ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2017Genomchirurgie: Rasanter Wandel der Forschung

THEMEN DER ZEIT

Genomchirurgie: Rasanter Wandel der Forschung

Dtsch Arztebl 2017; 114(39): A-1746 / B-1484 / C-1454

Richter-Kuhlmann, Eva

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Für die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat das Zeitalter der Genomeditierung bereits begonnen. Gesetzesänderungen könnten folgen.

Foto: Science Photo Library/Pasieka, Alfred
Foto: Science Photo Library/Pasieka, Alfred

Momentan erleben wir ohne Übertreibung eine Revolution in der molekularbiologischen Forschung“, sagte Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jörg Hacker, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, mit Blick auf die neuen Methoden der Genomveränderung – insbesondere auf CRISPR/Cas9 – vor Journalisten im Vorfeld der Leopoldina-Jahresversammlung am 22. und 23. September in Halle. Bei dieser Tagung mit dem Schwerpunkt „Veränderbarkeit des Genoms – Herausforderungen für die Zukunft“ diskutierten internationale Wissenschaftler ethische, rechtliche und technische Fragen der Genomchirurgie bei der Anwendung in Pflanzen, an Tieren und für therapeutische Zwecke beim Menschen. „Wir erleben den Beginn des Zeitalters der Genomeditierung“, betonte Hacker.

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Seit einigen Jahren sorgen die als genome editing oder Genomchirurgie bekannten Techniken, mit denen sich schnell, präzise und kostengünstig Veränderungen im Erbgut vornehmen lassen, für einen rasanten Wandel der Forschung in den Naturwissenschaften und der Medizin. Ungeklärt sind jedoch viele Fragen bezüglich einer verantwortungsbewussten Anwendung. Gerade in Bezug auf Keimbahneingriffe beim Menschen, bei denen vorgenommene Veränderungen dann an die nächste Generation vererbt werden, sind das sorgfältige Abwägen von Nutzen und potenziellen Risiken sowie eine breite gesellschaftliche Diskussion erforderlich. Derzeit ist die Forschung an menschlichen Embryonen in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz verboten. Kritiker monieren jedoch, dass das Gesetz nicht alle Fragen abdecke, die die neuen Methoden der Genomchirurgie aufwerfen, und fordern eine Gesetzesnovelle.

Öffentlicher Diskurs gefordert

Auch die Leopoldina plädiert für einen öffentlichen Diskurs über genome editing in der medizinischen Forschung. Einen Anstoß gab sie im Frühjahr mit dem Papier „Ethische und rechtliche Beurteilung des genome editing in der Forschung an humanen Zellen“. Die Autoren verteidigen darin den Einsatz der Genomchirurgie zur Erforschung der menschlichen Embryonalentwicklung. Dieser sei sinnvoll, da sich die Embryonalentwicklung von Menschen und Tieren unterscheide. Gleichzeitig ziehen sie aber Grenzen bei der Umsetzung solcher Forschungsvorhaben: So sprechen sie sich dafür aus, ausschließlich „verwaiste Embryonen“ aus der Fortpflanzungsmedizin für die Forschung zuzulassen, die nicht mehr verwendet werden und somit keine Lebenschance haben. Zudem betonen sie in dem Papier, dass man einen Eingriff in die Keimbahn nur in Erwägung ziehen könne, wenn ein vertretbar niedriges Risiko dieser Intervention im Vergleich zur Erbkrankheit, die es zu vermeiden gilt, bestehe. Versuche, mittels genome editing genetische Verbesserungen (Enhancement) des Menschen zu erreichen, verurteilen sie gänzlich.

Zu den Autoren des Leopoldina-Papiers gehört auch der evangelische Theologe Prof. Dr. theol. Klaus Tanner von der Universität Heidelberg. Nach seiner Ansicht ist es eine christliche Pflicht, die neuen medizinischen und biologischen Möglichkeiten, die sich durch die Genomchirurgie ergeben, zu nutzen. „Ethische Debatten haben immer einen Zeitindex“, sagte er in Halle. „Das Embryonenschutzgesetz ist bereits seit 1991 in Kraft und somit mittlerweile recht alt. Wir müssen erneut über die Definition von Embryonen reden – die Natur nimmt uns das nicht ab“, erläuterte Tanner dem Deutschen Ärzteblatt. Die Entwicklungen in der Genomchirurgie seien mit der Notwendigkeit verbunden, sich mit den geltenden Gesetzen – Embryonenschutzgesetz und Stammzellgesetz – neu zu beschäftigen, auch in den Kirchen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Interview

mit Prof. Dr. rer. nat. Jörg Vogel, Direktor des Helmholtz-Instituts für RNA-basierte Infektionsforschung, Würzburg, und Leiter des Instituts für Molekulare Infektionsbiologie, Universität Würzburg

Jörg Vogel, einer der weltweit führenden RNA-Forscher und Leibniz-Preisträger 2017, räumt der Genomchirurgie immense Chancen ein und fordert eine breite gesellschaftliche Debatte.

Der Einsatz der CRISPR/Cas-Technik gilt als medizinische Revolution. Wird der Traum, über Gentherapie Krankheiten zu heilen, jetzt wahr?

Zur Person: Jörg Vogel, Leopoldinamitglied seit 2013, trug wesentlich zum Verständnis regulatorischer RNA-Moleküle in der Infektionsbiologie bei. Gemeinsam mit Emmanuelle Charpentier entdeckte Vogel die transaktivierende RNA (tracrRNA), die essenziell für die Anwendung des CRISPR/Cas9-Systems ist. Vogel ist Mitautor des Leopoldina-Diskussionspapiers zum genome editing. Foto: Christoph Rieken für die Leopoldina
Zur Person: Jörg Vogel, Leopoldinamitglied seit 2013, trug wesentlich zum Verständnis regulatorischer RNA-Moleküle in der Infektionsbiologie bei. Gemeinsam mit Emmanuelle Charpentier entdeckte Vogel die transaktivierende RNA (tracrRNA), die essenziell für die Anwendung des CRISPR/Cas9-Systems ist. Vogel ist Mitautor des Leopoldina-Diskussionspapiers zum genome editing. Foto: Christoph Rieken für die Leopoldina

Ich denke schon. Das Verfahren ist so weit entwickelt worden, dass es bald zur Heilung von Krankheiten eingesetzt werden kann – vor allem in der somatischen Gentherapie. Man muss aber bedenken: Die Möglichkeiten sind nicht erst mit CRISPR/Cas entstanden. Forscher beschäftigen sich seit Jahren mit der Gentherapie. CRISPR/Cas bietet die Chance, diese sicherer und erfolgreicher zu machen.

Die Fortschritte durch CRISPR/Cas entwickeln sich schnell. Besteht die Gefahr von voreiligen Heilsversprechen?

Dass es zu große Heilsversprechen gibt, sehe ich nicht. Durch die früheren Gentherapieansätze haben wir gelernt, wo die Gefahren liegen. CRISPR/Cas bietet die Möglichkeit, genau diese zu umgehen: Genomabschnitte, die für eine Krankheit verantwortlich sind, können jetzt sehr exakt ausgetauscht oder korrigiert werden, ohne dass es Nebeneffekte gibt.

Welche Krankheiten könnten nach Ihrer Ansicht in den nächsten zehn Jahren geheilt werden?

Damit will ich mich zurückhalten. Ich denke, mit solchen Prognosen sollte man tatsächlich vorsichtig sein, da es ansonsten schnell zu einer Erwartungshaltung kommt.

Diskutiert wird auch der Therapieansatz im Embryonalstadium. In Deutschland ist die Keimbahnintervention durch das Embryonenschutzgesetz verboten. Muss es überarbeitet werden?

Sicher sollte man das Embryonenschutzgesetz und das Gentechnikgesetz, das bei dieser Forschung gleichermaßen eine Rolle spielt, einer Prüfung unterziehen, da sie beide relativ alt sind und die Molekularbiologie sich so rasant entwickelt. Doch zurück zur Keimbahntherapie: Da müssten wir uns erst mal fragen, wie viele Krankheiten darüber tatsächlich zu heilen wären – zumal wir bereits mit der Präimplantationsdiagnostik die Möglichkeit haben, Embryonen auf Krankheitsmerkmale zu untersuchen.

Das geltende Verbot einer Keimbahnintervention halten Sie also für richtig?

Ja, zumal ich nicht sehe, dass in Deutschland die notwendige intensive und breite gesellschaftliche Diskussion läuft, ohne die man über Keimbahntherapie gar nicht nachdenken sollte. Die Wissenschaft geht mit dem Thema CRISPR/Cas sehr offen um. Aber in der Bevölkerung ist es noch nicht so richtig angekommen.

Sollten die Möglichkeiten von CRISPR-Cas in der nächsten Legislatur gesellschaftlich breit diskutiert werden?

Ich wünsche mir von der Bevölkerung ein breites Interesse, denn CRISPR/Cas wird jeden von uns betreffen – nicht nur in der Medizin, sondern auch bezüglich der Pflanzen- und Nutztierzucht.

Mit dem Gedanken, dass wir künftig in einer „CRISPR/Cas-Welt“ leben könnten, sind viele Ängste verbunden. Können Sie diese nachvollziehen?

Auf jeden Fall! CRISPR/Cas ist wie ein Brennglas: Alles, was früher weit in der Zukunft lag, kann man jetzt wirklich machen. Deshalb muss eine gesellschaftliche Diskussion geführt werden, bei der klar wird, was wir erlauben wollen.

CRISPR/Cas bietet eine breite Palette an Möglichkeiten. Sie sind Infektionsforscher – inwieweit kann uns die Technik helfen, dem Mangel an wirksamen Antibiotika entgegenzuwirken?

Da gibt es interessante Ansätze, beispielsweise das Ausschalten von Resistenzgenen in Bakterien mittels CRISPR/Cas, sodass Antibiotika wieder wirken.

Letzte Frage: Wird für die Entwicklung der CRISPR/Cas-Technik dieses Jahr der Nobelpreis verliehen werden?

Über Nobelpreise wird in Stockholm entschieden, aber ich denke, es ist klar, dass CRISPR/Cas etwas Außergewöhnliches ist.

Das Interview führte:
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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