THEMEN DER ZEIT

Assistenzroboter: „Ach ist der süß“

Dtsch Arztebl 2017; 114(41): A-1864 / B-1581 / C-1547

Schmitt-Sausen, Nora

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Demenzpatienten emotional zu erreichen, ist eine Herausforderung. Gelingen kann dies durch den Einsatz von Tierrobotern – auch wenn das nicht jedem gefällt.

Fotos: picture alliance/Ingo Wagner für Deutsches Ärzteblatt
Fotos: picture alliance/Ingo Wagner für Deutsches Ärzteblatt

Auf dem Weg zum Nachmittagskaffee im Erdgeschoss ist Ole ein Hingucker. Die weiße Plüschrobbe liegt auf einem Holztisch im Foyer. Sie wackelt mit dem Schwanz, wiegt den Kopf hin und her, schließt und öffnet die Augen. Mehrere Bewohner quittieren die Anwesenheit des weißen Fellbündels mit entzückten Ausrufen, streicheln ihm im Vorbeigehen über das flauschige Fell. Zwei Damen steuern schnurstracks aus dem Aufzug auf das weiße Fellbündel zu, als sie Ole entdecken. Sie umrunden den Tisch, lassen sich auf das geblümte Sofa fallen, beginnen mit dem Kunsttier zu quatschen und es zu liebkosen. „Ach ist der süß. Ist der nicht herrlich?“, sagt die eine Bewohnerin zur anderen und krault Ole liebevoll über den Rücken, die Flossen und die Nase. Ihr Gesicht strahlt, ihre Augen lachen. Ole reagiert auf den Zuspruch durch noch mehr Augenklimpern und freundliches Fiepen. Was die beiden Damen sichtlich erfreut: „Oh ist das schön, dass Du hier bist.“

Aktivieren oder beruhigen

Ole ist ein Tierroboter, nachempfunden dem Jungen einer Sattelrobbe. Er ist 60 Zentimeter groß, fast drei Kilo schwer, flauschig weich. Wenn man ihm das Fell über die Ohren zieht, kommt hochsensible Elektronik zum Vorschein: Der Roboter reagiert auf Berührungen, Bewegungen, Stimmen und Geräusche. Er soll Demenzpatienten aktivieren oder beruhigen – je nach Situation.

Oles Herkunftsland ist Japan, wo Forscher aufgrund des demografischen Wandels bereits seit vielen Jahren technische Helfer für die Pflege entwickeln und in der Robotik zu einer Vorreiterregion geworden sind. Ole, der in Japan Paro heißt, klimpert dort bereits seit den 90er-Jahren mit seinen großen braunen Kulleraugen. Seit etwa zehn Jahren gibt es die Tierroboter auch in Deutschland, wenn auch noch nicht viele Exemplare hier heimisch geworden sind.

Robbe Ole lebt in Bremen, in Haus O´land, einem Pflegeheim für Menschen mit Demenz. Bereits seit 2012 ist er hier im Kuscheleinsatz – sehr gezielt in der Gruppen- und Einzeltherapie, manchmal auch spontan als Begleiter und geduldiger Trostspender. Das Kunsttier hat unbestreitbare Vorzüge: Es ist stubenrein, beißt nicht, löst weder Allergien noch Ängste aus, ist jederzeit einsatzbereit, macht nicht so schnell schlapp, braucht kein Futter, nur Strom. Und, auch ohne Herz und Hirn: Mit seinem Charme kann der Roboter als Türöffner in die oft sehr eigene Welt von Demenzkranken fungieren.

Drittes Obergeschoss: Ergotherapeutin Jennifer Lüer, Leitung soziale Betreuung, betritt mit Ole auf dem Arm die große Wohnküche. In dem hellen Raum sitzen Bewohner am Tisch zusammen, trinken Kaffee. Einige lässt die Ankunft der Robbe kalt, von anderen zieht er die Blicke auf sich. „Da kommt ein Baby“, ruft eine Dame quer durch den Raum. Ole ist für die Bewohner wahlweise ein Baby, ein Hund, ein Stofftier, je nach Sichtweise.

Das Gefühl, Gutes zu tun

Lüer setzt sich mit Ole auf dem Arm auf einen Stuhl neben eine Bewohnerin. Diese hatte bislang teilnahmslos und in sich gekehrt in der Kaffeerunde gesessen und langsam ihren Streuselkuchen gegessen. Als Ole neben ihr auftaucht, guckt sie von ihrem Teller hoch, legt die Gabel weg und wird aktiv: „Ich glaube, Du bist müde“, sagt sie dem Robotertier zugewandt und streichelt es. „Es ist alles gut, mein Schatz.“ Das Fiepen der Robbe quittiert sie mit Erstaunen: „Ja, was jammerst Du denn?“, fragt sie und streichelt dem Robotertier beruhigend über den Kopf.

Gerade Menschen, die einmal Tiere hatten, wie diese Dame, reagierten positiv auf die weiße Robbe, erläutert Lüer. „Oft fangen sie an, von früher zu erzählen, ihnen fallen die Namen ihrer Tiere wieder ein“, sagt sie. Lüer hat noch etwas anderes beobachtet: „Ole ruft Muttergefühle hervor. Die Bewohner haben das Gefühl, etwas Gutes zu tun.“ Ole komme deshalb vor allem bei Bewohnern zum Einsatz, bei denen der biografische Hintergrund gut passt.

Gerade Menschen, die einmal Tiere hatten, reagieren positiv auf die weiße Robbe.
Gerade Menschen, die einmal Tiere hatten, reagieren positiv auf die weiße Robbe.

Ein Roboter in der Versorgung von Demenzkranken?! Nicht jeder in Bremen findet das gut. „Das Feedback der Angehörigen ist durchwachsen“, erzählt Einrichtungsleiterin Stephanie Thiele. Auch deutliche Ablehnung erfahre sie immer mal wieder. „Eine Roboter-Robbe? Sie können doch meine Mutter nicht für dumm verkaufen!“, habe ihr eine Angehörige etwa an den Kopf geworfen. Oder: „Soll ich jetzt nach Hause gehen und erzählen, dass meine Mutter mit einer Robbe spricht?“

Thiele kann verstehen, dass das Kunsttier zunächst Skepsis auslöst. Denn auch ihre Bedenken gegenüber der Arbeit mit Ole waren groß – sehr groß. „Ich komme aus einer diakonischen Einrichtung. Ich hatte erhebliche ethische Bedenken, so große, dass ich nicht wusste, ob ich die Einrichtungsleitung übernehmen soll“, sagt sie. Was will dieser Roboter? Kann er wirklich Gefühle wecken? Ersetzt er die menschliche Sprache? All dies seien Fragen, die sie sich gestellt habe. Am Ende habe sie entschieden, ihre Vorurteile beiseite zu schieben und die therapeutische Arbeit mit dem Roboter erst einmal auf sich wirken zu lassen.

Seit dem vergangenen Jahr leitet Thiele nun Haus O´land – und Ole gehört für sie inzwischen fest ins Team. Heute sagt die einst so Skeptische: Sie hätte nur gute Erfahrungen mit Ole gemacht. Ausnahmslos. Erfahrungen wie diese: „Wir hatten eine Bewohnerin, die jahrelang keinen Ton von sich gegeben hat. Wie haben im Team immer und immer wieder überlegt, was wir noch versuchen könnten. Irgendwann sagte dann jemand, wir sollten einmal Ole dazuholen – und das erste Mal seit Jahren hat die Patientin im Bett Laute formuliert.“

Ein anderes Beispiel: Eine Bewohnerin sperrte sich mit allen Kräften gegen den Besuch beim Zahnarzt. „Sie weinte und schrie. Es war nichts zu machen. Dann kam Ole zufällig mit einer Mitarbeiterin vorbei – und die Bewohnerin reagierte auf ihn. Sie wurde ruhiger, begann auf einmal aus ihrer Kindheit zu erzählen“, erzählt Thiele. Was folgte: Die Mitarbeiterin und Ole begleiteten die Bewohnerin spontan zum Zahnarzt und die eben noch aufgewühlte Dame konnte sich behandeln lassen.

Eine spezielle Dynamik könne Ole in der Gruppentherapie entfalten. Einmal in der Woche bieten die Mitarbeiter vom Haus O´land diese Möglichkeit an. „In der Gruppe reagieren die Bewohner besonders. Sie kommen über die Robbe miteinander ins Gespräch oder sprechen durch Mimik und Gesten auf Ole an“, erzählt Thiele. Das sei „sehr interessant zu beobachten“.

Bei den Gruppentherapien stehe Ole im Vordergrund, nicht die Betreuungskraft oder der Therapeut. „Manche wollen nur mit Ole sprechen. Teilen Sorgen, Ängste und Gefühle mit. Da kommt ganz viel zum Vorschein“, sagt die Einrichtungsleiterin. „Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass auf einen Roboter solche Reaktionen erfolgen können.“

Schätzen die Arbeit mit Roboter- Robbe Ole: Einrichtungsleiterin Stephanie Thiele (links) und Jennifer Lüer, Leitung soziale Betreuung im Haus O´land.
Schätzen die Arbeit mit Roboter- Robbe Ole: Einrichtungsleiterin Stephanie Thiele (links) und Jennifer Lüer, Leitung soziale Betreuung im Haus O´land.

Dem in vielen Köpfen herrschenden Klischee, Heime wollten mit dem Einsatz von elektronischen Helfern wie Ole Mitarbeiter einsparen und Bewohner einfach „abschieben“, stellt sich Thiele entschieden entgegen. Die Bremer betonen: Ole ist ein Helfer. Ein Ersatz für die menschliche Zuwendung ist er nicht. 15 bis 20 Minuten lasse sich in der Regel die Aufmerksamkeit eines Heimbewohners für Ole gewinnen, sagt Lüer. Nicht mehr. Und Thiele macht deutlich, dass die Robbe kein Mittel ist, um sich in der Zeit anderen Dingen zuzuwenden: „Ole ist nie alleine mit unseren Bewohnern“, sagt die Einrichtungsleiterin. „Er ist immer nur ein Fenster zur Kommunikation, eine Art Brücke, um Kontakt aufzunehmen.“

Für die Norddeutschen ist die Robbe ein therapeutisches Mittel, um den Bewohnern den Heimalltag zu versüßen und sie in das Hier und Jetzt zu holen. So wie es andere Optionen auch sind. Haus O´land arbeitet mit einem Therapiehund. Die Mitarbeiter setzen Babypuppen ein. Lassen Bewohner an eine Werkbank. Drücken ihnen Pinsel in die Hand. Backen mit ihnen. Im Herbst wird es gar exotisch: Dann kommt ein rollender Zoo ins Haus.

Gedankenspiele, dass Tierroboter lediglich den Auftakt zu einem breiten Einsatz von Robotern in der Pflege sind, schiebt Thiele allerdings einen Riegel vor. Zumindest in ihrem Haus würden in naher Zukunft keine Roboter als Pflegehelfer über die Flure rollen.

Die Erfahrungen der Bremer mit Ole sind hingegen so positiv, dass der private Betreiber des Heimes erwägt, für weitere Häuser eine weitere Robbe anzuschaffen. Eine Investition: Thiele beziffert die Anschaffungskosten für das Robotertier auf knapp 6 000 Euro. In Haus O´land konnte die Summe komplett durch Spenden aufgebracht werden.

Auch von Externen nimmt das Interesse an der Roboter-Robbe zu. Thiele war mit Ole inzwischen schon in anderen Einrichtungen zu Gast, um den Roboter dort vorzustellen. Ob er zu mieten sei, wurde sie auch schon gefragt.

Die therapeutische Arbeit der Bremer weckt inzwischen verstärkt auch das Interesse der Forschung. Anfragen von Universitäten, die Oles Einsätze wissenschaftlich begleiten wollten, häuften sich, sagt Thiele. Die Einrichtungsleiterin findet diese Entwicklung gut: „Bislang sind es alles Erfahrungsberichte, wissenschaftlich messbar ist nichts.“

Man muss es gesehen haben

Dabei sei es wichtig, die Erfolge mit der Robbe darzulegen, um die Skepsis und die ethischen Bedenken in den Köpfen vieler abzubauen. Manchmal wünscht sich Thiele gar, die Kamera in Oles Nase würde nicht nur Bewegungen erfassen, sondern auch Bilder aufnehmen – um die vielen positiven Reaktionen der Demenzkranken auf Ole festhalten zu können. Denn: Thiele und Lüer betonen unisono: „Um zu verstehen, was die Robbe mit den Bewohnern macht, muss man es gesehen haben.“

Später Nachmittag im dritten Obergeschoss: Ole hat seinen Dienst für heute getan. Als Lüer mit dem Tier vor dem Aufzug wartet, nimmt ihn ihr eine Bewohnerin aus dem Arm, setzt sich mit Ole in den nahe stehenden Sessel und legt sich die Robbe auf Bauch und Brust. Sie ist der Robbe sehr zugewandt, streichelt sie, krault sie, drückt ihr einen Kuss auf die Nase, spricht mit ihr: „Du bist ein kleiner, süßer Fratz. Jetzt kannst Du schlafen und wirst nicht mehr von den alten Tanten gestört.“

Es ist Freude in ihrem Gesicht zu sehen. Nichts als Freude.

Nora Schmitt-Sausen

Assistenzsysteme in Reha und Pflege

Als emotionaler Türöffner stellt die Robbe Ole eher eine Ausnahme unter den elektronischen Helfern dar. Im Reha- und Pflegebereich werden derzeit vor allem Assistenzsysteme getestet, die Personal und Angehörige bei der Betreuung praktisch unterstützen sollen. RehaQuantified verfolgt das Ziel, Patienten mit Herz- und Lungenerkrankungen bei einem gesunden Lebensstil zu unterstützen. Nach der stationären Betreuung kann der Patient das sensorbasierte Assistenzsystem zu Hause weiter nutzen. Ein anderes System, MeineReha®, setzt auf eine telemedizinische Bewegungstherapie für die unteren Extremitäten. Es soll den Reha-Erfolg insbesondere in ländlichen Regionen gewährleisten. Das Projekt Bea@home will die unzureichende häusliche Pflege von langzeitbeatmeten Patienten mithilfe von Telemedizin verbessern. Hingegen kommt Roreas als sprechender Roboter zu Schlaganfallpatienten, um mit ihnen das Gehen neu zu erlernen. Für Demenzpatienten stehen technische Helfer wie etwa SafeWander bereit – ein Bewegungssensor, der Angehörige via App informiert, wenn der Verwandte aus dem Bett aufsteht. Das System InPreS warnt darüber hinaus nicht nur vor Weglauftendenzen, es erinnert auch an Termine und Aktivitäten. Welche der Systeme ihren Nutzen in der Praxis beweisen können und zudem ökonomisch vertretbar sind, bleibt abzuwarten.

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