POLITIK

Bereitschaftsdienst: Angebote besser bewerben

Dtsch Arztebl 2017; 114(42): A-1904 / B-1616 / C-1582

Beerheide, Rebecca

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Der ärztliche Bereitschaftsdienst, die steigende Zahl von Notfällen sowie die Zusammenarbeit zwischen Niedergelassenen und Klinikärzten stehen im Fokus der Gesundheitspolitik. Die KVen haben jetzt auf die Leistung der Ärzte hingewiesen.

Die KV-Regio- Med-Praxis in Potsdam am St. Josef Krankenhaus besteht seit 2012 und ist vergangenes Jahr in neue Räumlichkeiten gezogen. Foto: KVBB
Die KV-Regio- Med-Praxis in Potsdam am St. Josef Krankenhaus besteht seit 2012 und ist vergangenes Jahr in neue Räumlichkeiten gezogen. Foto: KVBB

Hausbesuche, Fahrdienst oder die Organisation von Bereitschaftsdienstpraxen: Die 17 Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) haben vergangene Woche am „Tag des Bereitschaftsdienstes“ auf das Versorgungsangebot der Haus- und Fachärzte außerhalb der regulären Sprechzeiten hingewiesen. Zusätzlich starteten bundesweit mehrere Versorgungsprojekte, bei denen Notfallambulanzen gemeinsam mit Krankenhäusern betrieben werden.

„Die Versorgung unserer Patienten im Bereitschaftsdienst gehört zum Sicherstellungsauftrag der KVen und sowieso zum Selbstverständnis von uns Vertragsärztinnen und ärzten“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Gassen, auch mit Blick auf die anhaltenden Diskussionen über die Notfallversorgung in Krankenhäusern. Nach Daten der KBV werden inzwischen zehn Millionen Patienten jährlich im ärztlichen Bereitschaftsdienst versorgt, etwa sieben Millionen Anrufer wählen die bundesweite Nummer für den Bereitschaftsdienst 116117. Die KBV ebenso wie die KVen wollen die Bekanntheit der Telefonnummer vergrößern. Laut der KBV-Versichertenumfrage vom August 2017 kennen nur 29 Prozent der Befragten diese Rufnummer.

Änderungen an Gesetzen

Dabei soll die Nummer für den ärztlichen Bereitschaftsdienst keine Konkurrenz zur Notfallnummer 112 werden. „Wir müssen die beiden Nummern besser vernetzen und in der Zukunft auch in einer Leitstelle zusammenfügen“, erklärte Dr. med. Stephan Hofmeister, stellvertretender KBV-Vorstandsvorsitzender. Die Körperschaft wirbt dafür, dass regionale Versorgungsstrukturen im Bereitschaftsdienst erhalten bleiben. Gleichzeitig müsse es für Patienten einen bundesweit einheitlichen Zugang zur Versorgung außerhalb der Sprechzeiten geben. Außerdem müsse künftig die 116117 rund um die Uhr geschaltet werden können. Laut Gesetz darf sie derzeit nur außerhalb der Praxisöffnungszeiten erreichbar sein. Dafür sei eine „minimale“ Gesetzesänderung nötig, erklärt Gassen.

Neben dieser Änderung strebt die KBV für den künftigen Koalitionsvertrag auch neue Regelungen für Portalpraxen an. Dabei müsse es einen Konzentrationsprozess für Ambulanzen an einigen Krankenhäusern geben. „Wir können keine 1 300 bis 1 600 Ambulanzen eröffnen, dafür gibt es europaweit gar nicht genügend Ärzte“, erklärte Hofmeister.

Die Portalpraxen müssten zudem in der Verantwortung der KVen bleiben, die ambulant tätigen Ärzte dürften nicht unter der Weisung der Krankenhäuser arbeiten, stellte Gassen klar. Das hatte die Deutsche Gesellschaft interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) infrage gestellt: In einer Stellungnahme des Vorstandes erklärte die Fachgesellschaft, sie sehe die organisatorische Trennung von ambulanter und stationärer Notfallversorgung „medizinisch weder sinnvoll noch möglich“. Eine gemeinsame Versorgung in interdisziplinären Notfallzentren sei dagegen eine „gute Möglichkeit, dem sektorenübergreifenden Charakter der Notfallversorgung Rechnung zu tragen“. Allerdings müssten dafür die Organisationsstrukturen „nur nach fachlichen Gesichtspunkten aufgebaut und eingehalten werden“, für teilnehmende Ärzte werde „eine hohe Qualifikation aller beteiligter Berufsgruppen vorausgesetzt“, schreibt Prof. Dr. med. Christoph Dodt, DGINA-Präsident, in dem Papier. Mit dem Marburger Bund hatte sich die KBV kürzlich auf Ideen zur künftigen Gestaltung des Bereitschaftsdienstes geeinigt und Bedenken dieser Art aus dem Weg geräumt.

Versorgung in den Regionen

Der ärztliche Bereitschaftsdienst wird vor allem in den Regionen von den Ärztinnen und Ärzten vor Ort geleistet. Daher stellten die KVen ihre Leistungen im Bereitschaftsdienst heraus: So wurden 2016 in Brandenburg rund 100 000 Fälle ambulant im ärztlichen Bereitschaftsdienst versorgt, teilte die KV Brandenburg mit. In sechs Städten gibt es KV-RegioMed-Praxen an den Krankenhäusern, 15 weitere sollen noch eröffnet werden.

Nach Angeben der KV Berlin werden in der Hauptstadt im Bereitschaftsdienst im Schnitt 440 Patienten, am Wochenende und an Feiertagen bis zu 900 Patienten versorgt. 2016 wurden fast 42 000 Patienten telefonisch beraten. In Berlin gibt es seit Jahren mit der 310031 eine eigene Nummer für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst. „Diese Nummer ist in Berlin seit vielen Jahren bekannt und wird auch bis auf Weiteres erreichbar sein“, erklärte KV-Vorsitzende Dr. med. Margret Stennes. Derzeit sind beide Nummern in Betrieb. „Wir werden kommendes Jahr komplett auf die 116117 umstellen“, so Stennes.

In der KV Westfalen-Lippe (KVWL) wurden bereits 2011 fast alle Notfalldienstpraxen in die Nähe oder an ein Krankenhaus angesiedelt. Von den 63 Notfalldienstpraxen seien bereits 13 Portalpraxen mit einem gemeinsamen Empfang. Weitere 45 Notfallpraxen befinden sich in der Nähe von Krankenhäusern. Jetzt wurde in Gelsenkirchen eine gemeinsame Notdienstpraxis der KVWL und des Krankenhauses Bergmannsheil Buer eröffnet. Diese sei für Patienten, „die entweder nicht wissen, dass es außerhalb der Sprechstundenzeiten einen ärztlichen Bereitschaftsdienst gibt – oder sie meinen, die Suche nach einem Facharzt, die Terminvereinbarung und die Wartezeit in der Praxis umgehen zu können“, sagte Dr. med. Gerhard Nordmann, 2. Vorsitzender der KVWL.

Hausbesuche gehören auch zum Leistungsspektrum im ambulanten Notfalldienst, den die KVen organisieren. Foto: Yor Photo Today
Hausbesuche gehören auch zum Leistungsspektrum im ambulanten Notfalldienst, den die KVen organisieren. Foto: Yor Photo Today

In Hessen wird ein Modellprojekt zwischen KV und dem Klinikum Frankfurt Höchst vom Sozialministerium für die kommenden zwei Jahre gefördert. Dabei kooperieren laut Aussage der KV die niedergelassenen Ärzte, die im hessischen Ärztlichen Bereitschaftsdienst tätig sind, mit den angestellten Ärzten im Krankenhaus. Gemeinsam wurde ein Leitfaden zur Patientensteuerung entwickelt, der dem medizinischen Fachpersonal als verbindlicher Handlungsrahmen dienen soll, heißt es von den Vertragspartnern. Im Klinikum wurden Behandlungsräume sowie eine gemeinsamer Anmelde- und Wartebereich innerhalb der Zentralen Notaufnahme eingerichtet. Die Praxis selbst wird von der KV Hessen betrieben. „In regelmäßig stattfindenden Qualitätszirkeln soll die innerärztliche sektorenübergreifende Zusammenarbeit weiterentwickelt werden“, erklärte Dr. med Eckard Starke, stellvertretender KV-Vorsitzender, zum Start des Projektes. Auch die hessische Gesundheitspolitik erhofft sich neue Erkenntnisse:„Ich bin auf die Ergebnisse und Erfahrungen des Modellprojektes gespannt und hoffe, dass wir diese weitgehend nutzbar machen können“, sagte Ge­sund­heits­mi­nis­ter Stefan Grüttner (CDU). In Hessen wurden nach einer Reform des Bereitschaftdienstes etwa 50 der 60 neuen Bereitschaftsdienstzentralen in die Nähe von Krankenhäusern angesiedelt.

Durchlässige Grenzen

Anlässlich der Aktionswoche zum Bereitschaftsdienst wies auch die KV Baden-Württemberg auf den hohen Einsatz der ambulant tätigen Ärzte hin. „Wir haben eine flächendeckende Versorgung an den Wochenenden und Feiertagen sowie in den Abend- und Nachtstunden, den die niedergelassenen Ärzte gewährleisten“, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende, Dr. med. Johannes Fechner. Derzeit gibt es in Baden-Württemberg 121 Notfallpraxen, davon 25 kinderärztliche Notfallpraxen, drei augenärztliche und HNO-ärztliche Praxen. Daneben seien weitere Ärzte tätig, um medizinisch notwendige Hausbesuche vorzunehmen.

Auch in Sömmerda, Sondershausen und Bad Frankenhausen in Thüringen organisieren die örtlichen DRK-Klinken und die KV Thüringen die Versorgung von Notfallpatienten gemeinsam. Damit wolle man die Grenzen zwischen den Sektoren überwinden, die „viel durchlässiger sind als angenommen, und zwar immer dann, wenn Ärzte beider Bereiche auf Augenhöhe zusammenarbeiten“, erklärte die KV-Vorsitzende Dr. med. Annette Rommel.

Auch für die anstehenden Koalitionsverhandlungen erhofft sich die KBV die Notfallversorgung als zentrales Thema in der Gesundheitspolitik. Dafür sei es auch wichtig, dass Vertragsärzte selbst Vorschläge machen: „Man hat verstanden, dass nicht ein Modell über das ganze Land gestülpt werden kann – Stichwort Portalpraxen an jeder Klinik –, man hat aber vor allem auch verstanden, dass wir Vertragsärzte uns bewegen und die Dinge selbst in die Hand nehmen“, erklärte KBV-Vize Hofmeister vor den Mitgliedern der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung Ende September.

Rebecca Beerheide

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