POLITIK

Bürokratieabbau: Wenig Entlastung bei Papierkram

Dtsch Arztebl 2017; 114(43): A-1958 / B-1656 / C-1622

Beerheide, Rebecca

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Der Abbau von Bürokratie in der ambulanten Versorgung kommt nur langsam voran. Für das aktuelle Jahr wird ein Anstieg von 0,2 Prozentpunkten berechnet.

Formulare und Überweisungen: Bürokratie macht in einer Arztpraxis pro Jahr bis zu 60 Arbeitstage aus. Foto: axentis.de/G. J. Lopata
Formulare und Überweisungen: Bürokratie macht in einer Arztpraxis pro Jahr bis zu 60 Arbeitstage aus. Foto: axentis.de/G. J. Lopata

Überweisungen, Formulare, Dokumentationen und Auskünfte an Krankenkassen: Die Arbeitszeit, die niedergelassene Ärztinnen und Ärzte für Bürokratie aufwenden, ist in den vergangenen zwölf Monaten leicht angestiegen. Derzeit werden 54,16 Millionen Arbeitsstunden pro Jahr für administrative Pflichten in den rund 164 000 Praxen von niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten aufgewendet – das sind 115 000 Nettoarbeitsstunden mehr als 2016. Damit ist der Bürokratieindex, den die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) vergangene Woche zum zweiten Mal in Berlin vorstellte, um 0,2 Prozentpunkte gestiegen.

Insgesamt wird die Bürokratie in der ambulanten Versorgung jährlich auf 4,33 Milliarden Euro pro Jahr beziffert. Dieser Wert wurde in dem Projekt „Mehr Zeit für Behandlung“ des Nationalen Kontrollrats im Jahr 2015 errechnet. Einen Zwischenbericht zum aktuellen Stand des Bürokratieabbaus stellte das Gremium gemeinsam mit der Selbstverwaltung Anfang der Woche vor (siehe Kasten).

Nach dem aktuellen Bürokratieindex sei jede Praxis an 60 Arbeitstagen pro Jahr mit „Papierkram“ beschäftigt. Anlässlich der neuen Zahlen mahnte Dr. rer. oec. Thomas Kriedel, Mitglied des KBV-Vorstandes: „Mehr Zeit für ihre Patienten wünschen sich die niedergelassenen Ärzte. Deshalb darf die Belastung durch Bürokratie in den Praxen das notwendige Maß nicht übersteigen.“

Transparenz schaffen

Für den Index hat die Fachhochschule des Mittelstandes in Bielefeld die Informationspflichten aus Beschlüssen im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA), dem Bundesmantelvertrag, den Regelungen der Bundes­ärzte­kammer sowie den Informationspflichten, die sich durch Vereinbarungen der KBV mit anderen Kostenträgern wie der Unfallversicherung ergeben, zusammengerechnet. Bundesgesetzliche Vorgaben, Leistungen für Privatversicherte oder Informationspflichten die aus regionalen KVen sowie den Lan­des­ärz­te­kam­mern stammen, wurden nicht in den Index einbezogen.

Bei dieser zweiten Erhebung der Fachhochschule im Auftrag der KBV sollten die Belastungen sichtbar gemacht werden. Denn: „Wirksame Bürokratiekostenkontrolle erfordert zunächst die Messung der bürokratischen Belastung. Mit dem entwickelten Bürokratieindex schaffen wir die nötige Transparenz für eine bessere Regulierung und den angestrebten Bürokratiekostenabbau“, sagte Prof. Dr. rer. pol. Volker Wittberg, Leiter des Nationalen Zentrums für Bürokratieabbau (NZBA).

Nach seiner Studie sind die gestiegenen Bürokratiebelastungen auch durch neu eingeführte Pflichten sowie steigende Fallzahlen zu erklären. So ist beispielsweise die Zeit, die zur Verordnung von Krankenbeförderung benötigt wird, deutlich gestiegen. „Hier gehen wir von einer Fallzahlsteigerung aufgrund von demografischen Faktoren aus“, erklärte Wittberg vom NZBA. Er warnte davor, dass durch „Abwarten steigende Zahlen“ entstehen könnten. Auch die 2015 beschlossene Präventionsempfehlung an Erwachsene ist unter den Top drei der neuen Belastungen.

Neue gesetzliche Regelungen können gleichzeitig Be- und Entlastungen bringen: So wurde mit der Reform der Psychotherapie-Richtline zum 1. April 2017 bei der Kurzzeittherapie das Gutachterverfahren gestrichen, dies könnte eine Reduktion von 140 000 Arbeitsstunden bedeuten. Gleichzeitig wird dieses vereinfachte Verfahren „voraussichtlich zu einem Anstieg bei der Fallzahl der Anträge frühen“, so der Bericht. Bei der gutachterpflichtigen Langzeittherapie wurden Zeitkontingente verlängert, so dass „voraussichtlich“ ein Rückgang der Anträge erwartet wird.

Eine der größten Entlastungen ist die Überarbeitung der Chronikerbescheinigung (Muster 55), die rund sechs Millionen Mal von Haus- und Fachärzten pro Jahr ausgestellt wird. Die Vereinfachung geht auf einen Vorschlag des Formularlabors in der KV Westfalen-Lippe gemeinsam mit der Barmer zurück (siehe DÄ 27–28/2016). In dem seit 2011 laufenden Projekt wurde das Formular deutlich verschlankt und letztendlich als genereller Vordruck zur Verfügung gestellt. Laut Index konnten dadurch 300 000 Stunden in der Praxis eingespart werden. Im Rahmen der Zusammenarbeit von niedergelassenen Ärzten und Krankenkassenvertretern wurden auch die Bescheinigung zur Arbeitsunfähigkeit (AU) sowie der Reha-Antrag vereinfacht. Allerdings räumte Kriedel auf Nachfrage ein, dass die „gute Arbeit der Mitglieder in den Formularlaboren“ auf Bundesebene nicht immer gewürdigt werde. „Die Vorschläge von dort kommen oft in Berlin nicht an. Ich erwarte, dass die Vorschläge künftig besser angenommen werden“, sagte er. Aus dem vor einem Jahr vorgelegten Zwischenbericht geht hervor, dass es bei den Formularen oftmals an Systematiken sowie an Stringenz fehlt: So gibt es Kästchen zum Ankreuzen, Freiflächen oder unklare sprachliche Formulierungen. Ebenso stammen viele Formulare aus einer Zeit, in denen digitale Datenverarbeitung weder in Praxen noch bei Kassen üblich war.

„Bürokratie ist wie eine Kugel auf einer flachen Ebene“, erklärte Kriedel. „Wir müssen den Abbauprozess immer und immer wieder anschieben.“ Er forderte, dass künftig bei der Planung von neuen Vorgaben diese zunächst im Praxisalltag bei Ärzten aber auch Krankenkassen erprobt werden, bevor sie beschlossen werden. Über neue Digitalisierungsprojekte allein sei dies nicht möglich.

Unterstützung aus der Politik

„Dafür brauchen wir auch die Unterstützung aus der Politik und fordern für den neuen Koalitionsvertrag, dass es auch im Gesundheitswesen zu einem verbindlichen Abbauziel von Bürokratie kommt“, sagte Kriedel. Dabei stellt er sich hier einen Abbau von rund 25 Prozent vor. Dies hatte sich die Bundesregierung ebenfalls zum Ziel gesetzt und innerhalb von vier Jahren erreicht. „Für uns würde das heißen, dass mit einem Abbau von 25 Prozent 13 Millionen Arztstunden frei werden würden“, rechnete Kriedel vor.

Besonders viele Informationspflichten gibt es für die Dokumentation der Qualität in der Versorgung, 245 Pflichten nehmen 26 Prozent der Arbeitszeit für Bürokratie in Anspruch. Bei den 46 Pflichten im Bereich der Verordnungen und Bescheinigungen werden 38 Prozent der Arbeitszeit benötigt. Bei den 30 Auskünften der Kostenträger werden 20 Prozent der Arbeitszeit verbraucht. Im Bereich der Überweisungen und der elektronischen Gesundheitskarte gibt es 18 verschiedene Informationspflichten, die allerdings 14 Prozent der Nettoarbeitsstunden in Anspruch nehmen. „Hier ist besonders die Vielzahl der Überweisungen ausschlaggebend für diese hohe Stundenzahl“, erklärt Forscher Wittberg. Mit 200 Millionen Überweisungen liegt das Ausstellen von Formularen auf Platz eins der 25 aufwendigsten Informationspflichten. Hierfür werden in Praxen rund sechs Millionen Arbeitsstunden benötigt.

Rebecca Beerheide

Zwischenbilanz des Normenkontrollrats

Das Ziel war 2015 ehrgeizig: In 20 Handlungsempfehlungen, die der Normenkontrollrat (NKR) sowie die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen in dem Projekt „Mehr Zeit für die Behandlung“ identifiziert hatte, sollte der bürokratische Aufwand in den Praxen von Vertragsärzten und -zahnärzten, Psychotherapeuten sowie bei Krankenkassen abgebaut werden. Jetzt, zwei Jahre später, zogen die Beteiligten eine positive Zwischenbilanz: Die Hälfte der Handlungsempfehlungen seien bereits vollständig umgesetzt, fünf seien „in einem weit vorangeschrittenen Stadium“, weitere fünf Empfehlungen seien angestoßen worden. Dazu zählt die Reform der Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung, die Genehmigung der Psychotherapie sowie das Muster zur Verordnung von medizinischer Reha. „Damit ist die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen deutlich flexibler als beispielsweise staatliche Behörden“, erklärte Wolf-Michael Catenhusen, Projektverantwortlicher und Mitglied im Nationalen NKR. „Die Mühen haben sich gelohnt, der Bürokratieabbau wird ernst genommen“, sagte er weiter.

Kritisch äußerte er sich über das geringe Engagement der Krankenhäuser und der Bundesländer: Um weitere Schritte bei der Bürokratieentlastung im Gesundheitswesen zu erreichen forderte Catenhusen beide auf, „aus der Dynamik, die hier entsteht, die Konsequenzen zu ziehen.“ Die „Weigerung der Länder“ am Bürokratieabbau im Gesundheitswesen teilzunehmen, sei kein gutes Zeichen. Catenhusen stellte hier in Aussicht, dass der Normenkontrollrat den Ländern „helfend zur Seite stehen könnte“. Das Projekt des NKR wird in der 19. Legislaturperiode fortgeführt und geht noch bis 2021.

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige