ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2017Von Schräg unten: Wartezeit

SCHLUSSPUNKT

Von Schräg unten: Wartezeit

Böhmeke, Thomas

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Landauf, landab ertönt die leise Klage unserer Schutzbefohlenen: Wir vergammeln in euren Wartezimmern! Und sie alle haben mehr als recht: Wenn man bei über 1,5 Milliarden Patientenkontakten pro Jahr eine durchschnittliche Wartezeit von einer Stunde annimmt, so verplempern wir in unseren Wartezimmern jedes Jahr die Lebensleistung einer Stadt von zweitausend Einwohnern! Das ist doch furchtbar! Zweitausend Menschen, die Generalmusikdirektoren, Astronauten oder Gehirnchirurgen werden könnten, verbringen ihr Leben nutzlos in unseren Wartezimmern, eingepfercht zwischen Regenbogenblättern und mürrischen Mienen Mitbetroffener!

Und das Schlimmste: Was dem Fiskus da wieder an Dollars und Dukaten, an Talern und Tantiemen verloren geht! Was für eine Ignoranz gegenüber der sinnlos vergeudeten Lebenszeit unserer Schutzbefohlenen! Ich muss das sofort ändern, mit mutigen Schritten vorangehen. Also gebe ich heute in der Praxis die Dienstanweisung heraus: Null Toleranz der Ignoranz, keine Wartezeit mehr, denn Wartezeit ist verbrannte Zeit!

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Kaum ist dies in die Tat umgesetzt, wundere ich mich darüber, wie die Anamnesen sich farbig auffächern gleich einer uringeimpften Agarplatte. „Das wird Sie interessieren, Herr Doktor Böhmeke, meine Tante hatte auch mal was am Herz, die hatte aber jahrelang ...“ Schwierig, von der Tante auf das aktuelle Problem des Neffen zu kommen. Die Nullrunde des Verweilens kann ich gerade so einhalten, um den nächsten Patienten wartezeitfrei ins Sprechzimmer zu bitten. „Ich habe letzte Woche eine Sendung über Herzklappenersatz gesehen, das ist ja spannend, was es heute alles gibt, was halten Sie denn davon?“ Nicht viel vom Sinn und Zweck derartiger Diskussionen bei völlig Klappengesunden. Ich fange an zu rätseln, was den Rededrang meiner Schutzbefohlenen so immens beflügelt. „Also, das muss ich Ihnen mal sagen, die Politiker haben alle eine Schraube locker!“ Mir ist nichts Belastbares über unpassende metallische Verbindungen in Gehirnen staatstragender Personen bekannt, daher kümmere ich mich lieber um Herz und Gefäße.

Locker ist allerdings eine alte Plombe in meinem Gebiss, daher muss ich mich beeilen, um rechtzeitig den Zahnarzt meines Vertrauens zu erreichen. Das Wartezimmer ist noch voll, aber der Kollege ist hervorragend organisiert, ich werde sicher gleich drankommen. Kaum dass ich im Wartezimmer Platz genommen habe, schießen mir Gedanken durch den Kopf gleich der Fontäne einer perforierten Arterie. Mit welchen epischen Kommentaren kann ich das professionelle Herz des Kollegen erfreuen? Dass die Etrusker schon Brücken mit Golddraht gebaut haben, dass George Washington über eine Prothese aus Elfenbein zu seinem Volke sprach, dass die Bimetallkorrosion von Amalgamfüllungen ... meine Güte, was herrscht hier für ein Betrieb. Es geht schon auf den Abend zu, und alle sind noch am Flitzen. Ich glaube, ich muss mich doch etwas kürzer fassen. Im Behandlungsraum sind George Washington und die Etrusker ganz schnell Geschichte, ich sage nur: Letzter Backenzahn links oben, Plombe locker!

Am nächsten Morgen, um einen reparierten Backenzahn sowie eine ernüchternde Erfahrung reicher, gebe ich als Erstes eine Dienstanweisung heraus: Egal, wie gut organisiert wir durch die Sprechstunde kommen, ab jetzt muss jeder Patient zehn Minuten warten! Mindestens! Meine Angestelltinnen schauen mich verblüfft an. Denn Wartezeit ist gute Zeit, so rufe ich ihnen zu, um seine Gedanken zu sortieren und klar und deutlich auf den Punkt zu kommen!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck

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