POLITIK

Medizinische Versorgungszentren: Eine Alternative, keine Konkurrenz

Dtsch Arztebl 2017; 114(42): A-1901 / B-1613 / C-1579

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Während immer mehr Ärzte in Medizinischen Versorgungszentren arbeiten, verbessert sich nach und nach auch die Zusammenarbeit zwischen MVZ und KVen. So könnten die Zentren bald verstärkt als Sprungbrett in die Niederlassung dienen.

Häuserblock in Billstedt: „In diesem Stadtteil wollen viele Ärzte leider nicht mehr arbeiten.“
Häuserblock in Billstedt: „In diesem Stadtteil wollen viele Ärzte leider nicht mehr arbeiten.“

Die Zahl von Ärzten, die in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) angestellt sind, nimmt weiter zu. Lag deren Anteil im Jahr 2010 noch bei 6,5 Prozent, stieg er bis 2016 auf 11,2 Prozent an. Das erklärte der scheidende Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes MVZ (BMVZ), Dr. med. Bernd Köppl, auf dem Praktikerkongress seines Verbandes Ende September in Berlin. Im gleichen Zeitraum sank der Anteil der Ärzte in Einzelpraxen von etwa 55 Prozent auf 50,8 Prozent (siehe Grafik). „Wir sehen, dass strukturell die klassische Einzelpraxis seltener wird, während die Zahl der MVZ seit Jahren ansteigt“, sagte Köppl. Auch die absolute Zahl der MVZ sei im vergangenen Jahr weiter angestiegen: auf 2 490.

Entwicklung der Zahlen von Ärzten (ohne nichtärztliche Psychotherapeuten) in den verschiedenen Praxisstrukturen
Grafik
Entwicklung der Zahlen von Ärzten (ohne nichtärztliche Psychotherapeuten) in den verschiedenen Praxisstrukturen

Diese Entwicklung bestätigt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). „Grundsätzlich zeigt sich bei den niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten ein Trend zu Kooperationen. Das wird neben der stetig steigenden Zahl an MVZ auch an der Entwicklung der Gemeinschaftspraxen deutlich“, erklärt KBV-Sprecher Roland Stahl gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Die Bedeutung der Kooperationen – und somit auch der MVZ – habe ohne Frage zugenommen und werde weiter wachsen. Das bedeute aber nicht das Ende der Einzelpraxis. „Auch Ärzte und Psychotherapeuten in Einzelpraxen arbeiten heute vernetzt – wenn auch informell“, betont Stahl.

Köppl wies auf dem Praktikerkongress auf eine Entwicklung hin, die die Bundesregierung im Jahr 2015 mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz ermöglicht hat: die Gründung von fachgruppengleichen MVZ. Diese gesetzliche Regelung habe zu einer verstärkten Gründungswelle vor allem durch Vertragsärzte geführt, so Köppl. Wurden 2014 noch insgesamt 67 MVZ neu zugelassen und im folgenden Jahr 86, waren es vergangenes Jahr 334. Insofern habe auch der Anteil der Krankenhaus-MVZ strukturell etwas abgenommen, erklärte Köppl. Aktuell seien 43 Prozent aller Medizinischen Versorgungszentren Vertragsarzt-MVZ, 38,8 Prozent seien Krankenhaus-MVZ und 18,2 Prozent lägen in der Trägerschaft von anderen Akteuren.

Strukturierter Austausch

Einer der Vertragsärzte, der nach der Gesetzesänderung ein fachgruppengleiches MVZ gegründet hat, ist Dr. med. Norbert Panitz, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie/Psychoanalyse in Berlin. Panitz hat zuvor mehr als 15 Jahre eine Einzelpraxis betrieben und im Anschluss über einen ähnlich langen Zeitraum eine Einzelpraxis mit angestellten Ärzten. Warum hat er nun ein MVZ gegründet? „Ich sehe die Zukunft eindeutig in der Kooperation und in der Vernetzung“, sagt er dem . Und die sei in einem MVZ leichter zu bewerkstelligen als in einer Einzelpraxis. „Ich halte den kontinuierlichen kollegialen Austausch für außerordentlich wertvoll und befriedigend“, so Panitz weiter. „Gerade in meinem Fach ist die Erfahrung mit äußerst individuellen Krankheits- und Therapieprozessen von größter Wichtigkeit, und jüngere Kollegen profitieren in einem hohen Maß von einem strukturierten Austausch in Form einer permanenten Supervision.“ Zudem könne er in einem MVZ ein differenziertes therapeutisches Angebot vorhalten, und die einzelnen Ärzten könnten sich bei Bedarf besser gegenseitig vertreten.

Panitz hatte darüber hinaus aber auch noch einen familiären Grund, ein MVZ zu gründen. Sein Sohn wird im nächsten Jahr eine Approbation als Psychologischer Psychotherapeut erhalten. „Ich möchte ihn in die Lage versetzen, das MVZ weiterzuführen, wenn ich aufhöre“, sagt Panitz. „Denn er hätte keine Chance, die Einzelpraxis zu übernehmen.“

Die Geschichte der Medizinischen Versorgungszentren ist auch geprägt von Streitigkeiten zwischen MVZ-Vertretern und den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen). Die KVen, so lautet ein häufig vorgetragener Vorwurf, würden MVZ im Vergleich zur freien Praxis benachteiligen. Norbert Panitz hatte mit seiner KV allerdings keine Probleme. „Mit der KV Berlin und den Genehmigungs- und Beratungsstellen haben wir bislang gute Erfahrungen gemacht“, sagt er. „Die Beratung war fair, neutral und fundiert.“ Aber es mache ja auch keinen Sinn, einen Teil der Ärzteschaft anders zu behandeln als den etablierten Rest. „Eine Spaltung wäre der Sargnagel für die Selbstverwaltung“, meint Panitz.

Gute Erfahrungen mit seiner KV hat auch Dr. rer. nat. Guido Tuschen gemacht. Tuschen leitet seit fünf Jahren die SKH Stadtteilklinik Hamburg, die mit 15 Planbetten das kleinste Krankenhaus der Stadt ist. Im Jahr 2014 hat die SKH das MVZ Mümmelmannsberg gegründet, in dem sich heute vier Ärzte und Weiterbildungsassistenten zwei Arztstellen teilen. Mümmelmannsberg ist eine in den 1970er-Jahren errichtete Wohnsiedlung im Hamburger Stadtteil Billstedt, in der etwa 18 000 Menschen leben. Die Siedlung ist, was man als einen Problemkiez bezeichnen könnte. „Im Vergleich zu den Hamburger Elbvororten ist die Arztdichte in diesem Stadtteil um fast zwei Drittel niedriger“, sagt Tuschen zum . Zur Gründung des MVZ Mümmelmannsberg erzählt er: „Einer der beiden Arztsitze, über die unser MVZ heute verfügt, konnte nicht nachbesetzt werden. Wenn unser MVZ nicht gegründet worden wäre, hätte der Stadtteil wieder Ärzte weniger gehabt.“ Und auch für die SKH sei es extrem schwierig gewesen, die richtige Besetzung zu finden. „Denn in diesem Stadtteil wollen viele Ärzte leider nicht mehr arbeiten“, so Tuschen.

„Die Zahl der MVZ wird weiter zunehmen, vor allem in ländlichen und sozial schwachen Regionen.“ Guido Tuschen, MVZ Mümmelmannsberg. Foto: SKH Stadtteilklinik Hamburg GmbH
„Die Zahl der MVZ wird weiter zunehmen, vor allem in ländlichen und sozial schwachen Regionen.“ Guido Tuschen, MVZ Mümmelmannsberg. Foto: SKH Stadtteilklinik Hamburg GmbH

Gute Zusammenarbeit

Für die Patienten sei es aber umso wichtiger, dass die Arztsitze erhalten werden konnten – und auch für die niedergelassenen Ärzte, die in diesem Stadtteil arbeiten. „Denn sie können das Patientenaufkommen heute schon kaum noch bewältigen“, berichtet der gelernte Biochemiker. „Wenn Arztsitze dann nicht neu besetzt werden, wird die Situation für sie noch extremer.“ Deshalb sei auch die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten des Stadtteils sehr gut. Denn allen gehe es in erster Linie darum, die Patientenversorgung im Quartier mit guter Qualität aufrechterhalten zu können. „Ob die Kollegen dabei niedergelassen oder in einem MVZ angestellt sind, spielt überhaupt keine Rolle“, sagt Tuschen.

Der Vorteil eines Krankenhaus-MVZ ist aus seiner Sicht, dass man hier andere Arbeitszeitmodelle anbieten kann. „Wir haben zum Beispiel Teilzeitmodelle, bei denen die Ärzte auch mit einem VPN-Zugang zum Arztinformationssystem administrative Dinge von zu Hause aus erledigen können“, erzählt er. „Wenn die Kinder versorgt sind, können sie so zum Beispiel Arztbriefe schreiben oder Fälle dokumentieren.“ Ein weiterer Vorteil eines Krankenhaus-MVZ sei es, dass das Krankenhaus über ein bis zwei Jahre das wirtschaftliche Risiko übernehmen könne, bis sich das MVZ wirtschaftlich alleine trage.

Zusammen mit der KV Hamburg hat die SKH ein Pilotprojekt gegründet, bei dem das MVZ als Sprungbrett in die Niederlassung fungiert. „Dabei können sich junge Ärzte zunächst im MVZ anstellen lassen, um hier ohne finanzielles Risiko die Arbeit im ambulanten Bereich kennenzulernen, bevor sie sich später mit eigener Praxis niederlassen“, erklärt Tuschen. „Im Rahmen dieses Projektes wird sich nächstes Jahr ein Arzt im Bezirk niederlassen, der heute noch in unserem MVZ arbeitet – ein Arzt übrigens, der in Mümmelmannsberg aufgewachsen ist.“ Die Zusammenarbeit mit der KV sei dabei gut gewesen – ebenso wie mit der Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz.

Ein solches Modell kann sich auch die KBV vorstellen. „Wir wissen, dass viele junge Mediziner den Start in die Niederlassung über eine Anstellung suchen“, sagt KBV-Sprecher Stahl. „Die Arbeit als angestellter Arzt – egal ob im MVZ oder in der Praxis – kann durchaus ein Weg sein, den medizinischen Nachwuchs an die eigene Praxis oder Gemeinschaftspraxis heranzuführen.“

Medizinische Versorgungszentren liegen also nach wie vor im Trend – auch politisch. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) nannte sie auf dem BMVZ-Kongress eine „wichtige Säule der Versorgung“. Dazu passt, dass der Gesetzgeber MVZ mit dem Versorgungsstärkungsgesetz (VSG) im Jahr 2015 niedergelassenen Ärzten ein Stück weit gleichgestellt habe, wie Dr. med. Peter Velling gegenüber dem hervorhebt, der auf dem Praktikerkongress zum neuen Vorstandsvorsitzenden des BMVZ gewählt wurde. Als Beispiel nennt er die neue Vertretungsregelung. In einem MVZ angestellte Ärzte können demnach auch dann vertreten werden, wenn die Anstellung beendet wurde und noch keine Nachbesetzung erfolgte oder wenn der Angestellte verstorben ist.

„Bei der KV-Wahl haben angestellte Ärzte nicht die Rolle gespielt, die sie hätten spielen können.“ Peter Velling, Vorstandsvorsitzender des BMVZ. Foto: BMVZ
„Bei der KV-Wahl haben angestellte Ärzte nicht die Rolle gespielt, die sie hätten spielen können.“ Peter Velling, Vorstandsvorsitzender des BMVZ. Foto: BMVZ

Weniger Bürokratie

Positiv wertet Velling auch, dass mit dem Selbst­verwaltungs­stärkungs­gesetz aus dem Jahr 2017 die stimmberechtigte Mitgliedschaft von angestellten Ärzten in Teilzeit in den KVen jetzt eindeutig geregelt sei. Voraussetzung für die Mitgliedschaft ist seither, dass angestellte Ärzte mindestens zehn Stunden pro Woche beschäftigt sind. Zudem mussten die KVen und die KBV dem Gesetz zufolge Fachausschüsse für angestellte Ärzte einrichten. Dies sei mittlerweile überall geschehen, berichtet Velling.

Noch sind jedoch nicht alle politischen Forderungen des Verbandes erfüllt. So kritisiert Velling, dass MVZ und Berufsausübungsgemeinschaften (BAG) bei der Einbringung von Arztsitzen nicht gleichberechtigt behandelt würden. „Hier hat das Urteil des Bundessozialgerichts vom Mai 2016 erhebliche Hürden aufgebaut, indem es die dreijährige Bindung des Arztes bei einem Übergang in ein MVZ oder eine BAG zur Pflicht erklärt hat“, so Velling. Dies sei so nicht praktikabel. Der BMVZ fordert stattdessen eine halbjährige Bindung an den eingebrachten Sitz.

Guido Tuschen vom MVZ Mümmelmannsberg wünscht sich vor allem, „dass die bürokratischen Vorgaben beim Gründen eines MVZ reduziert und auch über alle Bundesländer und KV-Bezirke hinweg vereinheitlicht werden“.

Auf dem Praktikerkongress übte der BMVZ-Vorstandsvorsitzende Velling jedoch auch Selbstkritik. „Bei der KV-Wahl in diesem Jahr haben angestellte Ärzte nicht die Rolle gespielt, die sie hätten spielen können“, sagte er. Denn nur sieben Prozent der Ärzte, die bei der KV-Wahl bundesweit in die Ver­tre­ter­ver­samm­lungen gewählt wurden, seien angestellte Ärzte gewesen. „Deshalb sind wir in den KVen leider relativ unterrepräsentiert“, so Velling. „Da müssen wir uns aber an die eigene Nase fassen. Es ist uns nicht gelungen, zu den wahlberechtigten angestellten Ärzten durchzudringen.“

Zudem wies er darauf hin, dass angestellte Ärzte häufig eine geringere Arbeitszeit aufweisen als niedergelassene. So werde die steigende Zahl angestellter Ärztinnen und Ärzte auch dazu führen, dass insgesamt mehr Ärzte gebraucht würden – weil angestellte Ärzte eine 60-Stunden-Woche nicht mehr als normal ansähen. Deshalb werde die Versorgungsproblematik größer werden, auch in den Städten.

Und wie wird es mit den Medizinischen Versorgungszentren in den kommenden Jahren weitergehen? „MVZ haben sich seit ihrer Zulassung in die Regelversorgung 2004 zahlenmäßig stetig weiter entwickelt. Dies wird nach unserer Auffassung so weiter gehen“, meint Velling. „Ebenso wird die Einzelpraxis weiter bestehen.“ Praxisvielfalt als Konzept bleibe weiterhin die Leitlinie.

„Es besteht für mich kein Zweifel, dass die Bedeutung der MVZ in den nächsten Jahren weiterhin stark zunehmen wird“, sagt auch Norbert Panitz. „Diesen Trend werden vor allem die Patienten fördern mit ihrer wachsenden Mündigkeit und ihren wachsenden Ansprüchen.“

Keine Konkurrenz

Guido Tuschen ist der Ansicht, dass Medizinische Versorgungszentren in Zukunft vor allem in ländlichen und sozial schwachen Regionen hinzukommen werden. „Ich halte es ebenfalls nicht für ausgeschlossen, dass vor diesem Hintergrund auch Bezirksämter MVZ gründen werden“, sagt er.

KBV-Sprecher Stahl warnt hingegen vor einer gegenläufigen Bewegung: „Bei MVZ, wie bei anderen Kooperationsformen auch, ist für uns von zentraler Bedeutung, dass sie einen Beitrag zur Versorgung und zur Sicherstellung leisten“, sagt er. „Bei den MVZ zeichnet sich die Entwicklung ab, dass auch die Größe der einzelnen Einrichtungen kontinuierlich wächst. MVZ gründen MVZ, oft mit der Folge einer zunehmenden Konzentration in den Händen einiger weniger Einrichtungen und dies häufig in Gebieten, in denen heute schon eine hohe Arztdichte zu verzeichnen ist.“ Wenn durch diese Konzentration gerade in ländlichen Strukturen die wertvolle Ressource Arzt entzogen werde, sehe die KBV das durchaus mit Sorge. Wirtschaftliche Interessen, etwa von Krankenhauskonzernen, dürften nicht im Vordergrund stehen. „Die Orientierung an der Versorgung der Patienten sollte bei der Entwicklung der MVZ aus unserer Sicht im Mittelpunkt stehen“, betont Stahl.

Dieser Ansicht ist auch Peter Velling. „MVZ sind eine Alternative zur Einzelpraxis und keine Konkurrenz“, sagt er. Wichtig ist doch, dass angestellte Ärzte und Vertragsärzte ein gemeinsames Ziel verfolgen: nämlich die flächendeckende bestmögliche Versorgung des Patienten.“

Falk Osterloh

Anzeige
Entwicklung der Zahlen von Ärzten (ohne nichtärztliche Psychotherapeuten) in den verschiedenen Praxisstrukturen
Grafik
Entwicklung der Zahlen von Ärzten (ohne nichtärztliche Psychotherapeuten) in den verschiedenen Praxisstrukturen

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige