MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Ängste, Depressionen und Zwänge: Placebos bei Jüngeren besser als Antidepressiva

Dtsch Arztebl 2017; 114(40): A-1812 / B-1541 / C-1509

Gießelmann, Kathrin

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Im Vergleich zu Placebo wirken Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen zwar signifikant, aber nur geringfügig besser. Der Unterschied schwankt je nach Art der psychischen Störung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Meta-Analyse der Daten von mehr als 6 500 Kindern und Jugendlichen in einem Alter von bis zu 18 Jahren, die Forscher der Universität Basel und der Harvard Medical School in JAMA Psychiatry veröffentlicht haben (1).

In der Meta-Analyse wurden 17 Studien zu Depressionen, zehn zu Angststörungen, acht zu Zwangsstörungen und eine zu der posttraumatischer Belastungsstörung verglichen. Der Placeboeffekt von Antidepressiva, wie den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SNRI) könnte vor allem bei Depressionen eine Rolle spielen.

Denn in Medikamentenstudien wirkten Placebos bei depressiven Patienten stärker als bei solchen mit einer Angststörung. Umgekehrt hatten Antidepressiva bei Angststörungen eine größere spezifische Wirkung als bei depressiven Störungen. Die statistischen Wirkunterschiede berechneten die Forscher dabei mit der Effektgröße, dem Hedge oder g-Wert. Liegt der statistische Wert g zwischen 0,2 und 0,5, spricht dies für einen kleinen Effekt. Liegt er zwischen 0,5 und 0,8, entspricht dies einem mittleren Effekt und für alle g-Werte über 0,8 einem starken. Es zeigte sich, dass g für SSRI/SNRI versus Placebo für alle untersuchten psychischen Krankheitsbilder bei 0,32 lag, für Angststörungen bei 0,56, für Depressionen bei 0,20 sowie für Zwangsstörungen bei 0,39 lag, und somit nie für starke Effektesprach. Nur für Angststörungen ergab sich ein mittlerer Effekt (g = 0,56).

Erneut zeigt sich, dass unter Antidepressiva mehr Nebenwirkungen auftreten als unter Placebo. Die Nebenwirkungen reichten von leichten Symptomen wie Kopfschmerzen bis hin zu suizidalen Handlungen.

Fazit: Die Autoren leiten aus den Ergebnissen ab, dass man diejenigen Faktoren, die bei Depressionen zum Placeboeffekt beitragen, gezielt nutzen sollte. Es komme darauf an, das Verhältnis zwischen klinischem Nutzen und möglichen Nebenwirkungen im Gespräch mit dem behandelnden Arzt individuell abzuklären, sagt Erstautorin Cosima Locher. Kathrin Gießelmann

  1. Locher C, Koechlin H, Zion SR, et al. : Efficacy and Safety of Selective Serotonin Reuptake Inhibitors, Serotonin-Norepinephrine Reuptake Inhibitors, and Placebo for Common Psychiatric Disorders Among Children and Adolescents. JAMA Psychiatry 30. Aug. 2017 doi:10.1001/jamapsychiatry.2017.2432.

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U L I Sappok
am Sonntag, 22. Oktober 2017, 21:20

Interesse an der Original Studie für die Lehre

Im Rahmen unseres Wahlfaches Mind Body Medizin ist eine Kursteil:
Plazebo Nozebo
Diese aktuelle Studie wäre eine schöne aktuelle Quelle für die Studierenden.
Können Sie die mir zumailen an team (at) mbmdus.de
Danke
U. Sappok

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