POLITIK

Notaufnahme: Notruf aus der Ambulanz

Dtsch Arztebl 2017; 114(39): A-1742 / B-1479 / C-1449

Frau Doktor

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Seit Anfang des Jahres berichtet Frau Doktor in ihrem gleichnamigen Blog über ihre Erfahrungen als frischgebackene Assistenzärztin, auf aerzteblatt.de/fraudoktor. Ein Bericht aus der Notaufnahme.

Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner

Ich bin gerade vom Tagdienst zurückgekommen. In der Notaufnahme „steppte der Bär“, wie man zu sagen pflegt. Ich habe stundenlang Patienten gesehen, es waren viele „echte“ Notfälle dabei, und gefühlt im Minutentakt stand ein neuer Rettungswagen vor der Tür. Übergabe hier, Verlegung dort, Bildgebung organisieren, Telefonat mit dem Oberarzt, neuer Anruf in der Leitung. Alles schnell. Alles sofort. Natürlich, priorisieren muss man auch zwischen den einzelnen Notfällen. Aber der Stress im Kopf vermehrt sich ins Unendliche, wenn man eigentlich weiß: So richtig warten darf von denen keiner. Schließlich schaffen wir das, irgendwie.

Die Notaufnahmen werden eingerannt, die Flut an Patienten wird von Jahr zu Jahr größer. Ich maße mir einen detaillierten Kommentar über die zahlreichen Patienten, die eine Notaufnahme aufsuchen, ohne ein Notfall zu sein, nicht an. Beschwerden seit drei Jahren? Keine Seltenheit. Die Gründe: vermutlich mannigfaltig.

Immer mehr Bürokratie

Was jedoch auffällt, ist die Diskrepanz zwischen Bewusstsein und Tatendrang der Verantwortlichen unseres Gesundheitswesens. Das Bewusstsein, dass wir ein Problem haben: immer mehr Patienten in zu kurzer Zeit für zu wenig Ärzte, Notaufnahmen, die auch von Bagatelltraumen überflutet werden. Die aber, einmal da, ebenfalls gründlich angesehen werden müssen, denn auch die Diagnose einer Bagatelle erfordert den Ausschluss der schweren Dinge. Dazu immer mehr Bürokratie: Jeder meiner nicht medizinischen Freunde schüttelt bereits mit dem Kopf. Denn jeder weiß, dass es pro Ärztekopf eigentlich zu viel ist. Woher wissen sie das? Sie lesen es überall. Eine Schwester sprach neulich: Das ist doch nichts Neues. Das wissen doch alle. Es interessiert aber keinen. So viel Frust und so viel Alleingelassen- sein in einem so kurzen Statement.

Und die Ärzte? Die Meldungen springen den Lesern förmlich entgegen: Einführung eines dringend benötigten Pflegeschlüssels, für Ärzte gibt es wieder keinen. Nicht für Normalstationen, nicht für Notaufnahmen. Wie wäre es mit einem wasserdichten gesetzlichen? Vorbei wäre der Kampf der Chefärzte, wenigstens eine neue Assistentenstelle durchzuboxen. Seien wir ehrlich: Angesichts der regen öffentlichen Diskussionen über diese Thematik ist es nahezu unmöglich, sich dieser Probleme nicht bewusst zu sein. Erst recht nicht, wenn man Gesundheitspolitik macht.

Im Endeffekt ist es aber doch so: Wir können die Problemartikel nicht mehr lesen. Wir würden so gerne mehr Taten sehen! Wo bleiben die bundesweiten Kampagnen für die Nummer des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes, auch mal zur Primetime? Damit die Patienten dort ankommen, wo sie richtig sind? In der die wahren Notfälle schneller drankämen? Wo bleiben unsere Politiker, die erkennen: Dutzende Patienten pro Pflegekraft sind einfach zu viel? Die sich einsetzen: dafür, dass ein Arzt nur eine gewisse Anzahl an Patienten betreuen kann.

Den großen Aufstand proben? Wir sind doch froh, wenn wir schlafen können. Klar, lupenrein ist dieses Argument nicht, obwohl es sich nach stundenlangem Durcharbeiten sehr lupenrein anfühlt. Natürlich können wir uns nicht davon freisprechen, dass auch wir relativ wenig geschlossen öffentlich unsere Meinung kundtun. Warum also die Zurückhaltung, abgesehen von wenig Zeit? Vielleich ist es der negative Beigeschmack der Mimosenhaftigkeit. Denn: Wir wollen irgendwie nicht rebellieren. Wir mögen unseren Beruf.

Wir wollen das

Mehr als das. Für die meisten unter uns ist es kein Job, überhaupt, das klingt so nach Gelegenheitsbeschäftigung. Wir wollten das. Dafür haben wir jahrelang in Pflichtseminaren gesessen, unbezahlte drei Monate Pflegepraktikum und weitere unbezahlte vier Monate Famulatur gemacht, haben uns zwölf Monate im Praktischen Jahr angestrengt, um etwas mitzunehmen. Wir wollen das auch weiterhin. Menschen helfen. Der eine mehr der Menschen wegen, der andere, weil er durch und durch Wissenschaftler ist. Ob eher emotional oder doch mehr Rationalist: Wir sind hier ganz und gar freiwillig. Einen unglaublichen Antrieb bedeutend, ist dies gleichzeitig unsere größte Bremse. Ist der, der meckert, vielleicht einfach nur am falschen Ort? Ist es das, was uns Angst macht?

Es bleibt am Ende des Tages doch so: Die vielen Meldungen, die sind kein Märchen. Geredet wird darüber überall: in der U-Bahn, im Wochenblatt, in der großen überregionalen Sonntagszeitung, auf Kongressen, auf Podiumsdiskussionen. Die Hoffnung bleibt, dass Taten folgen. Möglichst vor dem 1001. Nachtdienst.

Frau Doktor

Zum Blog: www.aerzteblatt.de/fraudoktor

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

klausenwächter
am Dienstag, 3. Oktober 2017, 19:08

Wie kam es so weit.

Vor der Reform des Kassenärztlichen Notdienstes arbeiteten wir Ärzte rund um die Uhr. Dienste wurden organisiert, Ausbildung erfolgte durch den Erfahrenen im Dienst. Heute bloggen die Ärzte über Ihren Notdienst. Diese Zeit hatten wir nicht. Die Dtenerfassung wurde aufwänduiger. Dienste mußten für ein größeres Gebiet geleistet werden. Die umgelegten Kosten dieses neune Notdientes stiegen. Die Verwaltung wehrte alte Hasen ab, die Ihre Beratung für die Steuerung der unvorhergesehenen Entwicklung anboten. Dagegen wrde die Abteilungsleitung mit Fachfremden besetzt. Anfänglich kriitsche Äußerunen zur Reform des Notdienstes schlugen in publizierten Lobegesang um. Da überrascht der Notruf aus der Notfallambulanz. Es lief doch alles so gut.
Hochmotiviert starteten die neuen kassenärztlichen Notfallambulanzen. Helferinnen klimperten fröhlich af Eierkartons. Auf diese hatten sie die Tasten geschrieben und damit übten Sie die Tastenkombinationen für die Programme die da kommen sollten. Die Versorgung lief aber. Das Honorar für den Notfalldienst war reduziert worden. Es fanden sich dienstverpflichtete Ärzte zur Arbeit am Wochenende und in der tiefen Nacht. Ein Kollege hatte seinen Bereitschaftsraum verlassen und Pommes für sein Team geholt. Der wurde verklagt, bekam eine gehörige Strafe. Das schreckte ab. Da starb wohl ein Fahrer im Wgen, während sein Arzt den dringenden Hausbesuch verrichtete. Und weiter gings. Die Verwaltung informierte über die Vorteile des neuen Dienstes. Die Kostenentwicklung hatte man im Griff. Irgendwann waren dann nur noch drei Prozent der Patienten bei Ihrem Hausarzt im Notfalldienst. Der hatte ja keinen Dienst mehr am Wohnsitz. Der fuhr von A nach B zur Bereitschaftszentrale. Von B nach A fuhr der Fahrer zum Fahrerwechsel in der Schicht. Der Arzt aber arbeitete weiter. Es lief so gut. Anstatt zweier abgegrenzter Sprechstunden an den Wochenenden, konnten sich die Patienten nun durchgehend vorstellen - von 08 Uhr morgends bis 08 Uhr am nächsten Tag. Das verringerte die Wartezeit. Wieder so ein Meilenstein der verbesserten Versorgung. Ja, jetzt reihten sich nicht mehr die eniger dringlichen Fälle in die geregelte Sprechstunde ein. Jetzt mußte schon sortiert werden. An Krankenhausstandorten übernahmen das Personal des Krankenhauses die Einschätzung der Dringlichkeit. Wenn der klinische Arzt zur Verfügung stand, wurden die Patienten an diesen verwiesen. War der Chirurg im Operationssaal, dann kümmerte sich der Kasenarzt um die chirurgischen Notfälle - eine fachliche Bereicherung für manchen Augenarzt. Ob es Augenärze waren, die den Plastikbehälter der Weepers mißverstanden hatten. Da waren immer wieder Kanülen zur Entsorgung hineingworfen worden. Ja so verbesserte sich auch die Entsorgung von gefärlichen Materialien. Früher hatte doch tatsächlich mancher Feuerwehrmann den Dienst verrichtenden hausärztlichen Arzt im Notdienst gebeten, Kanülen nicht am Ort der Versorung zu belassen, sondern mitzunehmen.
Ja und dann die Veröffentlichungen unsere Lehrstuhlinhaber. Die Zeitschrift Hausarzt & Notfallmedizin war gerade eingestellt worden, da beschrieben unsere Professoren das bessere Vorgehen in der notfallmedizinischen Praxis. Alles neue Leute, hatte man nie im Notdienst gesehen. Und die Versorgungsforschung gar. In Berlin stellte man fest, dass die Landmannschafts keinerlei Einfluß auf die Konsultation des Notdienstes hatte. Das Geschlecht war natürlich nachteilig. Die Frauen erlitten Herzinfarkte - ja das hatte Ihnen keiner angesehen.
Also ehrlich, in den Notdienst ist soviel reingesteckt worden. Da standen in einer Notfallpraxis sogar zwei Ultraschallgeräte - das war vor der REform. Nach der Reform war sogar das Besteck für die Ohrenspülung weg.
Und Diclo-DEXA das war der Renner. Schützte auch vor Allergien wegen des Kortinsons. Die Kassenärztliche Vereinigung lieferte das neben Diazepam als Notfallbedarf für die Praxen. Da wurde die Pille davor und die Pille danach verordnet. Läuse, Zeckenbisse, Wurmbefall .. ein breites Spektrum von Krankheiten.
Ja, jetzt soll eine Diagnosenliste den Notfall ausmachen. Was wohl eine hypertensive Krise ausmacht oder einen hypertensiven Notfall? Das kann man nun alles kodieren. Vorher und das war vor der Reform, war dem Kasenarzt das Aufführen mehrerer Diagnosen geradezu verboten. Zumindest hat man es ihm vorgehalten: Was war denn davon eigentlich der Notfall. Der Fall sollte schlicht und einfach sein.
Leichenschauen haben die Ärze auch im Notdienst gemacht. Das können Sie jetzt eigentlich nicht mehr. Für jeden Sache ist ein Schein erorderlich. Bloß 1000 Leichenschauen erreichen die neuen zertifizierten Ärzte nicht.
Es war schon eine gute Zeit vor der Reform. Der Dienst war lang, die Arbeit überschaubar. Die Patienten waren gemütlich und der Doktor in guter Stimmung. Wenn der Doktor dann einen Notruf tätigte, dann pressierte es schon. Ja, diesen Patienten hat er auch noch ins Krankenhaus begleitet. Wieviel Patienten werden heute wohl intubiert übergeben?
Es gab Notdienstpraxen und Notdienstzentren, so wie der örtliche Bedarf war. Man traf sich mit dem klinischen Kollegen, nahm am Rettungsdienst teil. Da belächelte man den Radiologen, der eine Geldstrafe bei der Kammer für unzulässige Werbung in Form eines Röntgenpfeiles im Briefkopf seiner Praxis zu bezahlen hatte. Ja die Selbstverwaltung schaue schon genau drauf, dass Ordnung herrsschte. Das Praxisschild wurde mit dem Zollstockvermessen, damit keine werbemäßige Zurschaustellung eines Behandlungsangebotes durch Übergröße signalisiert würde. Die Verwaltung hat sich so richtig für den Hausarzt eingesetzt. Ich muß wohl auch gleich zur Krankenhausambulanz. Da bekomme ich meine Medikamente aufgeschrieben. Muß also Schluß machen. Wenn es zu spät wird, ist keine Apotheke in der Nähe geöffnet. Im Durchschnitt erreicht ja jeder Versicherte eine Notfallapotheke in 10 min in 10 km Umkreis. Bei uns liegt der Durchschnitt aber in einer anderen Stadt. Also verstehen, kann ich das Gejammer über die Entwicklung im Notfalldienst nicht.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige