ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2017Fachkräfte: Gegen den Mangel

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Fachkräfte: Gegen den Mangel

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Kurz vor der Bundestagswahl kam das Thema Gesundheit doch noch auf den Tisch. In den Wahlkampfsendungen bei ARD und ZDF, in denen Bürger die Kanzlerkandidaten Martin Schulz (SPD) und Angela Merkel (CDU) live befragen durften, war es der Fachkräftemangel in der Pflege. Das Problem sei nicht von heute auf morgen zu ändern, konstatierte SPD-Vorsitzender Schulz im ZDF. Statt in die Aufrüstung mehr in die Pflege zu investieren, das könne er aber versprechen. Merkel wies in der ARD darauf hin, man habe in den vergangenen vier Jahren einiges auf den Weg gebracht, die Leistungen für Demenzkranke seien verbessert worden wie auch die Ausstattung für häusliche und ambulante Pflege. Dennoch räumte sie einen enormen „Nachholbedarf“ ein.

Das Beispiel macht deutlich, dass der Wahlkampf die Bürger nur erreicht, wenn diese selbst die Themen setzen. Die Parteien argumentieren in diesem Wahljahr weniger mit bundesweiten Kampagnen, sondern können sich dank digitaler Auswertungen einzelne Straßenzüge vornehmen, um ihre Anhänger persönlich anzusprechen. Wie beim Kanzlerduell dominierten bundesweit die Aufregerthemen Flüchtlinge und Innere Sicherheit. Zu Recht gerieten die Moderatoren des TV-Duells in die Kritik, setzten sie die Sozial- und Gesundheitsthemen erst gar nicht auf die Agenda. Weitblick bewiesen sie damit nicht, bedenkt man die Überalterung des Systems, die dem Gesundheitswesen in den nächsten Jahren sehr viel abverlangen wird.

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So verschärft sich der Pflegenotstand allein dadurch, dass Kranke zwar länger zu Hause betreut werden, sie daher aber pflegebedürftiger in die Heime kommen. Der Pflegeberuf muss folglich attraktiver werden. Im ersten Schritt sollte er besser vergütet werden.

Aber auch der Ärztemangel muss aufgefangen werden. Hier ist eine effizientere Bedarfsplanung notwendig (siehe Seite 1692) und eine bessere Patientensteuerung wie es jetzt Kassenärztliche Bundesvereinigung und Marburger Bund (MB) für die Notfallversorgung vorgeschlagen haben (www.aerzteblatt.de/n79339). Damit können Krankenhausärzte entlastet werden, denn die zunehmende Arbeitsverdichtung ist ein zentraler Kritikpunkt, den Ärzte der Redaktion genannt haben (www.aerzteblatt.de/interviews-btw2017). Weitere Lösungen sind Delegationsmodelle wie der Physician Assistant und mehr Medizinstudienplätze.

Aus Personalmangel folgt Arbeitsverdichtung, Stress und schließlich Krankheit. Diese unselige Abfolge bestätigt sich auch jährlich in den Umfragen des Pflegereports und des MB-Monitors. Zeitmangel ist der Stressauslöser Nummer 1. Auch hier spielt der demografische Wandel eine große Rolle. Immer mehr ältere Arbeitnehmer bedeutet auch, dass zwangsläufig mehr kritische Lebensereignisse wie der Tod des Partners oder die eigene schwere Erkrankung anzutreffen sein werden. Schon heute fühlen sich zwei Drittel der Arbeitnehmer zwischen 50 und 65 Jahren deshalb in ihrer Leistungsfähigkeit im Beruf eingeschränkt wie aus dem AOK-Fehlzeitenreport 2017 hervorgeht.

Das Gesundheitswesen genießt bislang noch einen guten Ruf in der Bevölkerung. 91 Prozent der Privatversicherten und 86 der gesetzlich Versicherten bewerten dem Institut für Demoskopie Allensbach zufolge ihre medizinische Versorgung mit „gut“ oder „sehr gut“. Damit diese Werte so bleiben, ist der Fachkräftemangel das drängendste Thema für die kommende Legislaturperiode: Nur ausgeruhte Ärzte und Pfleger können eine gute Versorgung leisten.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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