ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2017Bronchopulmonale Dysplasie bei extrem Frühgeborenen: Hydrocortison niedrig dosiert beugt Lungenerkrankung vor, Sicherheit weiter unklar

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Bronchopulmonale Dysplasie bei extrem Frühgeborenen: Hydrocortison niedrig dosiert beugt Lungenerkrankung vor, Sicherheit weiter unklar

Meyer, Rüdiger

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Circa die Hälfte der Kinder, die vor der 28. Gestationswoche geboren werden, entwickeln eine bronchopulmonale Dysplasie (BPD), die zu einer lebenslangen Beeinträchtigung der Lungenfunktion führen und die Entwicklung der Kinder beeinträchtigen kann. An der Pathogenese der BPD sind Entzündungsvorgänge beteiligt, weshalb seit Längerem antiinflammatorische Substanzen zur Prophylaxe und Therapie angewendet werden. Eine frühe systemische Dexamethason-Therapiebehandlung erhöht allerdings das Risiko einer zerebralen Schädigung und ist daher obsolet.

In einer ersten randomisierten doppelblinden Multicenter-Studie (PREMILOC) hatten französische Neonatologen und Pädiater gezeigt, dass die frühzeitige Behandlung unreifer Frühgeborener mit sehr niedrig dosiertem Hydrocortison die Rate derer, die ohne BPD überleben, um 9 Prozentpunkte erhöhte verglichen mit Placebo (60 % vs. 51 %; Odds Ratio: 1,48; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [1,02; 2,16]. Der Unterschied war hoch signifikant (1). Es mussten 12 Frühgeborene behandelt werden, damit eines ohne BPD überlebte (Number needed to treat, NNT).

Nun wurden 379 Frühgeborene aus dieser Studie – das waren 93 % von 406 Kindern, die mindestens 2 Jahre überlebt hatten – im medianen Alter von 22 Monaten neurologisch nachuntersucht (2). Die BPD-Prophylaxe hatte primär aus 2 Mal täglichen Infusionen (i.v.) von 0,5 mg/kg KG Hydrocortison für 7 Tage bestanden, gefolgt von 1 Mal täglicher Infusion für 3 Tage.

In der Hydrocortison-Gruppe waren 73 % der Kinder ohne neurologischen Befund gegenüber 70 % in der Placebo-Gruppe. Leichte neurologische Entwicklungsstörungen hatten 20 % in der Hydrocortison-Gruppe vs. 18 % unter Placebo.

Mittelschwere bis schwere neurologische Entwicklungsstörungen traten bei 7 % der Frühgeborenen in der Hydrocortison-Gruppe und bei 11 % im Placebo-Arm auf. Die Unterschiede waren statistisch nicht signifikant (p = 0,33).

46,1 % der Kinder mit Hydrocortison lebten nach 22 Monaten ohne BPD und 36,2 % aus der Placebogruppe (relatives Risiko: 1,27; [1,03; 1,57]; p = 0,03; NNT: 11). Zerebralparesen waren nach Cortisontherapie nicht häufiger.

Fazit: „Eine frühe, postnatale Behandlung unreifer Frühgeborener mit sehr niedrig dosiertem Hydrocortison reduziert das Risiko einer BPD und scheint die neurologische Entwicklung der Kinder nicht negativ zu beeinflussen“, resümiert Prof. Dr. med. Christian P. Speer, Direktor der Universitätskinderklinik Würzburg. „Trotz dieser vielversprechenden Ergebnisse reicht die bisherige Datenlage nicht aus, um diese Strategie in die klinische Routine einzuführen“, meint Speer. „Hier müssen weitere große Studien belegen, dass diese Strategie in jeder Hinsicht sicher ist. So wurden in früheren Hydrocortison-Studien erhöhte Raten an gastrointestinalen Blutungen und Perforationen beschrieben.“ Rüdiger Meyer

  1. Baud O, Maury L, et al.: PREMILOC Trial Study Group. Effect of early low-dose hydrocortisone on survival without bronchopulmonary dysplasia in extremely preterm infants (PREMILOC): a double-blind, placebo-controlled, multicentre, randomised trial. Lancet 2016; 387: 1827–36.
  2. Baud O, et al.: Association between early low-dose hydrocortisone therapy in extremely preterm neonates and neurodevelopmental outcomes at 2 years of age. JAMA 2017; 317: 1329–37.

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