ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2017Methadon: Keine Unschuld
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... Selbstverständlich haben die Kollegen um Frau Prof. Hübner Recht, wenn sie auf die fehlende Grundlage, die unzureichende Studienlage, die Missachtung der Regeln der Evidenzbasierten Medizin und der „good clinical practice“ im Zusammenhang mit aktuell Methadon verweisen, aber: üblich – auch wenn nach Erlass von § 299 a/b StGB möglicherweise reduziert – ist nach wie vor eine massive Einflussnahme der pU (pharmazeutische Unternehmen) auf medizinische Entscheidungsprozesse in Diagnostik und Therapie durch Zuwendungen und Geschenke, abhängige Fortbildungsformate, unaufgefordert zugesandte Streuzeitschriften; üblich ist nach wie vor verzerrendes Publizieren von Forschungsresultaten, ... da sie den kommerziellen Interessen der auftraggebenden Industrie zuwiderlaufen; üblich bleibt die Einflussnahme durch Aussenden einer Flut von Referenten in die Praxen und Krankenhäuser und nicht zuletzt eine an Zynismus nicht zu überbietende Preiskalkulation der pU, vor der die Ärzteschaft und die Politik offenbar schon lang kapituliert hat (siehe hierzu aktuell: JAMA Intern Med. 2017; doi: 10.1001/jamainternmed.2017.3601). Diese Probleme fallen uns nun einmal mehr vor die Füße und daher sollte dieser Hype um das Methadon unbedingt zur kritischen inneren Einkehr und Besinnung Anlass geben.

Vor diesem Hintergrund füge ich den im Artikel genannten Forderungen weitere hinzu:

1. Leitlinien sollten grundsätzlich frei von jeder industriellen Beeinflussung sein bzw. sollten die beteiligten Autoren belegen können, dass sie keinerlei Interessenkonflikten mit der pU unterliegen.

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2. Die öffentliche Hand sollte in sehr viel größerem Umfang Forschungsaufträge vergeben, um die Notwendigkeit der Einwerbung von sogenannten Drittmitteln und damit industriellen Einfluss zu minimieren.

3. Den pU sollte untersagt werden, über das Aussenden von Pharmareferenten Einfluss auf das Verordnungsverhalten der Ärzteschaft zu nehmen.

4. Anwendungsbeobachtungen – „seeding-trials“ – müssen der Vergangenheit angehören; sie waren für unsere Patienten nie hilfreich und auch wenn der Gesetzgeber diese bis dato nicht untersagt hat, bleibt der Ärzteschaft unbenommen, von sich aus eine generelle Ablehnung dieser Verkaufsstrategie der PU zu beschließen – siehe dazu z. B.: BMJ 2015;350:h1323.

Es geht um nichts Geringeres als um die Glaubwürdigkeit der Ärzteschaft und das Wohl der uns Anvertrauten. Patienten sind heutzutage generell sehr gut informiert – das gilt erst recht für chronisch Erkrankte und ganz sicher für unsere onkologischen Patienten – und sie haben Kenntnis von dieser unseligen, das Vertrauen untergrabenden Mesalliance zwischen Ärzteschaft und Industrie. Meine Forderungen sind keineswegs neu – es wäre allerdings höchste Zeit, sie endlich umzusetzen – zum Wohle der uns anvertrauten Patienten und zum Erhalt des aufrechten Ganges.

Dr. med. Joachim Pries, 34497 Korbach-Lengefeld

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