ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2017Ingeborg Syllm-Rapoport: Suche nach Gemeinsamkeiten

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Ingeborg Syllm-Rapoport: Suche nach Gemeinsamkeiten

Dtsch Arztebl 2017; 114(44): A-2026 / B-1710 / C-1680

Richter-Kuhlmann, Eva

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Wie sehr unsere Gesellschaft von Menschen aus anderen Ländern und Kulturen profitiert zeigte ein Symposium an der Berliner Charité zu Ehren von Ingeborg Syllm-Rapoport, der ersten europäischen Professorin für Neonatologie.

Die Kinderärztin Ingeborg Syllm- Rapoport sorgte für Innovationen: Es gelang ihr, die Säuglingssterblichkeit in den 1970er- Jahren in der DDR zu senken (links). Ihr Promotionsverfahren vollendete sie 2015 im Alter von 102 Jahren als Deutschlands älteste Promovendin an der Universität Hamburg (rechts). Fotos: Sozietät der Wissenschaften; dpa
Die Kinderärztin Ingeborg Syllm- Rapoport sorgte für Innovationen: Es gelang ihr, die Säuglingssterblichkeit in den 1970er- Jahren in der DDR zu senken (links). Ihr Promotionsverfahren vollendete sie 2015 im Alter von 102 Jahren als Deutschlands älteste Promovendin an der Universität Hamburg (rechts). Fotos: Sozietät der Wissenschaften; dpa

Es sei ein Privileg der Wissenschaft und der Menschlichkeit zu fragen: Was verbindet uns?“, sagte Prof. Dr. h. c. mult. Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a. D. Unzählige Antworten gab es im September beim Symposium „Migration und Innovation“ der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

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Anlass für die international besetzte Veranstaltung war die gemeinsame Trauer um die Kinderärztin Prof. Dr. med. Ingeborg Syllm-Rapoport, die im Frühjahr im Alter von 104 Jahren in Berlin verstarb. Eine Trauerfeier habe man in Abstimmung mit der Familie nicht gestalten wollen, erklärte der Charité-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. med. Karl Max Einhäupl. Im Sinne von Ingeborg Rapoport sei vielmehr ein in die Zukunft gerichtetes Symposium anlässlich ihres 105. Geburtstages mit den Kernthemen Migration und Internationalität – wesentliche Elemente des Lebens der jüdischen Ärztin, die sich als Migrantin innovativ für die deutsche Medizin, insbesondere für die Neonatologie, engagierte.

„Wir sind auf Migration und Internationalität angewiesen“, betonte Einhäupl beim Ehrensymposium. Dieses Signal wolle die Charité nach außen senden. „Gerade jetzt müssen wir jungen Menschen deutlich machen, wie wichtig es ist, rassistischen Tendenzen entgegenzutreten und sich für Migration und Internationalität einzusetzen“, sagte die jüdische Autorin und Holocaust-Überlebende Margot Friedländer. Süssmuth warnte auf dem Symposium: „Der Rassismus ist nicht überwunden. Wir müssen lernen, andere Kulturen ebenso ernst zu nehmen wie unsere eigene.“ Sie wünsche sich, dass die Wissenschaft die Demokratie noch mutiger verteidige. Es gelte zu fragen: „Was können wir miteinander zum Besseren erreichen?“

An der Charité profitierten derzeit rund 1 000 Kolleginnen und Kollegen aus 88 Nationen voneinander, erklärte Prof. Dr. Adelheid Kuhlmey, Prodekanin der Charité. Einige von ihnen stellte sie vor – beispielsweise Neta Tuvia, Biologie-Studentin aus Israel. Für sie bietet die Arbeit an der Charité eine „nicht selbstverständliche Lebenssicherheit“. Eine Chance, sich mit ihr auszutauschen, hat jetzt Samaa Hijazi, Deutschland-Stipendiatin aus Syrien: „In unseren Ländern wäre eine Unterhaltung und ein gemeinsames Arbeiten aufgrund der Konflikte nicht möglich.“ Wie wertvoll Erfahrungen in anderen Ländern für die eigene Entwicklung sind, verdeutlichte die französische Mikrobiologin Prof. Dr. Emmanuelle Charpentier, seit 2015 Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie. „Mobilität ist einer der bedeutendsten Aspekte der Karriere“, sagte sie.

Die Biografie von Rapoport zeige beeindruckend die innovative Kraft einer Migrantin, betonte Kuhlmey. Nicht zuletzt solle das Symposium eine persönliche Verneigung vor der Frau sein, die als Begründerin der Neonatologie in der DDR gilt und ab 1969 an der Charité den ersten Lehrstuhl für das Fach innehatte.

Ingeborg Syllm wurde 1912 in der deutschen Kolonie Kamerun geboren, wuchs in Hamburg auf und studierte dort Medizin. 1937 legte sie ihr Staatsexamen ab und schrieb ihre Dissertation, eine experimentelle Arbeit über Diphtherie. Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung wurde ihr jedoch der Doktortitel verweigert. Ihr Promotionsverfahren schloss sie – 102-jährig – 2015 als älteste Promovendin an der Universität Hamburg ab. 1938 emigrierte sie in die USA, arbeitete dort als Ärztin und heiratete den Biochemiker Samuel Mitja Rapoport. Als Mitglieder der Kommunistischen Partei floh das Ehepaar mit seinen vier Kindern 1950 zunächst nach Österreich, dann in die DDR.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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