ArchivDeutsches Ärzteblatt41/1999Schwerhörigkeit bei Kindern: Deutschland ist „Diaspora“ bei der Frühversorgung

POLITIK: Medizinreport

Schwerhörigkeit bei Kindern: Deutschland ist „Diaspora“ bei der Frühversorgung

Herberhold, Cornelia

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LNSLNS Bei Kleinkindern mit Hörproblemen muß die Hörfähigkeit erst geschaffen werden. Die Anpassung von Geräten ist jedoch ein Drahtseilakt, der viel Erfahrung erfordert.
Kindliche Hörstörungen müssen möglichst früh erkannt und versorgt werden. Aber: Die Kenntnisse, was Schwerhörigkeit für Kinder bedeutet, seien eher "nebulös", so Prof. Martin Westhofen (Technische Hochschule Aachen). Etwa 0,5 bis 1,5 Prozent der Neugeborenen sind taub oder schwerhörig. Davon sind etwa die Hälfte der Kinder hochgradig schwerhörig und nur ein Viertel mäßig schwerhörig.
Geprüft wird das Hörvermögen durch lautes In-die-Hände-Klatschen oder mit einem "Knallfrosch" - ein umstrittenes Verfahren, da Kinder auch auf die dabei erzeugte Vibration oder den Luftzug reagieren. Das erste Lallen gibt ebenfalls keinen Hinweis darauf, daß das Kind taub sein könnte, denn die erste sogenannte unbewußte Lallphase ist vom eigenen Hören unabhängig. Erst die zweite Lallphase läuft über die Rückkoppelung Hören. Wünschenswert wäre es, zu Schlüsselzeiten auch Schlüsselentscheidungen fällen zu können, betonte Westhofen in Bonn beim "Beethovengespräch" der Siemens Audiologischen Technik GmbH. Mit einem flächendeckenden Screening ließen sich von der Geburt bis zum zweiten Lebensmonat Kinder mit Hörproblemen herausfiltern. Bereits nach einem halben Jahr könnte die Versorgung mit Hörgeräten erfolgt sein. Nach weiteren eineinhalb Jahren ließe sich anhand des pädagogischen Status entscheiden, ob das Kind ein Cochlear-Implantat braucht. In 69 Prozent sind es immer noch die Eltern, die den ersten Verdacht auf Hörstörung äußern. Deutschland gilt daher beim Screening als "Diaspora der Frühversorgung". In Österreich und Belgien wird bereits flächendeckend gescreent. Hören muß frühzeitig trainiert werden, denn: "Das Fenster schließt sich", sagte Westhofen. Dabei sind Hörgeräte die Grundlage, auf der sich die weiteren pädagogischen Maßnahmen aufbauen. Eines der schwierigsten Kapitel ist die Versorgung von Kindern mit Hörgeräten, denn sie unterliegt anderen Gesetzmäßigkeiten als die bei Erwachsenen. Neunzig Prozent der Hörgeräteträger sind über 60 Jahre, und bei ihnen geht es darum, die Kommunikationsfähigkeit zu erhalten. Beim Kleinkind mit Hörproblemen muß die Hörfähigkeit erst geschaffen werden. Die volle Reifung der zentralen Hörbahn erfolgt erst nach der Geburt und wird durch akustische Reize angeregt, etwa wie bei einem Muskel, der erst durch Gebrauch wächst. Bei Kleinkindern gibt es keine "harten Daten", keine Hörgeräteanpassung wie bei den Erwachsenen und keine Standardaudiometrie. Das erfordert viel Erfahrung und Einfühlungsvermögen und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. "Die Hörgeräteversorgung bei Kindern ist ein Drahtseilakt", sagte Dr. Agnes Hildmann vom Cochlear-Implant-Centrum Ruhrgebiet. Mit Beginn der Hörgeräteversorgung sei die Diagnostik nicht abgeschlossen. "Das gilt vor allem für Kinder, die sich auditiv nicht normal entwickeln." Dann entschließe man sich zur "entwicklungsbegleitenden Hörgeräteversorgung", weil Abwarten verhängnisvoll sein könne. So fand Hildmann sogar in einer Schwerhörigenschule, daß nur 18 Prozent der Kinder gut versorgt waren. Den Weg, den Kinder mit Hörproblemen nehmen, ist schwer; nichts verläuft wie bei gesunden Gleichaltrigen, überall sind die Hürden hoch. Besonders stark ist der Identitätsverlust für Kinder, die ihr Gehör erst später verlieren, also nicht von Anfang an gehörlos oder schwerhörig sind. Nach Untersuchungen aus den USA sind hörgeschädigte Kinder drei- bis sechsmal höher belastet: motorisch unruhig, unkonzentriert, impulsiv. Auch motorische Ticks und Defizite bei der Entwicklung kommen gehäuft vor.
Selbst mit Hörgeräteversorgung bleiben immer noch "Leidensreste". Jedoch hat sich die Hörgeräte-Industrie heute mit viel technischem Komfort speziell auf Kinderohren eingestellt: Die neuen digital programmierbaren Geräte lassen sich einfacher als früher anpassen und sind mit kindgerechtem Zubehör wie Batteriefachsicherung oder thermisch verformbaren Kindertragehaken ausgestattet. Die jungen Hörgeräteträger können außerdem zwischen allerlei bunten Gehäusen wählen und lernen damit, ihre Behinderung selbstbewußt zu akzeptieren.

Dr. med. Cornelia Herberhold

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