ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2017Jemen: Krieg, Ernährungskrise und Cholera

THEMEN DER ZEIT

Jemen: Krieg, Ernährungskrise und Cholera

Dtsch Arztebl 2017; 114(42): A-1916 / B-1624 / C-1590

Stöbe, Tankred

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Tankred Stöbe, Mitglied des internationalen Vorstands von Ärzte ohne Grenzen, berichtet über seinen Einsatz im Jemen von Mitte August bis Mitte September.

Choleraopfer Nubila zusammen mit ihrem neugeborenen Sohn Ali und ihrem Mann in der Cholera Treatment Unit von Ärzte ohne Grenzen. Fotos: Ärzte ohne Grenzen

Als der kleine Ali am 20. August 2017 in unserem Cholerazentrum geboren wurde, war er eigentlich dem Tod geweiht: Stark unter-gewichtig wog er lediglich 1 900 Gramm, seine Hautfarbe war bläulich-livide und die Sauerstoffsättigung zeigte nur 58 Prozent. Sofort nach der Entbindung mussten wir ihn mehr als 30 Minuten beatmen. Auch danach blieb sein Zustand kritisch.

Am Vortag wurde er noch im Bauch seiner Mutter, der 36-jährigen Nubila Mahiub, bei uns eingeliefert. Sie litt unter anhaltenden wässrigen Durchfällen und Erbrechen, war schwer dehydriert und erschöpft und bot das lebensbedrohliche Vollbild einer Cholerainfektion: eingefallene Augäpfel, stehende Hautfalten und einen kaum tastbaren Puls. Um ihr Leben und das ihres ungeborenen Kindes zu retten, begannen wir unverzüglich mit einer intravenösen Flüssigkeitsgabe. Dann setzten verfrüht ihre Wehen ein, und wir mussten sie entbinden.

Schwere Epidemie

Die derzeitige Choleraepidemie im Jemen ist mit inzwischen mehr als 700 000 Infizierten und rund 2 000 Toten die schwerste, die das Land je heimgesucht hat. Alle Landesteile sind betroffen. Auch global setzt dieser Ausbruch neue Maßstäbe: Allein im Mai und Juni 2017 gab es im Jemen mehr Cholerafälle als weltweit im gesamten Jahr 2015.

Die Letalitätsrate ist mit 0,35 Prozent allerdings niedriger als bei anderen Durchfallepidemien. Das bedeutet, dass die Patienten eine gute Heilungschance haben – zumindest wenn sie ein Behandlungszentrum lebend erreichen. Täglich nimmt Ärzte ohne Grenzen derzeit zehn Patienten mit schwerer Cholera stationär in ihre Cholera Treatment Unit (CTU) mit einer Kapazität von 50 Betten auf. Insgesamt haben wir so mehr als 7 000 Patienten in den letzten vier Monaten behandelt. Landesweit unterhalten wir 33 solcher Spezialzentren, in denen wir bislang rund 100 000 Patienten behandeln konnten. Das entspricht etwa 15 Prozent aller betroffenen Patienten.

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind etwa 4,5 Millionen Kinder und stillende Mütter im Jemen durch Mangelernährung akut gefährdet. Weltweit liegt das Land damit auf dem dritten Platz. Mangelernährte Kinder und Schwangere zählen zu den am stärksten gefährdeten Cholerapatienten.

Blick auf Taizz, eine 450 000-Einwohner- Stadt in der Nähe der Rettungsstelle, die Tankred Stöbe während seines Einsatzes geleitet hat. Foto: BremecR iStockphoto

Wie konnte es zu diesem Ausbruch kommen? Ursächlich ist eine Vielzahl von Faktoren, die zeitlich zusammenfielen: unzureichende sanitäre Anlagen ohne ausreichend sauberes Trinkwasser und der Ausfall der Abwasseraufbereitung. Zudem erfolgt die Wasserversorgung über Tanks auf jedem Hausdach, die individuell von Wassertrucks aufgefüllt werden müssen. Auch die gegenwärtige Regenzeit ist ein Risikofaktor. Hinzu kommt der oft fehlende Zugang zu Gesundheitseinrichtungen durch weite Wege und hohe Kosten, verbunden mit der konfliktbedingten weiteren Verarmung der Bevölkerung, deren Gehälter nicht mehr ausbezahlt werden.

Mitte August 2017 erreichten wir in einem Flugzeug von Ärzte ohne Grenzen von Dschibuti aus Sanaa, die Hauptstadt des Jemen. Die kommerziellen Fluglinien haben die Verbindungen nach Jemen längst eingestellt. In der leeren Ankunftshalle begegneten uns ähnlich viele streunende Katzen wie gelangweilte Zöllner. Wahrscheinlich waren wir die einzigen Passagiere an diesem Tag. Die Luft-, See- und Straßenblockaden durch Saudi-Arabien schotten den Jemen ab und behindern seit mehr als einem Jahr den Import von lebensnotwendigen Gütern. Da auch humanitäre Hilfe nur schwer ins Land gelangen kann, trägt diese Abriegelung des Landes signifikant zur Verschlimmerung der Krise bei. Von Sanaa aus fuhren wir 230 Kilometer gen Süden. Die Autofahrt dauerte wegen der vielen Checkpoints und kriegsbedingten Fahrbahnschäden sieben Stunden. Unser Ziel war ein kleiner Ort zwischen den Städten Ibb im Norden und Taizz im Süden, der aber in den vergangenen Monaten stark angewachsen ist, weil intern Vertriebene, besonders aus dem umkämpften Taizz, dorthin geflohen sind.

Unser Team besteht aus einem Dutzend internationalen Helfern, bunt zusammengestellt aus verschiedenen medizinischen Professionen und von verschiedenen Kontinenten, die eingebunkert in einem Haus auf dem Klinikgelände leben. Die Fenster sind mit Sandsäcken gesichert, um vor möglichen Bombeneinschlägen zu schützen.

Meine Aufgabe war es, die dortige CTU und die Rettungsstelle zu leiten. Am Morgen des ersten Tages wurde unter anderem ein 13-jähriger Junge mit einer Schussverletzung zu uns gebracht. Er hatte Glück: Das Projektil war im Rücken gerade oberhalb der Beckenschaufel eingedrungen und durch die Bauchdecke wieder ausgetreten, ohne innere Verletzungen anzurichten. Das Kind war in Taizz in einen kriegerischen Schusswechsel geraten. Am Abend erreichten uns die Opfer einer Massenschießerei. Die Tagesbilanz lautete: Vier Tote und sieben Patienten mit lebensbedrohlichen Schussverletzungen. Zudem sahen wir viele Messerstichverwundete und versorgten Opfer von Verkehrsunfällen, deren Verletzungen wegen weithin fehlender Schutzmaßnahmen oft drastisch ausfallen. Einem Motorradfahrer wurde das zum Verhängnis, als er nachts mit einem Bus kollidierte.

Zahlreiche Suizidversuche

Eine besondere Herausforderung bedeuteten Kindertraumen. Ein Junge wurde beim Überqueren der Straße von einem Motorrad erfasst und kam mit ausgeprägten Kopfverletzungen zu uns. Ein Vater überrollte versehentlich seinen Säugling mit einem Kleintransporter. Das Kind überlebte wundersam mit multiplen Rippenbrüchen sowie einem Arm- und Beinbruch. Im Jemen gilt übrigens, dass der Unfallverursacher – wenn er überlebt – das Unfallopfer selbst in die Klinik transportiert und für die Behandlungskosten aufkommt. Das funktioniert, verhindert Fahrerflucht und sorgt bei fehlenden Ambulanzfahrzeugen für die schnellstmögliche medizinische Versorgung.

Tankred Stöbe, seit 2015 Mitglied des internationalen Vorstands von Ärzte ohne Grenzen, während seines Einsatzes im Jemen.

Aber nicht alle Notfälle waren Folgen von Krieg oder Verkehrsunfällen. Wie groß die Verzweiflung in der jemenitischen Gesellschaft ist, zeigte sich an den zahlreichen Patientinnen und Patienten, die nach Suizidversuchen eingeliefert wurden. Zumeist waren es junge Frauen, die Batteriesäure oder Rattengift geschluckt hatten. Andere stürzten sich von Hausdächern oder ritzten sich mit Spiegelscherben die Pulsadern auf. Ein junger Mann wurde mit wiederkehrenden, aber atypischen Krampfanfällen eingewiesen. Wie sich herausstellte, waren sie psychogener Genese. Ein anderer kam komatös nach Alkoholintoxikation, was hier selten und strafbar ist. Während die Behandlung einer Alkohol-intoxikation in Berlin tägliche Routine ist, reagierten unsere Mitarbeiter zunächst aufgeregt und hilflos. Sie beruhigten sich, als der Patient nach einer Stunde wieder aufwachte – zur großen Erleichterung auch seiner Mutter, mit der er sich zuvor übers Heiraten gestritten hatte.

In der zweiten Hälfte meines Einsatzes unternahmen wir von Sanaa aus Erkundungsfahrten, um einige entlegene und unterversorgte Choleragebiete zu erreichen. Vor jeder Fahrt erfolgte eine detaillierte Vorbereitung und Sicherheitsanalyse. Zu den Risiken zählten Luftangriffe, Schusswechsel zwischen Konfliktparteien, bewaffnete Überfälle, Geiselnahmen und Verkehrsunfälle, wobei von den letztgenannten die größte Gefahr ausging. Lastwagen sind meist bedrohlich überladen und überaltert. In den mit acht bis zwölf Insassen überfüllten und oft schrottreifen Autos ist niemand angeschnallt, und auf den klapprigen Motorrädern sitzen sie manchmal zu fünft und keiner trägt einen Helm. So betrachtet ist es erstaunlich, wie wenige Unfälle passieren.

Insgesamt 1 700 Kilometer legte unser Team während der Erkundungsfahrten im Land zurück. Dabei konnten wir auch die schönen Seiten dieser alten Kultur erleben. Das Land bietet grandiose Anblicke, gerade jetzt in der Regenzeit, wenn die Natur alles in ein saftig-frisches Grün färbt. Klar wurde auf diesen Exkursionen aber auch, wie unzureichend die Cholerabekämpfung organisiert ist. Die Vereinten Nationen beschränken ihr Engagement auf einige Städte. Das medizinische Personal bezieht seit einem Jahr keine Gehälter mehr, auch deshalb ist die Gesundheitsversorgung existenziell bedroht. Aus diesem Grund unterstützt Ärzte ohne Grenzen rund 1 200 staatlich angestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den 13 Krankenhäusern, in denen wir tätig sind.

Wann die aktuelle Choleraepidemie überwunden werden kann, ist derzeit nicht abzusehen. Optimistische Schätzungen gehen davon aus, dass ein Ende der Epidemie zum Ende der Regenzeit im November dieses Jahres möglich sein könne, wahrscheinlicher ist aber erst das kommende Jahr.

Fragiles Überleben

Und wie erging es Nubila und Ali? Haben sie die Cholerainfektion überlebt? Was ist ihre Geschichte? Die Familie lebt in einem kleinen Dorf, in dem das Wasser seit Generationen aus einem offenen Brunnen geschöpft wird, der jetzt mit Cholerabakterien verseucht war. Nubilas Ehemann ist Grundschullehrer. Er hat aber wegen des anhaltenden Krieges seit neun Monaten kein Gehalt mehr bekommen. Nubila selbst hilft zeitweise in einer Gärtnerei aus. Zusammen kümmern sie sich um ihre sieben Kinder, wissen aber nicht mehr, wie sie die Familie ohne Einkommen ernähren sollen.

Nubila war nach vier Behandlungstagen cholerafrei, und wir konnten sie auf der Frühgeborenenstation erstmals mit ihrem Sohn zusammenbringen. Dort begann sie, den Säugling zu stillen. Ali war immer noch sehr klein und untergewichtig. Er ist das erste Baby, das cholerabedingt in unserem Behandlungszentrum zur Welt kam. Sein fragiles Überleben scheint fast symbolisch für ein Land zu sein, das, zerrissen zwischen Krieg, Ernährungskrise und Choleraepidemie, einer ungewissen Zukunft entgegensieht.

Dr. med. Tankred Stöbe

Jemen

Foto: dpa

Die Republik Jemen ist etwa eineinhalbmal so groß wie Deutschland. Die rund 27 Millionen Einwohner leben überwiegend in den westlichen Landesteilen. Der Osten des Landes ist von Wüste geprägt. Viele Jemeniten sind arm. Die Gründe dafür liegen in den knappen Wasserressourcen, in der geringen landwirtschaftlich nutzbaren Fläche, vordringlich aber in der politischen Krise. Schätzungen zufolge leben 40 bis 60 Prozent der Jemeniten in Armut. Damit ist der Jemen derzeit das ärmste Land in der arabischen Welt. Zwei von drei Jemeniten wissen nicht, woher sie ihre nächste Mahlzeit beziehen sollen, Kinder betteln am Straßenrand. Oftmals können sich die Menschen keine Nahrungsmittel leisten. Auch Medikamente oder Kranken­haus­auf­enthalte übersteigen die verfügbaren Mittel. Rund 70 Prozent der Bevölkerung sind inzwischen auf humanitäre Unterstützung angewiesen. Viele Patientinnen und Patienten sind so arm, dass sie nicht einmal für den Transport in eine Klinik aufkommen können.

Krieg im Jemen

Die seit Jahren im Jemen geführten kriegerischen Auseinandersetzungen haben verschiedene Ursachen, die unter anderem mit der islamistischen Terrororganisation al-Qaida und mit dem Aufstand der politisch-militärischen Huthi-Bewegung in Zusammenhang stehen. Alle beteiligten Konfliktparteien sind dabei für völkerrechtswidrige Angriffe auf die Zivilbevölkerung verantwortlich. Interne Kämpfe und ausländische Bombardierungen halten bis heute an. Mehr als 10 000 Menschen, überwiegend Zivilisten, sind dem Krieg bislang zum Opfer gefallen, mehr als 40 000 wurden verwundet. Luftangriffe haben wichtige Häfen, Straßen, Schulen und Krankenhäuser zerstört. Laut Welt­gesund­heits­organi­sation funktionieren im Jemen nur noch 45 Prozent der Gesundheitseinrichtungen. Mit seinen 1 600 Mitarbeitern im Land kümmert sich Ärzte ohne Grenzen neben den Choleraopfern auch um die Kriegsverletzten. In verschiedenen Gesundheitszentren haben die Teams mehr als 64 000 Patienten versorgt, rund 37 000 chirurgische Eingriffe durchgeführt und mehr als eine halbe Million Menschen behandelt. Allein in der Stadt Taizz versorgt Ärzte ohne Grenzen derzeit monatlich etwa 800 Kriegsopfer. Dass aus dem Jemen relativ wenig berichtet wird, liegt daran, dass Journalisten nicht ins Land gelassen werden.

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