POLITIK

Allianz für Gesundheitskompetenz: Mehr Gesundheitswissen für Patienten

Dtsch Arztebl 2017; 114(38): A-1691 / B-1433 / C-1403

Beerheide, Rebecca

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Im Idealfall sollen Patienten verstehen, wie sie mit ihrer Gesundheit oder mit dem Befund des Arztes umgehen und welche Konsequenzen sie daraus für sich selbst ziehen sollten. Doch in Deutschland besteht ein Wissensdefizit. Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium will gegensteuern.

Im Arzt-Patienten- Gespräch verstehen viele Menschen mit niedrigem Bildungsgrad oder Sozialstatus die Erklärungen ihrer Ärzte nicht. Foto: mangostock/stock.adobe.com
Im Arzt-Patienten- Gespräch verstehen viele Menschen mit niedrigem Bildungsgrad oder Sozialstatus die Erklärungen ihrer Ärzte nicht. Foto: mangostock/stock.adobe.com

Viele Informationen zu Krankheiten, viele Wege in die Arztpraxen und Ambulanzen und dennoch große Überforderung für Patienten: An der Kompetenz, Gesundheitsinformationen richtig zu verstehen und daraus eine Entscheidung für das eigene Leben zu treffen, fehlt es in Deutschland vielen Menschen. Um dies zu ändern und die Akteure im Gesundheitswesen für eine gemeinsame Aktion zusammenzubringen, wurde Mitte Juni die „Allianz für Gesundheitskompetenz“ unter Federführung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG) gegründet (DÄ 25/2017).

Auf einer Fachtagung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), als eine der 15 an der Allianz für Gesundheitskompetenz beteiligten Organisationen, diskutierten kürzlich Experten in Berlin Strategien für Gesund­heits­förder­ung und Prävention sowie das Verständnis von Patienten.

Im internationalen Vergleich liege Deutschland bei Fragen des Verständnisses für Gesundheitsthemen auf den hinteren Plätzen, sagte BMG-Staatssekretär Lutz Stroppe. Das Ministerium forciere das Thema, auch bei der Welt­gesund­heits­organi­sation sei „Health Literacy“, so der wissenschaftliche Begriff, auf der Agenda. Für die Verbesserung der Gesundheitskompetenz in Deutschland sieht Stroppe drei Handlungsfelder: So solle die Gesundheitsbildung verbessert werden – allerdings ohne ein eigenes Schulfach Gesundheit. Auch sollten Informationen künftig leicht zugänglich und unabhängig sein. Dafür erstellt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen derzeit eine Machbarkeitsstudie.

Als dritten Schwerpunkt hat das Ministerium eine bessere Ausbildung für das Arzt-Patienten-Gespräch im Blick. Dafür soll es im Reformprozess des Masterplanes 2020 Änderungen im Curriculum geben. Der Masterplan 2020 liegt allerdings aufgrund von Streitigkeiten mit den Länderfinanzministern momentan auf Eis.

Mündiger Patient

Stroppe appellierte an das Fachpublikum aus Ärzten, Psychotherapeuten und medizinischen Experten. „Der Patient ist der einzige, der vom ersten Symptom bis zur Genesung seine Krankheit kennt. Der Arzt kommt erst später dazu. Wenn der Mensch in der Lage ist, zu erzählen, was er in den Monaten der Krankheit erlebt hat, dann haben wir auch einen verlässlichen und mündigen Partner mit Kompetenz.“

In der Wissenschaft ist Gesundheitskompetenz seit 30 Jahren ein Forschungsthema. Dabei sei „Health Literacy“ als Anwendung von Leseverständnis zu verstehen, um mit Gesundheitsinformationen Entscheidungen treffen zu können, erklärte Prof. Dr. phil. Doris Schaeffer von der Uni Bielefeld.

In ihrer wissenschaftlichen Arbeit und einer aktuellen Studie (DÄ 4/2017) hat sie Differenzen bei Menschen mit unterschiedlichem Bildungsgrad, Sozialstatus, Alter und Migration festgestellt. Sogar chronisch kranke Menschen, die eigentlich über die Jahre zu Experten für ihre Krankheit werden müssten, schätzen sich in Befragungen als Nichtwissende ein. Ein Unterschied zwischen den Geschlechtern konnte dabei nicht festgestellt werden. Sie warb dafür, dass in Praxen und Wartezimmern von niedergelassenen Ärzten noch viel Potenzial ist, Informationen über Gesundheitsverhalten zu verbreiten. „Wir sind in Deutschland erstaunlich wenig kreativ“, so Schaeffer.

Auch die KBV sieht Handlungsbedarf. Der Vorsitzende Dr. med. Andreas Gassen forderte, dass die Zeit, die der Arzt für ein Patientengespräch aufbringt, auch vergütet werden muss. „Zeit ist nicht unteilbar und auch nicht vermehrbar und daher ist eine Vergütung notwendig“, so Gassen.

Rebecca Beerheide

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