ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2017Von schräg unten: Aushalten

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Aushalten

Dtsch Arztebl 2017; 114(42): [68]

Böhmeke, Thomas

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Wir Ärzte haben wirklich viel auszuhalten. Vieles kaum Erträgliche prasselt täglich auf unsere Sinne ein, seien es Sehenswidrigkeiten wie die Flut der Dokumentationsbögen, sei es der Ohrengraus durch die alte Leier der Zweiklassenmedizin. Besonderes bei Letzterem macht es mich müder als ein manifestes Schlaf-Apnoe-Syndrom, dahingehende Vorwürfe zu entkräften, aber wir stellen uns dem immer wieder tapfer entgegen, um das Vertrauen unserer gesetzlich versicherter Patienten in eine gerechte Medizin zu erhalten.

Denn wir geben immer alles, um unsere Schutzbefohlenen bestmöglichst zu behandeln, aufzuklären und zu begleiten! Wie ich heute bei meinem Patienten. „Herr Doktor Böhmeke, es ist doch seltsam, immer wenn ich in einer Praxis anrufe oder zu Ärzten gehe, werde ich erst mal nach meiner Kran­ken­ver­siche­rung gefragt! Da drängt sich doch der Verdacht auf, dass ihr nur Private annehmen wollt, um mit umfangreichen Untersuchungen Kasse zu machen!“ Immer mit der Ruhe. Die Kenntnis des Versichertenstatus ist für die Praxisorganisation von großem Vorteil, da wir vorher schon wissen, welcher Aufwand auf uns zukommt. Was die Diagnostik anbelangt, so verhält es sich eher umgekehrt als von ihm dargestellt. „Ehrlich? Das müssen Sie mir mal erklären!“

Gerne. Gesetzlich Versicherte fühlen sich bei den Doktoren ihres Vertrauens häufig dermaßen gut aufgehoben, dass sie es nicht für notwendig erachten, zum Facharzt Befunde und Berichte mitzunehmen. Dies wiederum bringt es mit sich, das ich mehr als gründlich untersuchen darf, um mir ein umfassendes Bild von der gesundheitlichen Problematik zu machen. „Das war mir gar nicht so bewusst!“ Etwas schwieriger wird es, wenn Patienten stationär privat zusatzversichert sind. Hier ist, wenn Berichte durch Absence glänzen, viel Fingerspitzengefühl gefragt, um mittels Doppel- und Dreifachdiagnostik die Behandlungsempfehlungen nachvollziehen zu können. Nicht wenige Patienten bekommen dann das Gefühl, ich würde die chefärztliche Expertise infrage stellen. „Hätte ich nie gedacht!“

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Bei privat Versicherten ist es allerdings so, dass diese häufig alle aussagekräftigen Unterlagen mitbringen, was mich davon entbindet, irgendwelche ausufernden Befunde erheben zu müssen, auch muss ich meine Fachangestelltinnen nicht damit belästigen, überall Befunde anzufordern, was durchaus sehr zeitraubend sein kann. „Das heißt, Ihre Praxismitarbeiter und Sie können sich mehr um den Patienten kümmern und weniger um die Verwaltung?“ Exakt. Nachdem wir dies geklärt haben, kommen wir jetzt zu seinem Anliegen. „Ja, ich wollte einen Termin zu dieser speziellen Untersuchung in der Klinik, aber die Sekretärin sagte mir, nachdem ich ihr erklärt habe, dass ich gesetzlich versichert bin, dass ich frühestens in einem halben Jahr drankommen könnte!“

Moment. Ich versuche mal mein Glück. Böhmeke, guten Tag, ich hoffe, ich störe nicht, ich bräuchte einen Termin für meinen Patienten .... genau, diese Untersuchung ... ja, Böhmeke ... genau, der ... Ehrlich? Das ist ja wunderbar, danke schön! „Und? Haben Sie einen schnelleren Termin für mich bekommen?“ Habe ich, nächste Woche. „Toll! Wie haben Sie das nur hingekriegt?!“ Tja, äh ... „Na, sagen Sie schon!“ Die Sekretärin hat mich gefragt, ob ich der Typ von schräg unten bin. „Das verstehe ich nicht.“ Müssen Sie auch nicht. Hauptsache, wir geben immer alles für unsere Patienten und sind erfolgreich!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck

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michelvoss
am Mittwoch, 1. November 2017, 22:25

Real-Satire.

Stimmt genau, so is'es.

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