POLITIK

Ärztinnen: Die Medizin ist weiblich, aber noch nicht an der Spitze

Dtsch Arztebl 2017; 114(42): A-1908 / B-1618 / C-1584

Richter-Kuhlmann, Eva

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Der Deutsche Ärztinnenbund forderte in Berlin zum Umdenken auf. Denn von einer Gleichstellung von Frauen und Männern ist die deutsche Medizin noch weit entfernt.

Unternehmensberater sehen die Situation an deutschen Krankenhäusern kritisch: Noch immer sei der Anteil von Frauen in Führungspositionen im Arztberuf zu niedrig, bemängelt der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) in seinem aktuellen Thinktank-Themendossier „Mehr Frauen in ärztlichen Führungspositionen dringend benötigt“. Nach Ansicht der BDU-Experten müssen Klinikmanager umdenken: Die beruflichen Rahmenbedingungen müssten umgehend attraktiver und an die heutigen Bedürfnisse von Ärztinnen angepasst werden.

Ärztinnen sind bei der Gestaltung und Bewältigung der vielfältigen Aufgaben im Gesundheitswesen nicht wegzudenken. Zugleich sind sie in vielen Gremien und in Führungspositionen nicht ausreichend repräsentiert. Darauf wies erneut Dr. med. Christiane Groß, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB), beim 35. Kongress Anfang Oktober in Berlin des Ärztinnenbundes hin.

Kulturwandel erforderlich

Groß forderte einen „Kulturwandel“. Denn während die Medizin an der Basis bereits überwiegend weiblich ist (65 Prozent der Absolvierenden des Medizinstudiums sind junge Frauen), dominieren in den Spitzenpositionen die Männer. Perspektivisch müsse sich ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in Führungspositionen widerspiegeln – angefangen bei den Chefärztinnen und Klinikleitungen über die Gremien der ärztlichen Selbstverwaltung bis zum Wissenschaftsbetrieb, betonte Groß. „Für den DÄB bedeutet dies, dass wir uns auch künftig für gleiche Karrierechancen für Ärztinnen und für familienfreundliche Arbeitsbedingungen starkmachen müssen“, sagte sie. Groß wird das weiterhin als DÄB-Präsidentin tun. Auf dem Kongress wurde sie für vier weitere Jahre im Amt bestätigt.

Unterstützung kam in Berlin auch von männlicher Seite: Der Einsatz von Ärztinnen für gleiche Karrierechancen und für familienfreundliche Arbeitsbedingungen sei – trotz mancher wichtiger Erfolge – auch weiterhin erforderlich, betonte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) in seinem schriftlichen Grußwort. Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, begrüßte zur Eröffnung des 35. DÄB-Kongresses die zunehmende Zahl der berufstätigen Ärztinnen. Damit nehme aus seiner persönlichen Wahrnehmung die zwischenmenschliche Kompetenz zu. Das „Revierverhalten“ einiger männlicher Kollegen hält Jonitz dagegen für kontraproduktiv.

Eine ausgeglichene Mischung von männlichen und weiblichen Eigenschaften im Team hält Groß auch für die Patientenversorgung für äußerst förderlich. „Frauen behandeln ganzheitlicher und nehmen sich oft mehr Zeit für Gespräche mit Patientinnen und Patienten“, erklärte sie dem Deutschen Ärzteblatt. Mehr sprechende Medizin verbessere bei chronischen Erkrankungen den Gesundheitszustand. Ihr Fazit: Die zunehmende Anzahl der Ärztinnen ist positiv.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

3 Fragen an . . .

Dr. med. Christiane Groß, M.A.
Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes e.V.

Der Frauenanteil in den Führungspositionen bleibt relativ niedrig. Was führt zu den Karrierebrüchen?

Ärztinnen übernehmen nach wie vor den größten Teil der Aufgaben in der Familie. Dadurch verlängern sich die Zeiten für die Weiterbildung. Die Weiter­bildungs­ordnung muss geändert werden, aber auch die vorherrschenden Rollen– stereotypen. Müttern und Vätern muss es in der Medizin ermöglicht werden, Beruf und Privatleben besser zu vereinen – wie in den nordischen Ländern. Zudem sind Frauen kritischer sich selbst gegenüber. Bei der Karriere stehen sie sich selbst mehr im Weg als ihre risikobereiteren männlichen Pendants.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird häufig mit einer Angestelltentätigkeit gleichgesetzt – Fluch oder Segen?

Fluch für die einen und Segen für anderen – vielleicht. Oft erscheint eine angestellte Tätigkeit auf den ersten Blick günstiger und sicherer. Andererseits sind angestellte Ärztinnen auf das Wohlwollen der Kolleginnen und Kollegen und der Leitungsebene angewiesen. In eigener Praxis kann eine Ärztin viel besser steuern, wann und wie sie arbeiten will. Bei der Niederlassung ist häufig mehr Angst im Spiel als notwendig.

Dennoch steigt der Anteil der Ärztinnen in der ambulanten Versorgung. Warum?

Ich denke, dies hat einzig und allein damit zu tun, dass es insgesamt mehr Frauen im ärztlichen Bereich gibt. Es sind viele angestellte Ärztinnen ambulant tätig. Diese rasante Zunahme kann zu einem Fluch werden, der auf Dauer die ärztliche Selbstständigkeit gefährdet.

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