POLITIK

Reform der Psychotherapieausbildung: Faktenbasierte Diskussionen nötig

Dtsch Arztebl 2017; 114(39): A-1744 / B-1481 / C-1451

Bühring, Petra

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Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hat einen Arbeitsentwurf zu einem „Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz“ vorgelegt, bei dem viele noch Änderungsbedarf sehen. Schwierig ist auch die Frage der Berufsbezeichnung.

Nach dem Psychotherapiestudium ist eine Approbation möglich, aber noch keine eigenverantwortliche heilkundliche Tätigkeit und keine Kassenzulassung. Foto: picture alliance
Nach dem Psychotherapiestudium ist eine Approbation möglich, aber noch keine eigenverantwortliche heilkundliche Tätigkeit und keine Kassenzulassung. Foto: picture alliance

Die Gründe für eine Reform der Psychotherapieausbildung sind seit vielen Jahren offensichtlich: Während des obligatorischen Praxisjahres an psychiatrischen Kliniken geraten viele angehende Psychologische Psychotherapeuten (PP) und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) in eine prekäre Lage: Einer aktuellen Umfrage von Bündnis 90/Die Grünen zufolge erhalten 14 Prozent für ihre Arbeit gar keine Vergütung, mehr als die Hälfte weniger als 500 Euro im Monat. Gleichzeitig zahlen sie für ihre drei- bis fünfjährige postgraduale Ausbildung an privaten oder universitären Instituten. Die meisten angehenden PP und KJP sind deshalb auf Unterstützung ihrer Familie, Partner oder zusätzliche Jobs angewiesen – und das, nachdem sie bereits ein Studium der Psychologie oder Sozialpädagogik (KJP) abgeschlossen haben. Unattraktiv ist der Beruf trotzdem nicht: Jedes Jahr wird rund 2 300 Absolventen die Approbation erteilt – Tendenz steigend. Ein weiterer entscheidender Grund für die Reform der Ausbildung ist die fehlende Angleichung des Psychotherapeutengesetzes an die Bologna-Reform, also an die Bachelor-Master-Struktur des Studiums. Heute erkennen einige Bundesländer bereits einen Bachelorabschluss als Zugang zur KJP-Ausbildung an, andere folgen der Forderung der Psychotherapeutenschaft nach einem höher qualifizierten Masterabschluss.

Radikaler Strukturumbau

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) kam deshalb bereits zu Beginn dieser Legislaturperiode zu der Überzeugung, dass sich diese Probleme nur lösen lassen, wenn die künftige Ausbildung sich nach dem ordnungspolitischen Rahmen der ärztlichen Ausbildung richtet. Künftig sollten Abiturienten direkt Psychotherapie studieren können – der Begriff der „Direktausbildung“ war geboren – und danach eine Weiterbildung zum Erwerb der Fachkunde machen, für die sie ebenso wie angehende Fachärzte vergütet werden. Die Diskussionen auf den Deutschen Psychotherapeutentagen (DPT) verliefen lange Zeit zur Frage der Direktausbildung sehr kontrovers: Zu radikal erschien vielen der Umbau bewährter Strukturen, zu viele Fragen waren offen. Doch schließlich positionierte sich der 25. DPT im November 2014 eindeutig, den vorgeschlagenen Weg als alternativlos mitzugehen.

Das Ministerium brauchte dann zwar noch bis Oktober 2016, um Eckpunkte zu einem „Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz“ vorzulegen. Kurz vor Ende der vergangenen Legislatur, am 26. Juli, schob das Ministerium schließlich einen Arbeitsentwurf hinterher. Dieser sieht ein fünfjähriges Studium der Psychotherapie an einer Universität oder gleichgestellten Hochschule vor, das aus einem Bachelor- und einem darauf aufbauenden Masterstudiengang besteht und mit einem Staatsexamen endet. Anschließend ist eine Approbation möglich, aber noch keine eigenverantwortliche heilkundliche Tätigkeit und keine Kassenzulassung. Bislang liegt der Zeitpunkt der Approbation nach dem Erwerb der Fachkunde an den Ausbildungsinstituten. Die Berufe PP und KJP sollen künftig zu einem Beruf zusammengeführt werden. Erst in der anschließenden Weiterbildung erfolgt eine Spezialisierung auf Erwachsene oder auf Kinder- und Jugendliche und auch der Erwerb der Fachkunde in mindestens einem wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren (Kasten). Danach ist eine Niederlassung möglich. Die Weiterbildung wird in dem Arbeitsentwurf jedoch komplett ausgeklammert, was Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) und Berufsverbände bereits umfänglich kritisiert haben.

Der Arbeitsentwurf wird von der BPtK und den meisten Verbänden grundsätzlich begrüßt, sie sehen aber auch Änderungsbedarf. So wurde der Praxisanteil im Studium im Vergleich zu den Vorgaben im Eckpunktepapier deutlich reduziert. Zudem sind das 11. Praxissemester sowie verpflichtende Praktikumszeiten entfallen. Die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) sagt deshalb: „Wenn weniger als 15 Prozent des Studiums praxisbezogen stattfinden, ist die Erteilung der Approbation nicht mehr zu verantworten.“

Keine Psychopharmakologie

Grundsätzlich ist die Approbation bereits nach dem Psychotherapiestudium ordnungspolitisch die einzige Möglichkeit, eine Finanzierung der Weiterbildung zu sichern. Approbierte können dann in die Beratung, Forschung oder andere Berufsfelder gehen. Um Patienten eigenverantwortlich behandeln zu können, müssen sie die Weiterbildung absolvieren. „Die allermeisten werden sich wohl für diesen Weg entscheiden“, glaubt Barbara Lubisch, Bundesvorsitzende der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV).

Ablehnend stehen fast alle Verbände der vom BMG vorgeschlagenen Einführung von Modellstudiengängen gegenüber, die den „Erwerb von Kompetenzen für psychopharmakologische Maßnahmen“ vorsehen. Die DGPT, ein mit Ärzten und Psychologen gemischter Verband, hält das für fachlich nicht vertretbar: „Die Verordnung von Medikamenten muss immer in einen Gesamtbehandlungsplan eingebettet sein und setzt weitreichende medizinische Kenntnisse voraus.“ Dieser Vorschlag stamme nicht aus den Reihen der Psychotherapeuten, denn psychopharmakologische Maßnahmen entsprächen nicht dem Berufsbild, betont auch die DPtV.

Schwierig wird es sein, eine Berufsbezeichnung zu finden, die die unterschiedlichen Kompetenzen im Vergleich zu den ärztlichen Psychotherapeuten transparent macht. Der BMG-Arbeitsentwurf klammert diesen Begriff bewusst aus. Da die Berufe PP und KJP zusammengeführt werden, ist die Bezeichnung Psychologischer Psychotherapeut künftig nicht mehr zutreffend. Der 119. Deutsche Ärztetag mahnte 2016 in einer Entschließung, dass an „unmissverständlichen Terminologien“ festgehalten werden müsse. So dürfe der Begriff „Psychotherapeut“ nicht eingeführt werden, damit die ärztlichen Psychotherapeuten nicht ausgegrenzt werden. Hier muss im Dialog mit allen noch eine Lösung gefunden werden.

Die ärztliche Perspektive in einer reformierten Ausbildung soll auch weiterhin durch den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) gewährleistet sein, der von Bundes­ärzte­kammer und Bundes­psycho­therapeuten­kammer gemeinsam getragen wird, schließlich ist die Weiterentwicklung der Psychotherapie eine gemeinsame Aufgabe von Ärzten und Psychologen. Zu den Aufgaben des WBP zählt die wissenschaftliche Beurteilung psychotherapeutischer Verfahren mittels Gutachten. Der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten e.V. weist auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Ausbildung und Kompetenz von ärztlichen und den künftigen Psychotherapeuten hin, die es zu diskutieren und auszutarieren gelte. „Dies kann nur im gegenseitigen Respekt und unter Anerkennung gewachsener Strukturen und Unterschiede gelingen“, betont der mit Ärzten und Psychologen gemischte Verband.

Polemische Vorwürfe

Scharfe Kritik kommt von zwei ärztlichen Berufsverbänden zu der Gesetzessinitiative. So schreibt der Vorsitzende des Ausschusses Psychotherapie im Spitzenverband der Fachärzte Deutschlands, Dr. med. Christian Messer, in einer Pressemitteilung: „Das Gesetz hat mit Psychotherapie wenig zu tun. Es geht vielmehr um die Verschiebung von Zuständigkeiten, Macht und Geld in den psychologischen Bereich.“ Der Bundesverband Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (BDPM), dessen Vorsitzender ebenfalls Messer ist, spricht unter anderem von einem „weltweit einmaligen bildungs- und gesundheitspolitischen Experiment, das den gesundheits- und Verbraucherschutz mehr zu verletzen droht als zuletzt der Diesel- und Pestizidskandal“. Es folgen in der fünfseitigen Stellungnahme eine Vielzahl von Vorwürfen, die mit dem Wort „Zerschlagung“ beginnen.

Die DPtV hat die Reform der Ausbildung deshalb kürzlich vor der Presse gegen diese Angriffe verteidigt. „Es scheint zurzeit einige Missverständnisse zu geben“, sagte die Lubisch. Es gelte, den Arbeitsentwurf faktenbasiert zu diskutieren und nicht „mit Vermutungen und falschen Behauptungen zu torpedieren“. An dem „friedlichen Miteinander“ der verschiedenen Berufsgruppen in der Psychotherapie werde sich durch die Ausbildungsreform nichts ändern.

Doch soweit ist es noch lange nicht. Zunächst muss die neue Bundesregierung den Arbeitsentwurf des Gesetzes wieder aus den Schubladen holen, mit Änderungen in einen Referentenentwurf umwandeln und dann zur parlamentarischen Beratung freigeben.

Petra Bühring

Überlegungen zur Weiterbildung

Konzepte zur Organisation und Finanzierung einer fünfjährigen strukturierten Weiterbildung hat die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) auf Grundlage von Gutachten des Essener Forschungsinstitutes für Medizinmanagement GmbH (Wasem/Walendzik) und des Deutschen Krankenhausinstitutes ausgearbeitet. Sie soll danach in einem Verbund stattfinden, bestehend aus einem Weiterbildungsinstitut (einem derzeitigen Ausbildungsinstitut), an dem Theorie und Selbsterfahrung gelehrt werden, einer ambulanten Weiterbildungsstätte (zwei Jahre) und einer stationären Weiterbildungsstätte, an der jeweils zwei Jahre geleistet werden, gegebenenfalls auch unter Einschluss der Jugendhilfe, Suchthilfe oder Behindertenhilfe (ein Jahr). Nach bisherigen Überlegungen sollen die künftigen Psychotherapeuten in Weiterbildung (PiW) in den Weiterbildungsstätten angestellt und entsprechend dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, Entgeltgruppe 13 (4 638 Euro monatlich), vergütet werden.

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palmowski10
am Mittwoch, 4. Oktober 2017, 17:41

Fake-News im Deutschen Ärzteblatt

Das Deutsche Ärzteblatt scheut sich offenbar nicht, zum Thema der sogenannten „Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung“ haarsträubende Fake-News zu verbreiten.

So schreibt die Autorin dieses bemerkenswerten Papiers über die Ausbildung des geplanten neuartigen arzt-parallelen Heilberufs: „anschließend ist eine Approbation möglich, aber noch keine eigenverantwortliche heilkundlichen Tätigkeit.“

Im Gesetz steht aber etwas ganz anderes! §7 sagt klipp und klar: „die Ausbildung vermittelt … die grundlegenden… Kompetenzen, die für eine eigenverantwortliche, selbstständige und umfassende psychotherapeutische Versorgung von Patientinnen und Patienten aller Altersstufen… erforderlich sind.“. Weiterhin sagt das Gesetz: "die Ausbildung… soll insbesondere dazu befähigen, Störungen mit Krankheitswert festzustellen, sowie zu behandeln oder notwendige weitere Behandlungsmaßnahmen durch Dritte zu veranlassen.“ Das Gesetz sieht in §7 sogar die Befähigung des Absolventen vor, "gutachterliche Fragestellungen einschließlich von Fragestellungen zu Arbeits-, Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit auf der Basis umfassender diagnostischer Befunde ... zu bearbeiten".

Man fragt sich, ob die Autorin das Gesetz vielleicht gar nicht gelesen hat. Oder, was möglicherweise genauso schlimm wäre, sieht sie ihre journalistische Verpflichtung gar nicht mehr bei der deutschen Ärzteschaft, sondern vielmehr beim Ge­sund­heits­mi­nis­terium oder der Bundeskammer für psychologische Psychotherapeuten.

Angesichts dieser bestürzende Tatsachen gibt der hochtrabende Titel „Faktenbasierte Diskussionen sind nötig“ dem Text etwas Schräges, Comedyhaftes, man rutscht förmlich auf Titanic-Niveau.

Wie kommt es, dass in einem Organ der deutschen Ärzteschaft, denn so versteht sich das Deutsche Ärzteblatt ja traditionell, aus ärztlicher Perspektive völlig unkommentiert und unkritisch die Sichtweise des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums und der Bundeskammer für psychologische Psychotherapeuten ausgebreitet wird?

Wie kommt es, dass in diesem Text die wiederholten unmissverständlichen und eindeutigen Beschlüsse der deutschen Ärztetage und die wiederholten glasklaren Beschlüsse des Deutschen Hausärzteverbandes (BDA) vollständig verschwiegen werden? Schlamperei oder Täuschungsabsicht?

Es ist zwar zu respektieren, dass der Kollege Messer als Präsident des Bundesverbandes Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (BDPM) und Vorsitzender des Ausschusses Psychotherapie in den Fachgebieten des Spitzenverbandes der Fachärzte Deutschlands (SpiFa) als engagierter Vertreter ärztlicher Interessen persönlich genannt wird. Messers Kritik an diesem für die Humanmedizin und die Ärzteschaft verhängnisvollen und existenzbedrohenden Gesetzesvorhaben aber hier als „polemische Vorwürfe“ zu subsumieren, wird dem Thema nicht gerecht und widerspricht jeglicher journalistischer Sorgfalt.

In seiner journalistischen Arbeit sollte das Deutsche Ärzteblatt zumindest grundlegende Seriositäts- und Qualitätsstandards einhalten, sich den Interessen der deutschen Ärzteschaft verpflichtet fühlen und nicht primär den Interessen der Politik oder anderer Berufsgruppen.
palmowski10
am Mittwoch, 4. Oktober 2017, 17:41

Fake-News im Deutschen Ärzteblatt

Das Deutsche Ärzteblatt scheut sich offenbar nicht, zum Thema der sogenannten „Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung“ haarsträubende Fake-News zu verbreiten.

So schreibt die Autorin dieses bemerkenswerten Papiers über die Ausbildung des geplanten neuartigen arzt-parallelen Heilberufs: „anschließend ist eine Approbation möglich, aber noch keine eigenverantwortliche heilkundlichen Tätigkeit.“

Im Gesetz steht aber etwas ganz anderes! §7 sagt klipp und klar: „die Ausbildung vermittelt … die grundlegenden… Kompetenzen, die für eine eigenverantwortliche, selbstständige und umfassende psychotherapeutische Versorgung von Patientinnen und Patienten aller Altersstufen… erforderlich sind.“. Weiterhin sagt das Gesetz: "die Ausbildung… soll insbesondere dazu befähigen, Störungen mit Krankheitswert festzustellen, sowie zu behandeln oder notwendige weitere Behandlungsmaßnahmen durch Dritte zu veranlassen.“ Das Gesetz sieht in §7 sogar die Befähigung des Absolventen vor, "gutachterliche Fragestellungen einschließlich von Fragestellungen zu Arbeits-, Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit auf der Basis umfassender diagnostischer Befunde ... zu bearbeiten".

Man fragt sich, ob die Autorin das Gesetz vielleicht gar nicht gelesen hat. Oder, was möglicherweise genauso schlimm wäre, sieht sie ihre journalistische Verpflichtung gar nicht mehr bei der deutschen Ärzteschaft, sondern vielmehr beim Ge­sund­heits­mi­nis­terium oder der Bundeskammer für psychologische Psychotherapeuten.

Angesichts dieser bestürzende Tatsachen gibt der hochtrabende Titel „Faktenbasierte Diskussionen sind nötig“ dem Text etwas Schräges, Comedyhaftes, man rutscht förmlich auf Titanic-Niveau.

Wie kommt es, dass in einem Organ der deutschen Ärzteschaft, denn so versteht sich das Deutsche Ärzteblatt ja traditionell, aus ärztlicher Perspektive völlig unkommentiert und unkritisch die Sichtweise des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums und der Bundeskammer für psychologische Psychotherapeuten ausgebreitet wird?

Wie kommt es, dass in diesem Text die wiederholten unmissverständlichen und eindeutigen Beschlüsse der deutschen Ärztetage und die wiederholten glasklaren Beschlüsse des Deutschen Hausärzteverbandes (BDA) vollständig verschwiegen werden? Schlamperei oder Täuschungsabsicht?

Es ist zwar zu respektieren, dass der Kollege Messer als Präsident des Bundesverbandes Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (BDPM) und Vorsitzender des Ausschusses Psychotherapie in den Fachgebieten des Spitzenverbandes der Fachärzte Deutschlands (SpiFa) als engagierter Vertreter ärztlicher Interessen persönlich genannt wird. Messers Kritik an diesem für die Humanmedizin und die Ärzteschaft verhängnisvollen und existenzbedrohenden Gesetzesvorhaben aber hier als „polemische Vorwürfe“ zu subsumieren, wird dem Thema nicht gerecht und widerspricht jeglicher journalistischer Sorgfalt.

In seiner journalistischen Arbeit sollte das Deutsche Ärzteblatt zumindest grundlegende Seriositäts- und Qualitätsstandards einhalten, sich den Interessen der deutschen Ärzteschaft verpflichtet fühlen und nicht primär den Interessen der Politik oder anderer Berufsgruppen.
Geyer
am Mittwoch, 4. Oktober 2017, 15:52

Wo bleibt die seriöse Berichterstattung über dieses Thema?

Der Artikel folgt der Argumentation eines Verbandes mit durchsichtiger berufspolitischer Zielsetzung. Die fachlich begründete Gesetzentwurfskritik vieler – auch berufsübergreifender - Fachverbände (DGPT, DFT, DGVT, dgkjf, DGPM, BVDP, BVDN, BDN, BVDPP) wird auf Nebenschauplätze verschoben oder als Polemik disqualifiziert.
Wer solche grundsätzlichen Bewertungen vornimmt, sollte sich Zeit nehmen, vorher den für jeden zugänglichen Gesetzentwurf zu lesen. Nicht an einer Stelle des Artikels wird hinterfragt, warum der Absolvent eines viersemestrigen (eigentlich nur dreisemestrigen) Masterstudiums der Psychotherapie (keineswegs eines 5-jährigen Psychotherapiestudiums, wie fälschlich berichtet wird), der kein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren beherrscht, in der Lage sein soll "...eine eigenverantwortliche, selbständige und umfassende psychotherapeutische Versorgung von Patientinnen und Patienten aller Altersstufen [...] mittels wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren..." durchzuführen, wie es in § 7 des Gesetzentwurfes als "Ausbildungsziel" definiert wird. Stattdessen wird die fehlerhafte Argumentation übernommen und prominent platziert, nach dem Studium sei „…eine Approbation möglich, aber noch keine eigenverantwortliche heilkundliche Tätigkeit…“, d.h. die Bedeutung der Approbation (also einer berufsrechtlich uneingeschränkten Berufserlaubnis) für einen Spezialisten in der Medizin wird bewusst heruntergespielt.
So wird uns auch nahegelegt, die Approbation eines Arztes, der als Generalist für die gesamte Heilkunde seine Approbation erhält, wäre vergleichbar mit der Approbation eines Psychotherapeuten, also des Spezialisten eines Gebietes der Medizin. Die Art und Weise, wie diese ordnungspolitische Argumentation eines Berufsverbandes durch diese Zeitung in die Öffentlichkeit transportiert wird, macht fassungslos. Das wäre so, als ob sich ein Medizinstudent nach seiner Approbation Gynäkologe nennen dürfte, nur weil er einige Semester Gynäkologie gehört und eine Famulatur dort gemacht hat.
Wenn ein zutreffender ordnungspolitischer Rahmen für die Approbation eines Spezialisten gewählt werden sollte, dann müsste doch der Zahnarzt als Vorbild dienen. Dieser bekommt nach einem langjährigen Studium mit einem sehr hohen Praxisanteil und zahlreichen praktischen Prüfungen seine Approbation als Zahnarzt, weil er seinen Beruf nachweislich beherrscht und macht auch danach keine 5-jährige Weiterbildung mehr, um kassenärztlich zugelassen zu werden. Warum ein ähnliches Modell, das schon vor Jahren als duale Direktausbildung nicht nur durch den Spitzenverband der Krankenkassen an den Gesetzgeber herangetragen wurde, nicht Gegenstand der Debatte ist, wäre doch eine tiefergehende Recherche wert, auch wenn sie einigen Akteuren nicht gefallen sollte. Und wären nicht auch die Motive der Politik zu recherchieren, die seit 9 Jahren die Klärung der Bezahlung der Ausbildungskandidaten „alternativlos“ an dieses Ausbildungsmodell bindet, somit die PIA als Geiseln ihrer Absichten missbraucht und jede Kritik mit dem Totschlagargument der prekären Situation der PIA kontert?
loeber-kraeemer@t-online.de
am Dienstag, 3. Oktober 2017, 15:31

Faktenbasierte Diskussion à la DÄB

Es hat schon was, im DÄB eine "Faktenbasierte Diskussion" zur Reform der Psychotherapieausbildung anzumahnen, selbst aber sich auf die Seite der Verteidiger ( "sehr gründlich durchdacht und sorgfältig formuliert" -Zitat Lubisch) des z.T von verbalen Unsäglichkeiten u.a. strotzenden Arbeitsentwurfs zu schlagen und Kritikern, die dieses Papier (trotzdem) durchgearbeitet haben und auf seine Implikationen genau unter die Lupe genommen haben, Polemik vorzuwerfen! Denn was soll man von dem Entwurf eines Gesetzes halten, in dem enthalten ist, dass die zum Schutz der Patienten einer Psychotherapie vorgeschaltete körperliche Untersuchung entfallen kann, da sie nur "deklamatorische Funktion" gehabt habe? Zumal ja die geplante Neuausrichtung gemäß "dem allgemein anerkannten Stand der psychotherapeutisch-wissenschaftlichen, psychologischen, pädagogischen und medizinischen Wissen" in die Lage versetze, die körperliche (!) und psychische Entwicklung so einzuschätzen (!), dass eine körperliche Untersuchung überflüssig ist - um nur eine der Unsäglichkeiten zu nennen!
Es lohnt sich in der Tat, sich in die Fakten einzuarbeiten - die sorgfältige Lektüre des Arbeitsentwurfes sei jedem Psychotherapeuten und denen, die mitreden wollen,empfohlen! Dann wird man feststellen, dass es sich nicht um "Mißverständnisse" handelt, wenn Kritik pointiert formuliert vorgetragen wird, sondern dass es tatsächlich um Fakten geht!
Eigentlich könnte man der neuen Bundesregierung nur empfehlen, den Entwurf in der Schublade zu lassen und - auf der Basis des Forschungsgutachtens von 2009 - das, was tatsächlich reformbedürftig ist, mit allen - PP,KJP und Ärzte - , die zum Wohl der Patienten am Erhalt einer wissenschaftlich fundierten Psychotherapie interessiert sind, die Ausbildung der PP und KJP reformieren. Das würde sich lohnen und das würde tatsächlich zu einer faktenbasierten Diskussion führen!
Dr. med. H. Heister
am Dienstag, 3. Oktober 2017, 11:47

Hier einige Fakten!

Es wird konsequent das vom BMG in Auftrag gegebene umfangreiche Forschungsgutachten übergangen, das Prof. Strauss, seines Zeichens Psychologe, 2009 an die damalige Ge­sund­heits­mi­nis­terin Schmidt übergeben hat. Dieses Gutachten plädierte für die Beibehaltung des dualen Modells der Ausbildung von PP und KJP, Formen der Direktausbildung könnten in Modellstudiengängen erprobt werden.
Der Begriff Direktausbildung ist also älter, als die letzte Regierung.
Während das PsychThG von 2008 sich noch auf alle drei psychotherapeutische Gruppierungen bezog, nämlich Ärzte, PP und KJP, geht es bei dem jetzigen Gesetzesvorschlag nur noch um die Reform der Ausbildung von PP und KJP. Der Titel Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz ist also schon schräg.
Ein Studium der Psychotherapie neben das Medizinstudium zu stellen geht fehl. Das Medizinstudium bildet Generalisten aus, mit der Befähigung in allen Bereichen des Gesundheitssystems ärztlich tätig zu sein. Dafür erhalten Ärzte ihre Approbation. Ein Studium der Psychotherapie würde Spezialisten ausbilden wollen, für die Ausübung der Psychotherapie. Die Approbation dafür ist bislang an die Beherrschung eines psychotherapeutischen Verfahrens gebunden.
Wenn man den Gesetzesvorschlag aufmerksam liest, wird hier die Ausbildung eines klinischen Psychologen, vielleicht mit Schwerpunkt Psychotherapiewissenschaften, auf Bachelor- u. Masterniveau angeregt.
Die Berechtigung Medikamente verordnen zu dürfen, wird hinter verschlossenen Türen von PP schon lange gefordert. Vereinzelt gibt es auch Veröffentlichungen dazu.
Es gibt eine breite Front der Ablehnung gegen das Gesetzesvorhaben, vom Deutschen Ärztetag über den SpiFa, die Delegiertenversammlung des Deutschen Hausarztverbandes, den Spitzenverband der Krankenkassen, die neuropsychiatrischen Berufsverbände, den BDPM e. V., die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) und es gibt auch unter den anderen, auch den gemischten, Verbänden viel Kritik. – Das sind nicht alles Missverständnisse, die dieser Ablehnung, dieser Kritik, zu Grunde liegen.

Im Kern soll der Medizin die Psychologie an die Seite gestellt werden.

Dieser Gesetzesvorschlag ist ein trojanisches Pferd zur Einführung einer Approbation für Psychologen.

Mit Psychotherapie hat das dann in der Tat nichts zu tun, weil man sich ohne Fachkunde nicht Psychotherapeut nennen dürfen sollte.

Bologna und die Honorarfragen sind Scheinargumente. Da wären andere Lösungen möglich.

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