ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2017Genomchirurgie: Weckruf des Ethikrates

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Genomchirurgie: Weckruf des Ethikrates

Dtsch Arztebl 2017; 114(40): A-1775 / B-1511 / C-1481

Richter-Kuhlmann, Eva

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Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann, Politische Redaktion
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann, Politische Redaktion

Als die molekularbiologische Revolution des 21. Jahrhunderts bezeichnen Wissenschaftler bereits seit einigen Jahren die neuen Methoden der Genomveränderung mittels Genscheren wie CRISPR/Cas9. Angesichts der unerwartet rasanten Fortschritte in diesem Forschungsbereich mahnte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina erst jüngst auf ihrer Jahresversammlung eine breite gesellschaftliche Debatte über die als genome editing bekannten Techniken an, mit denen sich schnell, präzise und kostengünstig Veränderungen im Erbgut von Pflanzen, Tieren und Menschen vornehmen lassen (DÄ, Heft 39/2017). Doch Politik und Gesellschaft befinden sich diesbezüglich leider noch immer in einem Dornröschenschlaf.

Aus diesem versucht der Deutsche Ethikrat jetzt wach zu rütteln: Mit einer (selten) einstimmig verabschiedeten und eindringlich formulierten Stellungnahme vom 29. September fordern die 26 Ratsmitglieder den neu gewählten Bundestag und die künftige Bundesregierung auf, das Thema schnellstmöglich auf die Agenda zu setzen.

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Dies ist dringend notwendig. Denn momentan werden weder in Deutschland noch international die möglichen Veränderungen der menschlichen Keimbahn hinreichend breit und intensiv diskutiert. Die Genomchirurgie (das Wort ist interessanterweise bereits positiv besetzt) scheint vielen weit weg von tatsächlichen Anwendungen am Menschen zu sein.

Dies war sie auch noch vor ein oder zwei Jahren. Doch im August veröffentlichte eine Forschergruppe unter Federführung der Oregon Health & Science University Portland erfolgversprechende Forschungsergebnisse zur Therapie der dominanten MYBPC3-assoziierten Kardiomyopathie mittels genome editing. Sie erreichten bereits bessere Ergebnisse als die chinesischen Forscher, die 2015 und 2016 versuchten, mit genome editing die genetische Veranlagung zur Thalassämie zu korrigieren. Auch die Bewertung ethischer Verantwortbarkeit solcher Eingriffe befindet sich im Wandel, wie an den Empfehlungen amerikanischer Akademien vom Februar zu erkennen ist, die mittlerweile auf eine an Kriterien orientierte grundsätzliche Erlaubnis zielen. Die Politik hält sich jedoch immer noch zurück.

Die Debatte über die Folgen der neuen molekularbiologischen Forschung sei aber keine interne Angelegenheit der wissenschaftlichen Gemeinschaft, mahnt der Ethikrat. Sie sei auch keine Frage eines einzelnen Landes. Vielmehr müssten die politischen Institutionen „Wege finden und Verfahren einleiten, um die zahlreichen noch offenen Fragen und möglichen Konsequenzen systematischer Genommanipulationen durch genome editing intensiv, differenziert und vor allem weltweit zu erörtern und gebotene regulatorische Standards möglichst schnell und umfassend zu etablieren“, so sein Appell an die deutsche Politik. Konkret schlägt der Rat eine internationale Konferenz auf der Ebene der Vereinten Nationen, global verbindliche Sicherheitsstandards oder völkerrechtliche Konventionen vor.

Dies ist keineswegs übertrieben. Denn in der Tat: Erstmals in der Wissenschaftsgeschichte geht es um die Entwicklung und möglicherweise den Einsatz medizinischer Maßnahmen, die nicht nur einen Menschen betreffen, sondern „Generationen noch nicht gezeugter Nachkommen unbestimmter Zahl“.

Eva Richter-Kuhlmann
Politische Redaktion

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