ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2017Geburtshilfe: Staatlicher Haftungsfonds
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... Es (ist) unverzichtbar, die Situation der geburtshilflich tätigen Belegärzte in Deutschland, die in den letzten Jahrzehnten eine bedeutende Rolle bei der geburtshilflichen Versorgung gespielt haben, näher zu beleuchten. Es gibt zwar keine allgemeine Statistik zur Zahl der geburtshilflich tätigen Belegärzte, allerdings geht aus den Angaben der R+V-Versicherung (bei der im Rahmen des Gruppenvertrages des Berufsverbandes wohl die meisten deutschen Geburtshilfe-Belegärzte versichert sein dürften) hervor, dass im Jahre 2009 noch 389 Belegärzte für geburtshilfliche Tätigkeit versichert waren, im Jahre 2014 nur noch 90, was einem Rückgang um 77 Prozent entspricht.

Zweifellos kann die Existenz von kleinen geburtshilflichen Abteilungen mit weniger als 400 Geburten im Jahr kritisiert werden, da angenommen wird, dass angesichts der geringen Geburtenfrequenz die für eine erfolgreiche geburtshilfliche Leistung erforderliche Expertise verloren geht.

Auch gegen die Forderung einer Zentralisierung von Risikoschwangeren und (anzunehmenden) Risikogeburten in Perinatalzentren kann nichts eingewendet werden. Die Schließung von „mittelgroßen“ geburtshilflichen Abteilungen mit Geburtenzahlen zwischen >500 und <1 000/Jahr (meistens handelt es sich hierbei um Belegkliniken) allerdings führt zu einer Verschlechterung der Versorgungssituation von Nichtrisiko-Schwangeren und (anzunehmenden) Nichtrisiko-Geburten.

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Während an Kliniken mit Geburtenzahlen zwischen 500 und 1 000 pro Jahr in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle die 1:1- Versorgung einer Kreißenden durch eine Hebamme gewährleistet werden kann, liegt der Schwerpunkt der Betreuung an Perinatalzentren (oftmals mit >2 000 Geburten/Jahr) – verständlicherweise – bei den Risikogeburten. Der „Nichtrisiko-Kreißenden“ wird angesichts des persistierenden Hebammen- und Ärztemangels nicht die Aufmerksamkeit zuteil, die an kleineren Häusern nahezu selbstverständlich ist.

Der Grund für die Abnahme der Zahl belegärztlich tätiger Geburtshelfer liegt insbesondere an dem Anstieg der Haftpflichtprämien, der in den letzten Jahren zu verzeichnen ist. Betrug im Jahre 2000 die Prämie weniger als 6 000 Euro/Jahr, so liegen heute die angebotenen Prämien zwischen 50 000 Euro und 80 000 Euro. Angesichts der Honorierung einer Spontangeburt (die „Betreuung und Leitung einer Geburt“ bei einer gesetzlich Versicherten wird nach EBM-Ziffer 08411 mit 251,41 Euro honoriert, die Entbindung einer Privatversicherten nach Ziffer 1022 GOÄ für den „Beistand bei Risikogeburt“ mit 174,27 Euro) ist den Geburtshelfern eine wirtschaftliche Tätigkeit nicht mehr möglich.

Die Gründe für den immensen Anstieg der Höhe der Haftpflichtprämien ... liegen nicht etwa in einer Zunahme der Anzahl geburtshilflicher Schadensfälle ..., sondern in der Höhe der von den Gerichten zuerkannten Schadenssummen (der mittlere Schadensaufwand pro schweren Geburtsschaden betrug im Jahre 2003 1,5 Millionen Euro , im Jahre 2012 2,6 Millionen Euro).

Eine weitere Zentralisierung der Geburtshilfe scheint politisch und auch von maßgeblichen Vertretern des Faches gewünscht. Die Nachteile dieser Vorgehensweise sind jedoch vielfältig. Neben der oben beschriebenen Problematik der adäquaten Zuwendung bei der Betreuung Nichtrisiko-Schwangerer im Kreißsaal darf nicht übersehen werden, dass die „großen“ geburtshilflichen Kliniken (insbesondere die Perinatalzentren) aufgrund des Personalmangels eine Zunahme der Geburtenzahlen nicht ohne Qualitätseinbußen bewerkstelligen können. Die Abweisung von Schwangeren mit Wehen aus Kapazitätsgründen stellt in deutschen Geburtskliniken keine Seltenheit dar ....

Die Problematik der inakzeptabel hohen Versicherungsprämien für geburtshilflich tätige Hebammen und Belegärzte könnte durch die Schaffung eines staatlichen Haftungsfonds für geburtshilfliche Schäden entschärft werden; so wäre eine verantwortungsvolle belegärztliche Geburtshilfe und eine flächendeckende Versorgung schwangerer Frauen in Deutschland deutlich einfacher zu erreichen.

Prof. Dr. med. Martin Kolben, 82166 Gräfelfing

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