ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2017Von schräg unten: Grandios

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Grandios

Dtsch Arztebl 2017; 114(44): [64]

Böhmeke, Thomas

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Es gibt nichts Grandioseres im Leben, als Arzt zu sein. Es ist Berufung, es ist Hingabe, es ist auch das globale Verständnis nicht nur für alle Menschen, nein, für alles auf dieser Welt; sei es Wissenschaft, Philosophie oder Kultur. All dies und noch viel mehr haben wir uns in unserer jahrelangen Ausbildung auf das Vollkommenste, gleichsam im Bypass mit Biochemie, Chirurgie und Infektiologie angeeignet. Überall wird unsere Meinung immens geschätzt, hat unser Wort ein höheres Gewicht als eine morbide Adipositas permagna.

Auch meine Patienten genießen es, von einem weltläufigen Feingeist wie mir ziselierte Kommentare zu allem und allen erhaschen zu dürfen. Wie auch heute in der Sprechstunde: Ein junger Mann tritt ein, auf dessen T-Shirt die Buchstaben CK prangen. Ah! Die Jugend ist bereits begeistert von einem der wichtigsten Enzyme zur Generierung zellulärer Energie! Er schaut mich irritiert an, bestimmt ist sein Hunger nach biochemischer Differenzierung nicht gestillt. Ja, so führe ich gekonnt aus, N-Phosphoryl-Gruppen werden durch die Kreatinkinase, kurz CK, von Phospho-Kreatin auf Adenosindiphosphat übertragen, es bildet sich das unentbehrliche Adenosintriphosphat!

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Meine Fachangestellte, die anwesend ist, um zu verhindern, dass ich Unfug mache, fällt mir in meine hochgeistigen Ausführungen. „Herr Doktor, der Patient kommt zur Abklärung paroxysmaler Tachykardien.“ Äh, ja, natürlich, kommen wir zum Thema. Aber mit Herzrasen fühle ich mich unterfordert, vielleicht ändert sich das beim nächsten Patienten, der stolz „Camp David“ auf der Brust trägt. Welch pazifistische Einstellung glänzt in meiner Sprechstunde! So begrüße ich ihn. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: Jimmy Carter traf sich mit dem israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin sowie dem ägyptischen Präsidenten Anwar-as-Sadat in Maryland 1979, um den Nahostkonflikt beider Staaten zu entschärfen! Sadat und Begin wurden später mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet! Für diesen wundervollen Exkurs in neuerer Geschichtsschreibung ernte ich große wortlose Augen. Meine Fachangestellte räuspert sich wieder. Bestimmt fehlen ihr, da zutiefst beeindruckt angesichts meiner Belesenheit, die Worte, aber anstelle eines gebührenden Applauses meint sie nur: „Es geht um die Frage einer Koronarerkrankung bei familiärer Disposition, Herr Doktor.“ Ich muss dringend die Dienstanweisungen dahingehend überarbeiten, dass auch meine medizinischen Fachangestellten sich glücklich schätzen müssen, an meinem Wissen teilhaben zu dürfen. Ich habe schließlich zu allen und allem etwas zu sagen, auch zum Nächsten, bitte.

Und bin völlig sprachlos. „Triathlon 2016“ steht in stolzen Lettern auf seinem T-Shirt, das Mühe hat, den Bauchumfang zu halten. Ich fasse es nicht! Denn ich kenne ihn schon lange, er hat sich in jungen Jahren beim Fußball alle Knochen zerschlissen, seine Knie haben schon seit Langem kapituliert, seine Hüftgelenke sind eine einzige Hiobsbotschaft, seine Wirbelsäule bringt Röntgenbilder zum Weinen, seine Luft reicht gerade noch aus, akzeptable Sättigungen mit Sauerstoff in Ruhe zu bewerkstelligen. Und jetzt das: Triathlon 2016! Ich verstehe die Welt nicht mehr! Wunder der Prothetik? Furiose Wiederkehr der Frischzellenkur? Er schaut mich amüsiert an. „Ja, da gucken Sie, Herr Doktor, das stimmt wirklich, ich war dabei! Aber machen Sie sich keine Sorgen, ich war nur der Streckenwart!“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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