ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2017Kommunikation: Die wichtigste Nebensache im OP

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Kommunikation: Die wichtigste Nebensache im OP

Holtel, Markus

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Sie wirkt. Jedoch anders als die meisten Nutzer es erwarten. Die WHO-Checkliste verbessert die Kommunikation im OP. Nicht das Ankreuzen von Checkboxen, sondern das Gespräch im Team erhöht die Patientensicherheit.

Foto: asiseeit/iStockphoto
Foto: asiseeit/iStockphoto

Das Bearbeiten der Surgical Safety Checklist oder WHO-Checkliste verbessert entscheidend den Arbeitsablauf bei einem operativen Eingriff. Richtig eingesetzt, beteiligt die Checkliste das gesamte Team. Vor allem das Team-time-out – das gemeinsame Innehalten unmittelbar vor dem Eingriff – schafft Raum für eine Fokussierung der Aufmerksamkeit und für Kommunikation. Erkenntnisse aller Mitarbeiter werden gehört. Der Informationsaustausch lässt sich über die Routinefragen hinaus um die Besonderheiten des Patienten ergänzen. Das ganze Team weiß beispielsweise nach einem Team-time-out um die Hör- und Sprechschwierigkeiten des regionalanästhesierten Patienten, um die überraschend auffälligen Laborwerte oder die vom Operateur erwartete größere Blutung. Aus Mitarbeitern werden Mitdenker.

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Drei Schritte für Patientensicherheit

Die WHO-Checkliste verlangt zu drei Zeitpunkten ein klares, kurzes Innehalten der beteiligten Berufsgruppen und Fachdisziplinen. Der Operateur ist dafür verantwortlich, dass die Checkliste konsequent eingesetzt wird. Er muss sie vor jedem Eingriff fordern und ihren Gebrauch sicherstellen. Abgearbeitet wird die Liste, indem sie laut vorgelesen wird. Die zuhörenden Kollegen bestätigen die Stichpunkte ihres eigenen Zuständigkeitsbereiches und nutzen gegebenenfalls die Chance, Kommentare und besondere Aspekte einzubringen.

Beim Sign-in vor Beginn der Anästhesie werden von den Anästhesiekräften die Identität des Patienten, Eingriff und Lokalisation sowie das Vorliegen der OP-Einwilligung geprüft. Außerdem geht es um technische Voraussetzungen (Puls-oximeter) sowie Besonderheiten des Patienten. Im Team-time-out unmittelbar vor dem Hautschnitt stellt sich das gesamte OP-Team einander vor – so weiß jeder um die Funktion und Berufserfahrung aller Beteiligten. Die Patientenidentität und die bevorstehende Operation werden ebenso angesprochen wie Eckdaten des Eingriffs. Abgefragt wird zudem, ob Instrumente und Materialien vollständig und steril sind und ob vorgesehene Antibiotika gegeben wurden. Bevor der Patient den Operationsraum verlässt, erfolgt das Sign-out. Dabei wird der Eingriff exakt bezeichnet, es werden die Instrumente auf ihre Vollständigkeit gezählt und entnommene Präparate gekennzeichnet. Außerdem werden Fehlfunktionen von Medizingeräten dokumentiert und die postoperative Behandlung besprochen.

Es ist jeder Einrichtung freigestellt, die Checkliste hausintern anzupassen. In übersichtlichen OP-Einheiten kann es beispielsweise überflüssig sein, dass sich die Beteiligten einander vorstellen. Auch dürfte es in deutschen OPs selbstverständlich sein, dass ein funktionierender Pulsoximeter und EKGs vorhanden sind. Besondere Fehlerquellen im eigenen Haus können dagegen zusätzliche Stichpunkte in der Checkliste anregen.

Checklisten wirken auf unterschiedlichen Ebenen

Checklisten im Allgemeinen verbessern Arbeitsabläufe unter drei Aspekten. Sie können wirken, indem sie

  • die Komplexität reduzieren
  • den Ablauf ritualisieren und
  • einen Rahmen für Kommunikation schaffen.

Der Mitarbeiter, der eine Checkliste durcharbeitet, muss nicht mehr jeden Einzelschritt aus dem Gedächtnis abrufen. Die Liste erinnert ihn an wichtige Inhalte und reduziert damit die Komplexität. Dies ist vor allem hilfreich für neue Mitarbeiter oder wenn Abläufe verändert wurden. Manchmal gibt es auch eine bevorzugte, besonders effiziente Abfolge von Prüfschritten. Eine Checkliste hilft dann, diese Reihenfolge einzuhalten. Wenn die Checkliste sorgsam abgearbeitet ist, erübrigt sich die Dokumentation vieler Einzelschritte. Das Abhaken der Liste dokumentiert dennoch, dass die Prüfung ordnungsgemäß durchgeführt wurde.

Zum anderen ritualisiert die Checkliste die Sicherheitsprüfung. Indem die einzelnen Aspekte strukturiert abgefragt werden, wird die Liste zu einem selbstverständlichen und unverzichtbaren Teil des Routineablaufs. Dies gilt umso mehr, wenn die Checkliste von mehreren Mitarbeitern gemeinsam bearbeitet wird. Das festgelegte Ritual stellt außerdem sicher, dass das Team sich vorher über die relevanten Prüfschritte geeinigt hat und alle Mitarbeiter einheitlich vorgehen.

Ihren kommunikativen Effekt schließlich entfaltet eine Checkliste, indem sie laut im Team vorgetragen wird. So fokussieren mehrere Mitarbeiter gemeinsam ihre Aufmerksamkeit. Tauschen sie auch über die abgearbeiteten Stichpunkte hinaus Informationen aus, können sie wichtige Erkenntnisse für den weiteren Ablauf erhalten oder sich gegenseitig für unerwartete Konstellationen und Risiken sensibilisieren.

Mancher hoch qualifizierte Mitarbeiter in der Klinik mag die WHO-Checkliste als Bevormundung oder ein Infragestellen seiner Qualifikation erleben. Es geht aber im Gegenteil darum, ihm Raum für seine Kerntätigkeit zu verschaffen. Eine verbesserte Kommunikation bindet das gesamte Team ein, nutzt dessen Ressourcen und entlastet die Akteure von Nebenaspekten. So können sie sich auf ihre wesentliche Aufgabe konzentrieren.

Konsequentes Bearbeiten unerlässlich

Diese positiven Wirkungen kann die Checkliste aber nur entfalten, wenn sie ernst genommen wird. Versuche, sie an einzelne Beteiligte zu übertragen und damit zu übergehen, dass alle ihre Aufmerksamkeit gemeinsam fokussieren, müssen dringend unterbunden werden. Gelegentlich bearbeiten Teams die Liste auch zu anderen als den vorgesehenen Zeitpunkten. Durch diesen halbherzigen Einsatz verliert sie jedoch ihre Wirkung, das Risiko für den Patienten kann sich sogar erhöhen.

Die hausintern individualisierte Checkliste muss daher konsequent und akkurat bearbeitet werden. Dafür sind die Führungskräfte einer Einrichtung und das OP-Management verantwortlich. Nur so bewirkt sie einen Sicherheitsgewinn für den Patienten.

Dr. med. Markus Holtel

Die Surgical Safety Checklist der WHO

Die World Health Organization (WHO) beschäftigte sich vor 15 Jahren mit der Verbesserung der Patientensicherheit im OP. Nach Vorbildern aus Bauwirtschaft und Flugzeugbau, Hotellerie und Finanzwesen entschied man sich für eine einfache Checkliste statt aufwendiger technischer Lösungen. Seit 2008 empfiehlt die WHO den Einsatz der Surgical Safety Checklist.

Im üblichen operativen Patientenkollektiv ist mit drei Prozent unerwünschter Ereignisse zu rechnen, bei hoch technischen Eingriffen wie Herz- oder Neurochirurgie mit bis zu zwölf Prozent. Etwa 50 Prozent dieser Ereignisse werden als vermeidbar eingeschätzt. Fehler in der Medizin beruhen vielfach auf kommunikativen Problemen, lassen sich also durch bessere Kommunikation verhindern. Weltweite Studien belegen die Senkung der perioperativen Mortalität durch die WHO-Checkliste: Es passieren weniger Fehler und die Patientensicherheit erhöht sich.

Weitere Informationen zum Thema gibt die kostenfreie Broschüre „Kommunikation im OP“ aus der Reihe „Arbeitshilfe Bessere Kommunikation“. Diese wird erstellt von der AG Kommunikation im Qualitäts- und Risikomanagement der Gesellschaft für Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen.

http://www.gqmg.de/downloads/

Darüber hinaus stellt das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin auf seiner Webseite eine Toolbox zur Vermeidung von Eingriffsverwechslungen bereit. Darin sind unter anderem neun Checklistenversionen enthalten, die auf dem WHO-Projekt „Action on Patient Safety: High 5s“ basieren und beispielsweise mit der WHO-Liste kombiniert sind.

http://daebl.de/XC58

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