POLITIK

Bedarfsplanung: Regionale Morbidität einbeziehen

Dtsch Arztebl 2017; 114(38): A-1692 / B-1434 / C-1404

Osterloh, Falk

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Die Bedarfsplanung ist im Umbruch. Während der G-BA die entsprechende Richtlinie überarbeitet, mehren sich die Forderungen nach einer Berücksichtigung der Krankheitslast und nach einer gemeinsamen Beplanung beider Sektoren.

Anhand von Diabetes und anderen Krankheiten wird derzeit in Projekten der Versorgungsbedarf der Bevölkerung gemessen, an dem sich künftig die Bedarfsplanung orientieren soll. Foto: Monkey Business/stock.adobe.com
Anhand von Diabetes und anderen Krankheiten wird derzeit in Projekten der Versorgungsbedarf der Bevölkerung gemessen, an dem sich künftig die Bedarfsplanung orientieren soll. Foto: Monkey Business/stock.adobe.com

Die Bedarfsplanung in Deutschland ist seit Langem in der Kritik. Im GKV-Versorgungsstrukturgesetz beauftragte der Gesetzgeber daher den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) damit, „eine zielgenauere und regionalen Besonderheiten Rechnung tragende flexible Ausgestaltung der Bedarfsplanung“ zu erarbeiten. Ende 2012 legte der G-BA fristgerecht seine neue Bedarfsplanungs-Richtlinie vor, mit der unter anderem alle Facharztgruppen ebenso wie ermächtigte Ärzte in die Bedarfsplanung einbezogen wurden. Zudem wurden die einzelnen Facharztgruppen vier Ebenen zugeordnet: von der hausärztlichen bis zur gesonderten fachärztlichen Versorgung. Für die einzelnen Ebenen gilt seither: Je spezialisierter die Gruppe, desto größer der beplante Bereich. Die Länder können bei Bedarf von der Richtlinie abweichen.

Weil auch nach der Neufassung die Kritik an der Bedarfsplanung nicht abriss, legte der Gesetzgeber im GKV-Versorgungsstärkungsgesetz 2015 mit einem neuen Auftrag an den G-BA nach. So sollen künftig auch soziale Faktoren wie die Morbidität und die Erreichbarkeit der Arztpraxen berücksichtigt und die Planungsbereiche noch kleiner geschnitten werden. Ende 2019 will der Gemeinsame Bundes­aus­schuss die neue Richtlinie vorlegen.

Abkehr von Verhältniszahlen

Während der G-BA an der erneuten Novellierung der Richtlinie arbeitet, mehren sich die Stimmen, die eine Abkehr von den Verhältniszahlen zwischen Ärzten und Patienten als Grundlage der Bedarfsplanung fordern. Stattdessen müsse der Versorgungsbedarf der Bevölkerung die Basis der Bedarfsplanung werden. Zudem müssten beide Sektoren künftig gemeinsam beplant werden, heißt es immer wieder.

Ein entsprechender neuer Ansatz wird derzeit in Südwürttemberg erprobt. Dort sammeln Forscherteams der Universitäten Heidelberg, Frankfurt und Stuttgart in einem zwei Jahre dauernden Modellprojekt Daten für eine künftige Bedarfsplanung. Beschränkt auf sieben Krankheiten wird dabei der Ist-Zustand der Versorgung anhand von Faktoren wie Morbidität, Inanspruchnahme und Leistungsfähigkeit des Systems analysiert. Als Krankheiten ausgewählt wurden dabei Diabetes, Anorexie, Demenz, Darmkrebs, Depression, chronischer Kreuzschmerz und der Schlaganfall. Ein Bericht soll bis Jahresende publiziert werden; das Ministerium für Soziales und Integration des Landes Baden-Württemberg stellt die Fördermittel bereit.

Expertenarbeitsgruppen der jeweiligen Landkreise wollen auf dieser Basis parallel Lösungsansätze und Empfehlungen für eine sektorenübergreifende Versorgung erarbeiten. Diese sollen wiederum in „Strukturgesprächen“ mit den Kommunen und den Versorgern diskutiert werden und in konkrete Empfehlungen für die landesweite Bedarfsplanung münden.

In einem Projekt der AOK Nordost wurden ebenfalls Krankheitsbilder ausgewählt, anhand derer die Krankheitslast nach Regionen verteilt untersucht wurde: Typ-2-Diabetes, Hypertonie, die Koronare Herzkrankheit (KHK), Depression und die chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD). Ziel des Projektes ist die regionalspezifische Prognose der wichtigsten Volkskrankheiten über einen Fünfjahreszeitraum und darauf aufbauend die Bedarfsplanung für Haus- und Fachärzte.

Unterschiedliche Morbidität

Boris Kauhl von der AOK Nordost stellte die Ergebnisse auf einer Konferenz des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) Mitte September in Berlin vor. Demnach ist die Morbidität in den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin, in denen die AOK Nordost aktiv ist, sehr unterschiedlich verteilt. „Für chronische Erkrankungen ist die soziale Benachteiligung eines Gebietes entscheidend: Je benachteiligter eine Region ist, desto höher ist die Prävalenz chronischer Erkrankungen – unabhängig von individuellen Merkmalen des Versicherten wie Einkommen oder Bildung“, erklärte Kauhl.

„Aktuell wird das Versorgungssystem noch von der älteren Ärztegeneration getragen, für die eine 60-Stunden-Woche der Regelfall ist.“ Marion Haubitz, Sachverständigenrat. Foto: privat
„Aktuell wird das Versorgungssystem noch von der älteren Ärztegeneration getragen, für die eine 60-Stunden-Woche der Regelfall ist.“ Marion Haubitz, Sachverständigenrat. Foto: privat

Dabei seien Diabetes mellitus Typ 2, Hypertonie und KHK regional ähnlich verteilt. In Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin befänden sich die höchsten Prävalenzen im Berliner Speckgürtel und in den Landkreisen Elbe-Elster, Prignitz und Uckermark. Depressionen würden hingegen vor allem in Berlin diagnostiziert. Und die höchsten Prävalenzen für COPD befänden sich in West-Berlin und im Berliner Speckgürtel. „Der demografische Wandel verläuft regional sehr unterschiedlich und auch die Erkrankungslast ist in den Regionen sehr heterogen“, sagte Kauhl. Eine statistische Verhältniszahl werde den in Zukunft zu erwartenden Bedarf daher nicht unbedingt widerspiegeln. Sinnvoller sei der Einsatz des Deutschen Index Multiple Deprivation bei der Bedarfsplanung, meinte Kauhl. Dieser für Deutschland vom Institut für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen am Helmholtz Zentrum München erarbeitete Index bildet die soziale Ausgrenzung anhand verschiedener Indikatoren wie den Einkünften, dem Anteil an Arbeitslosen oder dem Anteil von Menschen ohne Berufsausbildung in einer Region ab.

„Patienten könnten in Zukunft bis zu 20 Minuten Fahrzeit zum nächsten Hausarzt in Kauf nehmen müssen – bei Fachärzten sogar bis zu 90 Minuten.“ Dominik Graf von Stillfried. Foto: Zi
„Patienten könnten in Zukunft bis zu 20 Minuten Fahrzeit zum nächsten Hausarzt in Kauf nehmen müssen – bei Fachärzten sogar bis zu 90 Minuten.“ Dominik Graf von Stillfried. Foto: Zi

Auch der Geschäftsführer des Zi sprach sich für eine Abkehr von den heutigen Verhältniszahlen aus. Stattdessen sollten neue Kriterien wie die Erreichbarkeit, die Auslastung oder die Versorgungsnotwendigkeit verwendet werden, sagte Dr. rer. pol. Dominik Graf von Stillfried auf dem Versorgungs- und Forschungskongress der Barmer Mitte September in Berlin. Zudem müssten Korridore anstatt fixer Vorgaben definiert und für unterschiedliche Arztgruppen gesondert betrachtet werden.

Eine flexiblere Bedarfsplanung bedeute auch, dass ein Strukturwandel nötig sei, so von Stillfried. Patienten könnten in Zukunft bis zu 20 Minuten Fahrzeit zum nächsten Hausarzt in Kauf nehmen müssen; in der besonderen fachärztlichen Versorgung konnte von Stillfried sich sogar 45 bis 90 Minuten vorstellen.

Ein weiteres Problemfeld skizzierte Prof. Dr. med. Marion Haubitz, Direktorin der Klinik III am Klinikum Fulda und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen: die Kalkulation der Arztsitze und ihres Anteils an der Versorgung. Sie selbst werde beispielsweise als ermächtigte Ärztin mit einem halben Sitz gerechnet, obwohl sie de facto aus Zeitmangel nicht in der ambulanten Versorgung tätig sei. Dazu kommt, dass nach Haubitz‘ Schätzung rund zehn Prozent der Hausärzte gar nicht mehr als solche tätig sind, sondern nur noch Spezialleistungen von Endoskopie bis Homöopathie anbieten.

Neufassung bis Ende 2019

Aktuell werde das Versorgungssystem zudem noch von der älteren Ärztegeneration getragen, für die eine 60-Stunden-Woche der Regelfall sei. „Aber mit dem Arbeitszeitgesetz und der Zeiterfassung geht das nicht mehr“, so Haubitz. Junge Ärzte arbeiteten kürzer und immer häufiger in Teilzeit. Gleichzeitig steige der Mehrbedarf der Patienten. Trotz wachsender Arztzahlen in beiden Sektoren werde sich der Ärztemangel in den kommenden Jahren daher weiter verschärfen.

Während der Gemeinsame Bundes­aus­schuss derzeit also seine Bedarfsplanungs-Richtlinie überarbeitet, liegen verschiedene Forderungen vor, die über den Auftrag des Gesetzgebers noch hinausgehen. Die Neufassung der Richtlinie will der G-BA Ende 2019 vorlegen.

Falk Osterloh

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    klausenwächter
    am Montag, 25. September 2017, 07:06

    Bedarfsplanung

    Eine bunte Allparteienregierung wird sich in ihren Streitigkeiten verstricken und die Erfordernisse im Gesundheitswesen noch weniger bearbeiten als die grosse Koalition.

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