-1621

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Konstruktive Bewegung im deutschen Gesundheitswesen kurz vor einer Bundestagswahl? Wer bisher meinte, das sei schlicht nicht möglich, wurde vergangene Woche eines Besseren belehrt: Der Gesundheits-Sachverständigenrat der Bundesregierung (SVR) hat – erstmalig während eines noch nicht abgeschlossenen Gutachterverfahrens – Vorschläge unterbreitet, die die wachsenden Probleme in der Notfallversorgung angehen sollen (siehe Seite 1629).

Der Anstoß war beachtlich: Ein Werkstattgespräch, das konkrete Strukturansätze diskutierte, ein Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter, der im Wahlkampf in die Thematik einführte, dazu eine Reihe von Beteiligten, die aus unterschiedlicher Perspektive konstruktiv mitarbeiteten: Hier wurde, so vermerkten viele Fachleute, ein erstes Konzept für wie auch immer geartete Koalitionsverhandlungen nach der Wahl am 24. September 2017 präsentiert.

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Überraschend war allenfalls der Zeitpunkt vor der Wahl: Denn die Not zu handeln, das zeigten die in den vergangenen Wochen präsentierten Zahlen offensichtlich, besteht allemal. Die drastische Zunahme der Fälle in den Notaufnahmen droht inzwischen selbst zum strategischen Notfall zu werden.

Was der Sachverständigenrat ausführte, deckt sich übrigens durchaus mit vielen der Vorschläge, die seit dem letzten Deutschen Ärztetag im Mai dieses Jahres intensiv diskutiert und beispielsweise zwischen KBV und Marburger Bund momentan en detail weiterentwickelt werden. Bezüglich Rettungs- und Bereitschaftsdienst, Triage-Systematik und Entlastung nach dem Prinzip „ambulant vor stationär“ wird hier längst gute Sacharbeit geleistet. Vieles davon lässt bisher scheinbar leere Begrifflichkeiten wie „sektorenübergreifende Versorgung“ zunehmend realistischer werden.

Eigentlich ist das ein kleines Wunder. Denn wer nur etwas mehr als ein Jahr zurückblickt, hätte angesichts damaliger Diskussionen über die Organisation des Gesundheitswesens eine konzertierte Entwicklung wie diese kaum für möglich gehalten:

Zu gering war das Vertrauen des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums in Teile der Selbstverwaltung, zu zerstritten die Protagonisten, zu heftig die drohenden Konsequenzen eines Selbst­verwaltungs­stärkungs­gesetzes, das für autarke Lösungen von Versorgungsproblemen aus der Versorgung selbst heraus scheinbar so gut wie keinen Raum mehr ließ.

Trotzdem haben die gesundheitlichen Sachverständigen der Politik eine Vorlage geliefert, die in weiten Teilen diskutabel ist, die zudem in ihren Grundabsichten von vielen Beteiligten mitgetragen wird. Minister Hermann Gröhe, der den Begriff des Mannschaftsspiels oft gebraucht, lässt dieser Partie ihren Lauf.

Ob die Kritiker, die sich einzelne Vorschläge wie die Schaffung eines dritten Bereichs zwischen „ambulanter“ und „stationärer“ Versorgung aktuell nicht vorstellen wollen, sich künftig noch bewegen, wird die kommende Legislaturperiode zeigen. In der Theorie, so war vom Marburger Bund zu hören, sei inzwischen einiges getan. Jetzt braucht es den Willen, das alles praktikabel umzusetzen.

Die Politik, wer immer sie in der kommenden Zeit tragen wird, muss jedenfalls zügig reagieren. Und sie kann diesen Ball direkt aufnehmen: Er liegt bereits in ihrer Hälfte.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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