ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2017Öko­nomi­sierung: Strategiewechsel

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Öko­nomi­sierung: Strategiewechsel

Dtsch Arztebl 2017; 114(44): A-2032 / B-1715 / C-1679

Johna, Susanne

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Der ökonomische Druck auf die Ärzte bedroht eine gute Patientenversorgung. Um diese Problematik zu ändern, ist ärztlicher Sachverstand gefragt.

Dr. med. Susanne Johna, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer
Dr. med. Susanne Johna, Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer

Die beiden Autoren beschreiben in ihrem Artikel präzise die Auswirkungen des finanziellen Drucks auf die Patientenversorgung und fordern zu Recht, ethische Prinzipien in ökonomisches Denken zu integrieren. Allerdings wird wohl ein Appell an die kaufmännischen Leitungen von Krankenhäusern, sich mit den ethischen Folgen ihres ökonomischen Handelns zu beschäftigen, überwiegend kein Gehör finden. Sollten sich durch ethisches Verhalten Kosten einsparen lassen, so wird sich das eher auf das Gesundheitssystem als Ganzes beziehen und wohl weniger auf der Ebene des einzelnen Krankenhauses funktionieren.

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Die angesprochenen Mitarbeiterbefragungen sind unbedingt zu fordern. Sie sind wichtige Voraussetzung für eine bipolare Betriebsführung, machen aber nur Sinn, wenn sie nicht nur eine Scheinaktivität sind, sondern aus den Ergebnissen auch tatsächlich Konsequenzen gezogen werden.

Für uns klinisch tätige Ärzte ist der ökonomische Druck täglich spürbar. Impliziter Druck durch Benchmarking oder Zielvorgaben; expliziter Druck, der nicht nur aus der kaufmännischen, sondern manchmal auch aus der ärztlichen Leitungsebene kommt. Druck aufgrund der Arbeitsverdichtung durch Personalabbau und Bürokratieausweitung. Am Ende führt das ökonomische Regime unter dem Diktum „Zeit ist Geld“ zu einer Reduktion der ärztlichen Tätigkeit auf das dringend Nötige und Abrechnungsrelevante. Zeit für Gespräche mit Patienten oder Angehörigen, Zeit für kollegialen Austausch und Weiterbildung, Zeit für Zuwendung und Humanität bleiben auf der Strecke. Es ist sogar so, dass leitenden Ärztinnen und Ärzten neben der medizinischen auch die ökonomische Verantwortung für Ihre Abteilung übertragen wird und sich diese somit zu Erfüllungsgehilfen von Personalabbaumaßnahmen in der eigenen Abteilung machen lassen.

Wir als Ärztinnen und Ärzte, die wir seit Langem das Problem erkannt haben, müssen einen grundlegenden Strategiewechsel verfolgen. Wir haben mit Rückendeckung unserer Berufsordnung (Ärztinnen und Ärzte dürfen nämlich hinsichtlich ihrer ärztlichen Entscheidungen keine Weisungen von Nicht-Ärzten entgegennehmen) eine ärztliche Haltung zu leben, mit der wir der Verantwortung gegenüber unseren Patienten gerecht werden. Darüber hinaus müssen wir darauf hinwirken, dass in der gesundheitspolitischen Steuerung statt des Fokus auf die Reduktion von Kosten auf die Optimierung von Versorgung im Sinne einer patientenorientierten Medizin gesetzt wird.

Damit ethische Anforderungen an die Patientenversorgung wieder an Bedeutung gewinnen, ist eine stärkere Einbindung von ärztlichem Sachverstand erforderlich sowie die Bereitschaft der Politik, der Forderung nach mehr Qualität in der Patientenversorgung die Forderung nach dem dafür in Pflege und Ärzteschaft dringend benötigtem Personal und der notwendigen finanziellen Ausstattung folgen zu lassen.

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