ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2017Zoonosen (1): Die Pest in Madagaskar ist noch nicht unter Kontrolle

MEDIZINREPORT

Zoonosen (1): Die Pest in Madagaskar ist noch nicht unter Kontrolle

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der Inselstaat kämpft gegen einen ungewöhnlichen Ausbruch der zoonotischen Infektionskrankheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die örtlichen Behörden sind alarmiert wegen des gehäuften Auftretens der Lungenpest.

Städtische Angestellte desinfizieren in Antananarivo ein Klassenzimmer der Grundschule im Stadt viertel Andraisoro, nachdem dort eine Person an der Pest gestorben ist. Foto: picture alliance
Städtische Angestellte desinfizieren in Antananarivo ein Klassenzimmer der Grundschule im Stadt viertel Andraisoro, nachdem dort eine Person an der Pest gestorben ist. Foto: picture alliance

Madagaskar kämpft seit mehr als einem Jahrhundert gegen die Pest: 1898 wurde das Bakterium Yersinia pestis durch infizierte Ratten, die mit Schiffen aus Indien kamen, eingeschleppt. Nach einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2016 treten in dem Inselstaat jährlich rund 400 Fälle auf – das ist mehr als die Hälfte aller Pestfälle weltweit. Normalerweise handelt es sich dabei um die Beulenpest, die im ländlichen Hochland von infizierten Ratten durch Flohbisse auf den Menschen übertragen wird. Aktuell grassiert jedoch vor allem die virulentere Lungenpest (rund 75 % der Fälle), die sich per Tröpfcheninfektion verbreitet und unbehandelt fast immer letal endet.

Bis zum 17. 10. wurden der WHO 849 Fälle gemeldet, 67 Menschen starben. Laut madegassischem Gesundheitsministerium ist die Zahl der Erkrankten auf 1 100 und der Toten auf 107 gestiegen (22.10.). 11 Stämme von Yersinia pestis wurden isoliert und waren empfindlich gegen Antibiotika, die vom Nationalen Programm zur Bekämpfung der Pest empfohlen werden. Der Erreger gehört zur Gruppe der 12 potenziellen biologischen Waffen. „Das Risiko weiterer Übertragungen ist sehr hoch, solange nicht genügend Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung der Infektionskrankheit implementiert sind“, sagte Elhadj As Sy, Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC), auf dem 9. World Health Summit in Berlin.

Die WHO, „gebranntmarkt“ durch ihr zögerliches Agieren bei der Ebola-Epidemie 2014, hat bereits Infektiologen und Epidemiologen entsandt und etwa 1,27 Millionen Euro für Medikamente bereitgestellt. Und das Deutsche Rote Kreuz, das seit vielen Jahren in der Katastrophenvorsorge auf Madagaskar tätig ist, hat eine spezialisierte, mobile Klinik mit 50 Betten in Betrieb genommen.

Die aktuelle Epidemie begann im August. Ein 31-Jähriger reiste aus dem zentralen Hochland mit dem Buschtaxi zur Ostküste – nicht wissend, dass er die Pest hatte. Er starb auf der Strecke und wurde ohne Schutzmaßnahmen bestattet. Dies ist insofern von Bedeutung, als es zu den madegassischen Bestattungsriten gehört, die Leichen zu berühren. 4 weitere Fahrgäste des Buschtaxis starben ebenfalls.

Ob sich Zoonosen zu Epidemien entwickeln, hängt von mehreren Faktoren ab: den hygienischen Verhältnissen, der Bekämpfung der lokalen Zwischenwirte, der Antibiotikaresistenz der Bakterien und/oder der physischen Nähe zur Infektionsquelle. Der kritische Abstand zu einem Lungenpestkranken liegt bei 30 cm. Die Inkubationszeit beträgt 2–6 Tage, der typische Bluthusten tritt erst im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit auf und die Sterblichkeitsrate liegt bei 95 %. Behandelt wird die Pest mit Streptomycin, Gentamycin, Doxycyclin oder Chloramphenicol, das wegen seiner Nebenwirkungen nur als Reservemedikament infrage kommt.

Eine präventive Impfung steht nur zum Schutz vor der Beulenpest zur Verfügung und muss alle 6 Monate aufgefrischt werden. Wegen ihrer schlechten Verträglichkeit wird sie von der WHO nur für Risikogruppen empfohlen, wie Bauern, Landarbeiter und Jäger aus Regionen mit infizierten Nagetierpopulationen.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
Themen:

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote