POLITIK: Das Gespräch

Gesundheitspolitik: Das Gespräch mit Dr. rer. soc. Thomas Kriedel, Dr. med. Andreas Gassen, Dr. med. Stephan Hofmeister, KBV-Vorstände – Den ärztlichen Sachverstand nutzen

Dtsch Arztebl 2017; 114(40): A-1788 / B-1521 / C-1491

Beerheide, Rebecca; Schmedt, Michael

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Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt macht das Vorstandstrio der Kassenärztlichen Bundesvereinigung klar, dass sie sich in der nächsten Legislaturperiode aktiv an der Verbesserung der medizinischen Versorgung beteiligen will.

Fotos: Jürgen Gebhardt
Fotos: Jürgen Gebhardt

Während Union, FDP und Grüne nach der Bundestagswahl noch um Grundsätzliches ringen, um eine sogenannte Jamaika-Koalition zustande zu bringen, sind sich die drei Vorstände der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) für die nächste Legislaturperiode einig: Die Digitalisierung und die Patiensteuerung in der Notfallversorgung sind zwei Themen, die in der nächsten Legislaturperiode angegangen werden müssen.

„Wichtig ist, dass die Notfallversorgung im Koalitionsvertrag benannt wird“, fordert KBV-Vorstandsvorsitzender Dr. med. Andreas Gassen. Hierfür haben die KBV und der Marburger Bund einen Vorschlag erarbeitet (DÄ 39/2017). Damit sollen Ressourcen besser verteilt und Krankenhausärzte entlastet werden. „Wichtig ist auch, dass der Bürger immer das gleiche machen muss, wenn er Hilfe sucht“, ergänzt der stellvertretende KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Stephan Hofmeister. Er zeigt sich überzeugt, dass mit dem Konzept sowohl Geld gespart als auch die Menschen besser versorgt werden. „Es kann nicht mehr sein, dass künftig jeder hingeht, wohin er will“, sagt Gassen. Und was nicht in den Koalitionsvertrag darf, ist für den Düsseldorfer Orthopäden auch klar: Weitere Regelungen, die die Selbstverwaltung in ihrem Handeln einschränken.

Für KBV-Vorstandsmitglied Dr. rer. soc. Thomas Kriedel ist in puncto Digitalisierung die elektronische Patientenakte (ePA) das Herzstück der Tele­ma­tik­infra­struk­tur. Das machen die vielfältigen Entwicklungsanstrengungen der Akteure des Gesundheitswesens deutlich. Die Krankenkassen entwickeln eigene Akten und auch die Hochschulmedizin arbeitet an einer vernetzen Patientenakte. Kriedel, auch Vorsitzender der Betriebsgesellschaft gematik, warnt aber vor einem Wildwuchs verschiedener ePA, die untereinander nicht interoperabel sind.

„Denn was passiert, – was nicht selten vorkommt – wenn der Patient die Kasse wechselt? Die Daten müssten gelöscht, Altdaten portiert und neu aufgespielt werden. Das ist einfach nicht praktikabel“, meint Kriedel. „Technisch und semantisch kann es in der Datenstruktur immer nur eine Regelung geben“, ergänzt er. Was dahinter liegt, kann seiner Meinung unterschiedlich sein. Er vergleiche das gern mit dem Auto, in dem das Gaspedal immer ganz rechts sei. Dennoch gäbe es in der Autobranche Wettbewerb. Es seien die Rahmenbedigungen, auf die man sich einigen müsste. Hier wolle die KBV eine koordinierende Rolle einnehmen. Man schaue sich den Markt genau an, um passende Regelungen für die ePA erarbeiten zu können, um eine gute Gesamtlösung zu schaffen. Hier sei vor allem auch ärztlicher Sachverstand gefragt, den diese müssten schließlich mit den digitalen Instrumenten arbeiten.

„Die ePA soll schließlich die Versorgung verbessern, aber die Rahmenbedingungen müssen vom Arzt mitbestimmt werden“, fordert Kriedel. Gerade im Bereich der Datenübermittlung dürfe der Arzt aber „mit Informationen überflutet werden“, sagt KBV-Vorstand Hofmeister. „Abgesehen von technischer Machbarkeit auf der einen und einer zu gewährleistenden Synchronität und Interoperabilität der Arztgruppen untereinander müsse gewährleistet sein, dass der Arzt eine Patientenakte auch in vollem Umfang haftungsrechtlich abgesichert bewältigen kann“, fordert er. Oft gäbe es hier auch falsche Vorstellungen. „Eine digitale Patientenakte kann nicht heißen, dass der Arzt eine PDF-Datei mit 400 Seiten als ePA in seinem Praxisverwaltungssystem hat. Das ist keine praktikable Lösung“, moniert Hofmeister. „Digital hört sich immer gut an, aber es muss auch in praxi funktionieren. Dafür müssen noch viele Fragen geklärt werden“, ergänzt Kriedel. Dass sich das Arzt-Patienten-Verhältnis durch die ePA ändere, glauben Hofmeister und Gassen nicht. „Sie müssen dem Patienten vermitteln, dass sie sich mit seinem Problem intensiv und individuell auseinandersetzen“, sie müssen auch weiterhin mit ihm reden, so Gassen. Die ePA kann das Patientengespräch mit dem Patienten nicht ersetzen, erst recht nicht, wenn man Hunderte Seiten durchsuchen müsse, ergänzt Hofmeister.

Daher fordern die KBV-Vorstände unisono eine anwendungsorienterte E-Health-Strategie mit konkreten Zielen, um das Potenzial der Digitalisierung ausschöpfen zu können. Die KBV hat ihre Vorstellungen jetzt in zwei Positionspapieren zur Digitalisierung und zur elektronischen Patientenakte veröffentlicht (www.aerzteblatt.de/n80571).

Neue Strategien finden und alte überdenken – darum geht es auch bei der Gewinnung und Überzeugung von Nachwuchsmedizinern und in der Kommunikation nach außen. Die KBV hatte in den vergangenen Jahren in mehreren Kampagnenwellen für die Niederlassung als interessante Option für junge Ärzte geworben. Zum Ende des Jahres läuft die Kampagne nun aus, „wir werden aber Teile bewahren und weiterführen“, erklärt Gassen. Kurzfristige Erfolge könnten aber nicht abgeleitet werden. „In der Medizin kann man nur über längere Sicht Erfolge zeigen. Wir haben aber einen Imagewandel für die Niederlassung eingeleitet“, sagte Hofmeister. Dabei soll nach seiner Ansicht künftig die positiven Seiten des Arzt-Seins sowie die Einzigartigkeit der Selbstverwaltung viel mehr in den Blick genommen werden. „Wir müssen betonen, dass wir diesen schönen Beruf haben und zeigen, dass man davon auch leben kann.“

Nun sei es aber an der Zeit, sich darüber zu unterhalten, ob die „Richtigen“ Medizin studieren. Überlegungen aus der Politik, beispielsweise bei der Studienplatzvergabe eine Landarztquote einzuführen, lehnt das Führungstrio der KBV ab. Auch Gedankenspiele, ohne Konzept mehrere Tausend Ärzte mehr auszubilden, um den möglichen Ärztemangel abzufangen, halten sie für nicht zielführend. Um junge Mediziner, die ihre Approbation verliehen bekommen haben, auch von der kurativen Tätigkeit zu überzeugen, benötige es nun neue Ideen. „Wir müssen damit umgehen, dass das Konkurrenzangebot für Menschen, die Medizin studiert haben, groß ist“, sagt Hofmeister. Daher müsste die Ärzteschaft an der Attraktivität des Berufes weiterarbeiten. Aus Hofmeisters Erfahrung ist die angestellte Tätigkeit in einer Praxis, die laut Umfragen sehr viele junge Mediziner wünschen, ein dauerhafter Zustand bleiben soll.

Rebecca Beerheide, Michael Schmedt

Zu den Personen

Dr. rer. soc. Thomas Kriedel (links) ist seit 2017 Mitglied des KBV-Vorstandes. Der 68-jährige Volkswirt war von 2005 bis 2016 Mitglied im Vorstand der KV Westfalen-Lippe.
Dr. med. Andreas Gassen (Mitte) ist seit 2014 der Vorstandsvorsitzende der KBV. Der 55-jährige Orthopäde ist seit 1996 niedergelassen als Facharzt.

Dr. med. Stephan Hofmeister (rechts) ist seit 2017 stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV. Der 51-jährige Hausarzt war seit 2014 stellvertretender Vorsitzender der KV Hamburg.

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