ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2017Sehnervenerkrankung: Risikofaktoren für nichtarteriitische Optikusneuropathie identifiziert

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Sehnervenerkrankung: Risikofaktoren für nichtarteriitische Optikusneuropathie identifiziert

Dtsch Arztebl 2017; 114(40): A-1811 / B-1540 / C-1508

Gerste, Ronald D.

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Die nichtarteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie (NAION) manifestiert sich als akute einseitige Sehverschlechterung ohne Augenbewegungsschmerz mit obligater Papillenschwellung. Die Schwellung bildet sich in 1–2 Monaten zurück, hinterlässt aber eine Atrophie und das Sehvermögen bessert sich in der Regel kaum. Meist ist kein inflammatorisches Geschehen festzustellen, sodass eine vaskuläre Minderversorgung
als primäre Ursache dieser oft plötzlich auftretenden Erkrankung gilt. Die Patienten haben häufig sehr kleine Sehnervenpapillen, vermutlich auch kleinere Ziliararterien und möglicherweise eine schlecht kollateralisierte Gefäßversorgung.

Um Risikofaktoren für die Optikusneuropathie zu identifizieren, haben Forscher aus den USA in einer retrospektiven Kohortenstudie die Datenbank eines großen Managed-Care-Providers analysiert.

Von den erfassten > 1,3 Mio. Personen erlitten 977 im Verlauf von circa 8 Jahren eine NAION. Diese Patienten waren zum Zeitpunkt der Sehnervenerkrankung durchschnittlich 64 Jahre alt und damit älter als der Durchschnitt des Kollektivs mit 58,4 Jahren. Mit jedem zusätzlichem Jahr gegenüber dem Durchschnitt stieg die Erkrankungswahrscheinlichkeit um 2 % an (Hazard Ratio [HR]: 1,02; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [1,01; 1,03]. Frauen hatten gegenüber Männern ein um 36 % reduziertes Risiko, an einer NAION zu erkranken (HR: 0,64; [0,55; 0,74]). Auch in der Ethnie der Hispanics war das Risiko für die Optikusneuropathie geringer (HR: 0,54; [0,36; 0,82]).

Als wichtigste Risikofaktoren unter den systemischen Erkrankungen identifizierten die Forscher die Hypertonie (HR: 1,62; [1,26; 2.07]) und Hyperkoagulabilitäten (HR: 2,46; [1,51; 4,00]) wie zum Beispiel das Antiphospholipid-Syndrom und die Protein-C-Insuffizienz. Diabetes mellitus prädestinierte bei unkompliziertem Verlauf nicht zur NAION, allerdings ein Diabetes mit Endorganschäden (HR: 1,27; [1,01; 1,59]). Die NAION war außerdem mit zwei vergleichsweise häufigen vaskulären Netzhauterkrankungen assoziiert: der altersabhängigen Makuladegeneration (HR: 1,29; [1,08; 1,54]) und dem Verschluss einer Netzhautvene (HR: 3,94; [3,11; 4,99]).

Fazit: „Die Ergebnisse der Studie sind interessant“, kommentiert Prof. Dr. med. Helmut Wilhelm von der Universitätsaugenklinik Tübingen. Zum Teil seien sie neu, zum Teil bestätige die Studie bereits bekannte Risikofaktoren, zum Teil aber gebe es Abweichungen von bisherigen Untersuchungsergebnissen, so der Neuroophthalmologe. Insgesamt sei die NAION mit einer Inzidenz von circa 1:10 000 eine seltene Erkrankung, sie habe aber die Tendenz, auch das zweite Auge zu befallen, sodass Hinweise für die Sekundärprophylaxe wünschenswert seien. „Wir wissen aus vielen vorangegangenen Studien, dass Diabetes mit und ohne Komplikationen bei der NAION doppelt so häufig vorkommt wie bei altersgleichen Kollektiven“, erläutert Wilhelm. „In dieser Studie war dies so nicht nachzuweisen und das ist auffällig. Außerdem stellt sich die Frage, ob Venenverschluss und altersabhängige Makuladegeneration gelegentlich mit einer NAION verwechselt werden und Assoziationen mit der Optikusneuropathie deshalb gefunden wurden.“

Dass Hyperkoagulopathien offenbar auch im höheren Alter eine größere Rolle spielen, müsse man zur Kenntnis nehmen. Bislang sei nur bei jüngeren Patienten danach gesucht worden. „Auch Herzinfarkt scheint bei NAION häufiger zu sein, sodass sich die Suche nach vaskulären Risikofaktoren in jedem Fall lohnt“, meint Wilhelm. Bestätigt habe sich das häufigere Auftreten einer Schlafapnoe bei Patienten mit NAION. Dr. med. Ronald D. Gerste

Cestari DM, Gaier ED, Bouzika P, Blachley TS, De Lott LB, et al.: Demographic, systemic, and ocular factors associated with nonarteritic anterior ischemic optic neuropathy. Ophthalmology 2016; 123: 2446–55.

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