POLITIK

Arzneimittel: Neue Medikamente werden teurer

Dtsch Arztebl 2017; 114(41): A-1849 / B-1571 / C-1537

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Im ersten Jahr nach Markteinführung können Pharmafirmen die Preise ihrer Medikamente frei festlegen. Manche nutzen diese Möglichkeit, um „Wucherpreise“ zu verlangen, kritisieren die Herausgeber des Arzneiverordnungs-Reports.

Die Arzneimittelausgaben sind im vergangenen Jahr um 1,4 Milliarden Euro (+ 3,9 Prozent) auf 38,5 Milliarden Euro angestiegen. Das geht aus dem aktuellen Arzneiverordnungs-Report (AVR) 2017 hervor, der von der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) herausgegeben wurde. Die Ursache für diese Entwicklung sehen die Autoren insbesondere in den Preisen neu auf den Markt gekommener Arzneimittel.

Umsatzstärkste Arzneimittelgruppen 2016
Tabelle
Umsatzstärkste Arzneimittelgruppen 2016

Infolge des Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetzes (AMNOG) ist es den Herstellern zur Markteinführung möglich, den Preis ihres neuen Medikamentes frei zu wählen. Erst nach einem Jahr gilt der Betrag, den der GKV-Spitzenverband mit dem Hersteller ausgehandelt hat. „In keinem anderen europäischen Land müssen die Krankenkassen zuerst zahlen, bevor sie einen Preis verhandeln“, kritisierte Prof. em. Dr. med. Ulrich Schwabe, einer der Herausgeber des AVR, auf dessen Vorstellung Anfang Oktober. Dahinter steht der Vorwurf, dass die Pharmafirmen mit extrem hohen Preisen in den Markt gehen, um die zu erwartenden Preisnachlässe infolge der Verhandlungen mit den Krankenkassen auszugleichen.

„Das schlimmste Beispiel für eine solche Preisstrategie ist das Präparat Tecfidera® zur Behandlung der Multiplen Sklerose“, sagte Schwabe. „Es kam in Deutschland mit einem um 80 Prozent höheren Preis als in den Niederlanden auf den Markt. Das liegt schon an der Grenze zum Wucherpreis.“ Die frühe Nutzenbewertung durch den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss habe im Anschluss keinen Zusatznutzen ergeben. So habe der Hersteller bei den Preisverhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband eine Preissenkung von 42 Prozent akzeptiert.

„Bis dahin hatte die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) aber schon 254 Millionen Euro gezahlt“, sagte Schwabe. „Bei rückwirkender Geltung des Erstattungsbetrags ab der Markteinführung hätte sie hingegen nur 150 Millionen Euro zahlen müssen. Die GKV musste also für Tecfidera im ersten Jahr nach der Markteinführung 104 Millionen Euro mehr bezahlen, als das Medikament wert war.“

Der Geschäftsführer des WIdO, Jürgen Klauber, nannte ein weiteres Beispiel für die steigenden Preise neuer Arzneimittel. So liege der durchschnittliche Packungspreis für Arzneimittel, die in den vergangenen drei Jahren auf den Markt gekommen sind, bei 4 800 Euro, während der durchschnittliche Packungspreis aller patentgeschützten Medikamente bei 2 600 Euro liege.

Darüber hinaus wies der AVR auch Einsparungen durch Rabattregulierungen aus: 2016 sparten die Rabattverträge den Krankenkassen 3,9 Milliarden und die Erstattungsbeträge infolge der Preisverhandlungen zwischen Krankenkassen und Hersteller 1,4 Milliarden Euro.

Falk Osterloh

Anzeige
Umsatzstärkste Arzneimittelgruppen 2016
Tabelle
Umsatzstärkste Arzneimittelgruppen 2016

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige