ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2017Substitution opioidabhängiger Patienten: Aufwertung ärztlicher Kompetenz

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Substitution opioidabhängiger Patienten: Aufwertung ärztlicher Kompetenz

Dtsch Arztebl 2017; 114(40): A-1794 / B-1527 / C-1497

Bühring, Petra

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Die Bundes­ärzte­kammer hat eine neue Substitutionsrichtlinie erarbeitet. Damit erhalten substituierende Ärzte mehr Rechtssicherheit. Drogenabhängige können nun nach dem aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft behandelt werden.

Methadon, Levomethadon und Buprenorphin werden vorrangig in der Substitutionsbehandlung eingesetzt. Foto: dpa
Methadon, Levomethadon und Buprenorphin werden vorrangig in der Substitutionsbehandlung eingesetzt. Foto: dpa

Die Abhängigkeit von illegal erworbenen Opioiden ist eine schwere chronische Krankheit, die in der Regel lebenslang behandelt werden muss. Die substitutionsgestützte Behandlung ist für die meisten Opioidabhängigen die Therapie der Wahl. Sie kann zur Reintegration beitragen und den Betroffenen helfen, nicht mehr straffällig zu werden. 2016 befanden sich 78 500 Suchtkranke in einer Substitutionsbehandlung. Grundlage für eine solche ist die Substitutionsrichtlinie der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), die am 2. Oktober in einer neuen Fassung in Kraft getreten ist (siehe Seite 1829 in diesem Heft).

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Mit der Novellierung der Betäubungs­mittel­verschreibungs­verordnung (BtMVV) im Mai hat der Gesetzgeber langjährige Forderungen der Ärzteschaft erfüllt und die Regelung medizinisch-therapeutischer Aspekte der Substitutionsbehandlung ausschließlich in die Richtlinienkompetenz der BÄK überführt. „Dadurch kann die Behandlung nun nach dem aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft und dem im Einzelfall Erforderlichen erfolgen. Sie unterliegt damit nicht mehr starren gesetzlichen Regelungen, die bislang immer auch die Gefahr von Strafverfahren nach sich zogen“, sagt Dr. med. Josef Mischo, der als Vorsitzender der AG Sucht und Drogen gemeinsam mit dem Präsidenten der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, Dr. med. Erik Bodendieck, und einer Expertengruppe die Richtlinie erarbeitet hat.

Die neue Substitutionsrichtlinie regelt nun die Therapieziele, die Voraussetzungen für die Einleitung und Fortführung der Substitutionstherapie sowie das Therapiekonzept. Letzteres umfasst die Auswahl des Substitutionsmittels, die Bewertung und Kontrolle des Therapieverlaufs, die Voraussetzungen für die Take-Home-Verschreibungen sowie die Entscheidung über psychosoziale Maßnahmen. Zudem werden Anforderungen an die ärztliche Dokumentation bestimmt.

Mehr Toleranz zur Abstinenz

Zentrales Therapieziel der Substitution war bisher eine umfassende Opioidabstinenz, die in der Praxis jedoch kaum zu erreichen ist. Die neue Richtlinie erweitert das Spektrum nun um für den Patienten individuell mögliche Therapieziele. Künftig reicht es aus, wenn der Arzt in einem „motivierenden Gespräch“ eine Opioidabstinenz thematisiert und dies dokumentiert. Für die Entscheidung, ob eine Substitutionstherapie indiziert ist, ist künftig der Nutzen gegenüber den Gefahren eines unkontrollierten Drogenkonsums abzuwägen. Damit wird die ärztlich-therapeutische Entscheidung aufgewertet. Das ist ebenso der Fall in Bezug auf das Therapiekonzept. Es besteht die Möglichkeit, auch bei bestehendem Beikonsum, inklusive Alkohol, eine Substitutionsbehandlung durchzuführen, wenn die möglichen Risiken berücksichtigt und gegebenenfalls begleitend behandelt werden.

Eine psychosoziale Betreuung, die die Behandlungsergebnisse der oftmals psychisch kranken Drogenabhängigen verbessern kann, soll wie bisher regelhaft empfohlen werden. Neu ist, dass bei substituierten Jugendlichen immer eine psychosoziale Betreuung miteinbezogen werden muss.

Die sogenannten Take-Home-Verschreibungsmöglichkeiten zur eigenverantwortlichen Einnahme von Methadon und anderen Mitteln wurde ausgeweitet. In „begründeten Einzelfällen“ bei besonders stabilen Patienten kann das Mittel für bis zu 30 Tage mitgegeben werden.

Substitutionsmittel können zukünftig auch in Rehabilitationseinrichtungen, Alten- und Pflegeheimen und Hospizen auf Veranlassung des substituierenden Arztes und zum unmittelbaren Verbrauch verabreicht werden. Die Einrichtung muss „eine für die Substitution verantwortliche Person“ benennen. Grundsätzlich wurde die Konsiliarregelung, die die gemeinsame Behandlung mit suchtmedizinisch nicht erfahrenen Ärzten ermöglicht, von drei auf zehn Patienten ausgeweitet.

Petra Bühring

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