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Internet und Arztbewertungsportale: Auch Ärzte brauchen faire Regeln

Dtsch Arztebl 2017; 114(42): A-1895 / B-1607 / C-1573

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Um es vorweg zu nehmen: Dienstleistung im Internet hat mit idealistischem Altruismus gar nichts zu tun. Was Google, Facebook und andere im Internet treiben, ist Investition, ist Geschäftssinn, ist Unternehmertum. So weit, so gut.

Das Problem: Während es in unserer haptischen gesellschaftlichen Realität dafür über Jahrtausende entwickelte und erprobte Regeln gibt, die vor Gefahren oder Unbilden schützen sollen, ist das im sich rasend schnell entwickelnden virtuellen Netz leider noch anders. Hier müssen wir die notwendigen spezifischen Adaptionen bestehender Umgangsregeln erst noch entwickeln.

Die von vielen so gelobte Freiheit des Internet die Chance zur sicherlich segensreichen Anonymität braucht Grenzen im Sinne Kantʼscher Freiheit, um die im Netz leider noch verstärkt mögliche Rücksichts- und Verantwortungslosigkeit oder auch leichter umzusetzende kriminelle Handlungen zu unterbinden. Noch fehlt es an erfolgreicher Aufklärung und vor allem an eindeutiger Rechtslage, die Sicherheiten schaffen, wie wir sie aus der realen Welt kennen.

In den großen Dingen geht es dabei um den legislativen Kampf, den beispielsweise das Bundesjustizministerium mit internationalen Anbietern führt, um die Gesellschaft und ihre Bürger zu schützen. Im Spezifischen geht es aber auch um wettbewerbsrechtlich relevante Folgen von Dienstleistungsangeboten wie Arztbewertungsportalen, deren Geschäftsgebahren durch kontinuierliche Beobachtung, offene Kritik und im Zweifel vor Gericht in faire Bahnen gebracht werden muss. Zumindest große Anbieter wie Jameda halten sich augenscheinlich an das, was Richter als rechtens sehen.

Dennoch: Längst nicht alles in strittigen Bereichen ist bereits juristisch geklärt. Zwar gibt es inzwischen für die Beurteilungen auf Bewertungsportalen eine Prüfpflicht und ein gerichtlich vorgegebenes Prozedere für den Fall, dass Ärzte rufschädigende Beurteilungen anzweifeln. Und das wird, so behauptete zumindest Jameda jüngst in den Zahnärztlichen Mitteilungen, eingehalten. Allerdings wird die gerichtliche Vorgabe, dass Schmähungen oder Beleidigungen nicht geduldet werden müssen, wohl immer wieder zu Auseinandersetzungen führen, wo hier die jeweiligen Grenzen liegen. Ob dadurch Rufschädigung unterbleibt, ist fraglich.

Dass allerdings das eigentliche Geschäft dieser Dienstleister, nämlich Ärzte dazu zu bringen, Premiumangebote für mehr Raum zur positiven Darstellung der eigenen Arbeit zu kaufen, in einem Beurteilungsportal, das ja alle Ärzte erfasst, erlaubt ist, hinterfragen betroffene Ärzte immer wieder. Kritiker sehen darin unlauteren Wettbewerb. Und wer als Betroffener eine unzutreffende Bewertung bemängeln will, muss sich als Arzt registrieren. Er zählt somit auch wieder zur nach außen vermarkteten „großen“ ärztlichen Klientel des Portals. Ein cleveres Geschäftskonzept?

Jameda jedenfalls bezeichnet es als das Vorgehen, was früher schon in Telefonbüchern üblich war: Ärzte konnten auch dort Anzeigen zur Hervorhebung ihrer Leistungen schalten.

Zumindest zeigen Beispiele wie diese, dass nicht nur Trolle oder das Dark Net, nicht nur Fake News und Hacker überwunden werden müssen, um das Internet zu einem sicheren und lebbaren Raum für alle zu machen. Schon der normale Alltag für Patienten und Ärzte kann zum rechtsfreien Raum werden, in dem es noch einiges zu klären gibt.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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Dr. Peter Gorenflos
am Mittwoch, 20. Dezember 2017, 19:12

Faire Regeln für Ärzte gibt es bereits: das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb

Faire Regeln für Betriebe und Arztpraxen werden unter anderem durch das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb (UWG) geregelt. Das hat weder mit der Digitalisierung zu tun, gegen die nichts einzuwenden ist, die nicht zu stoppen ist und auch gar nicht gestoppt werden soll. Noch hat das mit der Anonymität von Bewertungen auf Bewertungsportalen zu tun, die unschön ist, aber nicht weiter schädlich, soweit für alle die gleichen Spielregeln gelten. Auch hat das gar nichts mit Werbung zu tun, wie sie bei Ärzten mittlerweile nicht mehr unüblich ist, z.B. in Telefonbüchern, in welchen man seine Praxis hervorheben kann oder in Zeitungsannoncen. Unlauterer Wettbewerb ist eine Straftat und wenn jameda sagt, dass man sich an das hält, was Richter als rechtens ansehen, dann entspricht das nicht den Tatsachen! Nicht nur durch Stichproben, sondern auch in größeren Statistiken lässt sich nachweisen, dass zahlende jameda-Kundschaft die besseren Durchschnittswerte erzielt, als nicht zahlende Zwangsteilnehmer auf diesem Portal. Durch Box-Whisker-Plots (Kastengraphiken) und Chi-Quadrat-Tests ließe sich das auch bei sehr großen Fallzahlen bestätigen und es wäre Aufgabe der Kammern, endlich professionelle Statistiker einzuschalten, um die Datenlage zu untermauern. Selbst wenn die Behauptung von jameda korrekt wäre, dass seine Kunden aufmerksamer sind und deshalb schneller auf Bewertungen reagierten (also schlechte Bewertungen monierten), wäre es immer noch inakzeptabel und obszön, dass zahlende Kundschaft bessere Bewertungsdurchschnitte aufweist, als nicht zahlende Zwangsteilnehmer. De facto ist es viel wahrscheinlicher, dass jameda Negativ-Bewertungen bei Kunden restriktiv handhabt, bei Nicht-Kunden durchwinkt oder trotz Einspruch durch den Arzt eher bestätigt. Denn es ist die Diskrepanz an Bewertungsdurchschnitten, die das Geschäftsmodell, die „Dienstleistung“, von jameda erst ermöglicht und wofür die Kunden bezahlen: der unlautere Wettbewerb, bei dem Patienten von Nicht-Kunden abgeworben werden für zahlende Kundschaft, eine Straftat, gegen die es bereits Gesetze gibt.
Der Bundesgesetzhof sollte sich 2018 damit befassen, ob Werbe- und Bewertungsportale grundsätzlich kombiniert werden dürfen, denn jeder Sextaner kann sich an drei Fingern abzählen, dass eine solche Kombination in den Korruptions-Sumpf führen muss. Die Zurückhaltung der Kammern aus falscher Rücksicht auf Kollegen, die jameda-Kunden sind, ist ebenfalls inakzeptabel und wird auf die Reputation der Ärzteschaft wie ein Bumerang zurückkommen. Die Kalkulation von jameda-Kunden, der vorübergehende Vorteil auf Kosten anderer Kollegen, insbesondere dort, wo der Verdrängungswettbewerb am größten ist, bei Fachärzten in Großstädten, wird nur kurzfristig aufgehen. Denn der nächste Schritt wird die Umsatzbeteiligung sein - wie beim Hotel-Portal HRS, welches mittlerweile bis zu 15% der Hotel-Einnahmen kassiert - sobald die Marktführerschaft, das Monopol, etabliert ist, die Verteilung der Patienten durch jameda geregelt wird und die freie Arztwahl nur noch eine Chimäre aus dem vordigitalen Zeitalter sein wird. Die Ärztekammern sollten den Anfängen wehren, zügig professionelle Statistiker mobilisieren und die Wettbewerbszentrale alarmieren.
Dr. Peter Gorenflos, Berlin

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